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Sachen, die man mal gemacht haben sollte

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Hotelzimmerparty

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Letztens war ich zufälligerweise in einem großartigen Hotel in Berlin, dessen Name mir leider schon wieder entfallen ist. Der erste Blick im Zimmer galt, wie immer, der Speisekarte des Roomservice und der Minibar. 0,2 Liter Milch sollten 8,50 Euro kosten, die Piccolo-Flasche Champagner, die in dreifacher Ausführung in der Minibar vorhanden war, wurde mit 58 Euro aufgerufen. Da ich von den Preisen gelangweilt war, entschied ich mich für eine Flasche Chardonnay to go für 8,50 Euro aus einem nahegelegenen Restaurant, danach rief ich den Badebutler und genoss den Chardonnay und eine feine Zigarre in der Badewanne.

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Am nächsten Morgen ging ich vor meinem Termin als erstes in die Sauna (an den Öffnungszeiten der Sauna lässt sich ein wirklich gutes Hotel erkennen; 6.30 Uhr scheint mir eine geeignete Zeit zu sein) um den Chardonnay wieder auszuschwitzen. Da ich einschlief, kam ich eine Stunde zu spät zu meiner Konferenz, was mir aber relativ egal war.

Dort lud ich mir zwei Menschen zu der für den Abend geplanten Party in meinem Hotelzimmer ein; die Leute waren mir zu 50 % sympathisch, so dass ich mir die Option offenhielt, sie entweder als Gäste oder als Unterhaltungsprogramm aka Zootiere einzuladen. Nachdem einer erzählte, dass er Bushido in einem Club getroffen hätte und danach eine Diskussion über Rückenbehaarung anfangen wollte, wurde mir klar, dass es auf Letzteres hinauslaufen würde.

Am Abend bat ich den Concierge, mir zwölf Whiskygläser, einen zweiten Aschenbecher und einen Zigarrenschneider aufs Zimmer bringen zu lassen. Etwas später stand ein Servierwagen mit meiner Bestellung in meinem Wohnzimmer. Sogar an eine Blume hatte man gedacht, was mich in Anbetracht der Tatsache, wie das Zimmer ein paar Stunden später aussehen sollte, positiv beeindruckte.

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Ab 21.00 Uhr begann mein Telefon zu klingeln: Der Concierge meldete die Gäste an und ließ sie zu mir in den fünften Stock begleiten.

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Die beiden morgens eingeladenen Gäste bestätigten meine Vorurteile und meinten, dass Deutschland mal wieder einen Führer brauche, nachdem ich mit dem Stichwort "Goebbels" die Gretchenfrage stellte.

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Am nächsten Morgen ließen wir uns den Wagen meines Ehrengastes aus Hamburg aus der Tiefgarage vorfahren und ich begab mich aus der Parallelwelt hinter den geschichtsträchtigen Mauern des Hotels in das wirkliche Leben zurück.

Gegen den Zustand des Zimmers war Dresden 1945 der reinste Kindergeburtstag, aber als ich ein paar Stunden später zurückkehrte, sah alles wieder so aus wie vorher. Ich war zutiefst verstört von dem Gedanken, dass das Personal solche Exzesse anscheinend gewohnt und darauf vorbereitet war und fragte den Concierge, wieviele Menschen wohl bei meiner Party waren.

Er schaute mich an, zog eine Augenbraue hoch und fragte "Welche Party, mein Herr?", woraufhin ich ihn anlächelte und ihm ein kleines Trinkgeld zusteckte.
Später sprach ich mit dem Direktor, der mir anbot, für meinen nächsten Aufenthalt zu vermerken, dass mir gleich bei der Ankunft ein Audiokabel, mit dem ich mein Notebook an die Stereoanlage anschließen kann, aufs Zimmer gebracht werden würde.

Montag, 31. August 2009

Sachen, die man mal gemacht haben sollte: Eine Martin-Walser-Lesung stürmen

Zu der Zeit, als ich in meine erste WG in einem stadtbekannten Punkerviertel gezogen bin, war es schrecklich angesagt, gegen irgendetwas zu protestieren. Ich weiß nicht genau, wie genau wir hingekommen sind, doch fand ich mich irgendwann in einem versifften Raum am Schneiderberg wieder, wo gerade Einzelheiten über die Stürmung der bevorstehenden Martin-Walser-Lesung besprochen wurden. Der Plan war, die Plakate in der Nähe des Veranstaltungsortes mit einem anderen Termin überzuplakatieren, um die potentiellen Besucher von der Lesung fernzuhalten. An der U-Bahn-Station sollten weitere Mitglieder der Gruppe postiert werden, die verbreiten sollten, dass die Lesung auf nächsten Januar verschoben worden sei. Die Leute, die sich davon nicht vom Besuch der Lesung abhalten haben lassen sollten, würden direkt vom Protest erfahren, weil sie miterleben würden, wie die Gruppe die Bühne stürmt und von dort aus Flugis (ProtestlerInnen- und Protestlerinnensprache für Flugblätter) verteilen.

