Hotelzimmerparty

Letztens war ich zufälligerweise in einem großartigen Hotel in Berlin, dessen Name mir leider schon wieder entfallen ist. Der erste Blick im Zimmer galt, wie immer, der Speisekarte des Roomservice und der Minibar. 0,2 Liter Milch sollten 8,50 Euro kosten, die Piccolo-Flasche Champagner, die in dreifacher Ausführung in der Minibar vorhanden war, wurde mit 58 Euro aufgerufen. Da ich von den Preisen gelangweilt war, entschied ich mich für eine Flasche Chardonnay to go für 8,50 Euro aus einem nahegelegenen Restaurant, danach rief ich den Badebutler und genoss den Chardonnay und eine feine Zigarre in der Badewanne.

Am nächsten Morgen ging ich vor meinem Termin als erstes in die Sauna (an den Öffnungszeiten der Sauna lässt sich ein wirklich gutes Hotel erkennen; 6.30 Uhr scheint mir eine geeignete Zeit zu sein) um den Chardonnay wieder auszuschwitzen. Da ich einschlief, kam ich eine Stunde zu spät zu meiner Konferenz, was mir aber relativ egal war.
Dort lud ich mir zwei Menschen zu der für den Abend geplanten Party in meinem Hotelzimmer ein; die Leute waren mir zu 50 % sympathisch, so dass ich mir die Option offenhielt, sie entweder als Gäste oder als Unterhaltungsprogramm aka Zootiere einzuladen. Nachdem einer erzählte, dass er Bushido in einem Club getroffen hätte und danach eine Diskussion über Rückenbehaarung anfangen wollte, wurde mir klar, dass es auf Letzteres hinauslaufen würde.
Am Abend bat ich den Concierge, mir zwölf Whiskygläser, einen zweiten Aschenbecher und einen Zigarrenschneider aufs Zimmer bringen zu lassen. Etwas später stand ein Servierwagen mit meiner Bestellung in meinem Wohnzimmer. Sogar an eine Blume hatte man gedacht, was mich in Anbetracht der Tatsache, wie das Zimmer ein paar Stunden später aussehen sollte, positiv beeindruckte.

Ab 21.00 Uhr begann mein Telefon zu klingeln: Der Concierge meldete die Gäste an und ließ sie zu mir in den fünften Stock begleiten.

Die beiden morgens eingeladenen Gäste bestätigten meine Vorurteile und meinten, dass Deutschland mal wieder einen Führer brauche, nachdem ich