Natürlich war es aufregend, die Bühne zu stürmen, wo die Leute dann versucht haben, ihr Flugblatt zu verteilen und eine Erklärung zu verlesen. Das dabei ein Glas zu Boden fiel und zerbrach, verstärkte den revolutionären Charakter noch mehr. Nachteilig war allerdings die enorme Textmenge, die es notwendig machte, das Blatt doppelseitig und in Schriftgröße 9 zu bedrucken. Auch die vielen Binnen-Is verbesserten nicht unbedingt die Lesbarkeit. Aber das Plenum schien es so beschlossen zu haben, und deswegen sollte auch alles vorgelesen werden.
Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wofür, oder wogegen ich protestierte. Und genauso schien es den anderen auch zu ergehen, besonders demjenigen, der versuchte, das Flugblatt zu verlesen. Es schien irgendwas mit Nazis zu tun zu haben, wie ich am Rande mitbekam. Aber der Text war so kopflastig und kompliziert geschrieben, dass kein Interesse im Publikum bestand, ihn bis zum Ende zu hören.

Der einzige Grund, warum ich dort mitgemacht habe, war das Mädchen, dass die Sache mitorganisiert hat.

Mittwoch, 19. August 2009

Sachen, die man mal gemacht haben sollte: In der eigenen Stadt im Hotel übernachten

Nachdem ich trotz mittelschwerer Krankheit jeden Abend privatpartyesken Zügen annehmendem Krach aus dem Nachbarzimmer ausgesetzt war, befand ich mich trotzdem irgendwann wieder auf dem Wege der Besserung. Allerdings hatte ich keine Lust, mein Zimmer, dass genau so aussah, wie man es sich nach einer Krankheit vorstellt, aufzuräumen. Als dann wieder ein Schwall von Krach, vermutlich ausgelöst durch einen schlechten Witz und quittiert mit dem lauten Scheppern herunterfallender Bierflaschen, durch die viel zu dünne Wand zu mir herüberdrang, war mir klar, dass ich Ruhe brauchte. Und keine Lust hatte, mich aufzuregen. Sondern viel lieber eine liebe Person empfangen würde, allerdings nicht in diesem unaufgeräumten, lauten und chaotischen Rahmen.
Spontan kam mir die Idee, ein Hotelzimmer zu buchen. Allerdings hatte ich keine Lust, die Stadt zu verlassen, so dass ich kurzerhand über das Internet ein Zimmer buchte, dass nicht mal drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Trotzdem war es eine komplett andere Welt: Statt des Ausblicks auf die trinkenden und herumpöbelnden Leute auf der Limmerstraße gab es den Ausblick auf trinkende und herumpöbelnde Leute auf dem Maschseefest, was gerade in vollem Gange war.
Aber: es gab schallisolierte Fenster und auch den direkten Blick auf den See, Sushi an einer ruhigen Stelle am Ufer, einen Eiswürfelspender auf der Etage (schon als Kind habe ich Eiswürfelspender bei Hotelaufenthalten geliebt), Flure, die nach dieser unnachahmlichen Mischung aus US-amerikanischen Putzmitteln und kühler Klimaanlagenluft riechen und in ihrem 1990er-Laura-Ashley-Stil wahrscheinlich in jedem Hotel dieser Kette auf der ganzen Welt gleich aussehen, einen Fernseher direkt am überdimensionierten Bett (normalerweise schaue ich kein TV, weil mir meine Zeit im Alltag zu wertvoll dafür ist, aber wenn ich genug Zeit habe, liebe ich es, mit 3-4 Zeitungen und nebenbei laufenden Unterschichtenfernsehen oder Panzerdokus auf N24 im Bett zu liegen) und alle Zeit der Welt, diese Parallelwelt, die sich nur 3 Kilometer von meinem sonstigen Lebensmittelpunkt befindet, auszukosten.
Nach dem Einchecken bin ich zum Gast in meiner eigenen Stadt geworden, denn normalerweise wäre mir das Viertel um den Maschsee viel zu langweilig und das Maschseefest zu sehr verseucht mit unkultivierten und gleichzeitig langweiligen Menschen. Aber an diesem Tag war es genau das richtige, ein Kurzurlaub in einem anderen Stadtteil; ich beobachtete die Menschen wie ein Aussenstehender, sog alles in mich auf und fühlte mich ein bisschen wie auf einer Safari, die ohne Kamera auskommt.

Das Frühstück am nächsten Tag führte mir diese kultivierte Unkultiviertheit des sich im Hotel aufhaltenden Maschseefestpublikums nochmals vor Augen. Es deprimiert mich jedesmal wieder, wenn ich Menschen in betont lässiger Freizeit-"Kleidung" beim Abgrasen des Frühstücksbuffets mitansehen muss. Fast schon wollte ich mich aus Mitleid mit ihnen meines tadellos sitzenden Sakkos schämen. Noch schlimmer als der Anblick: Rentner aus Osterholz-Scharmbeck, die sich darüber unterhalten, dass sie die SPD wählen wollen.
Als die Servicekraft beim Auschecken registrierte, dass ich eine Adresse in der gleichen Stadt angegeben hatte, glaubte ich zu spüren, wie sie mich musterte. Natürlich tat sie das nicht, denn im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche Arbeitenden genoß sie anscheinend eine ganz passable Ausbildung, doch wusste ich, dass sie spätestens nachdem sie mir am vorherigen Abend einen Kühler für den Champagner besorgte, dachte, ich sei einer von den Männern, die mit ihrer Geliebten ins Hotel gehen, welches nur ein paar Blocks von der eigenen Wohnung entfernt ist. (Das finde ich aber respektlos, vor allem der Geliebten gegenüber. So viel Zeit sollte schon sein, ein vernünftiges Hotel in einem anderen Ort auszuwählen). Ich überlegte kurz, ob ich sie deswegen auch respektlos finden sollte, habe sie aber dann in dem Glauben gelassen, und bat sie, als Name des Gastes Mrs. Laura Baker (Name geändert) in die Abrechnung einzutragen.

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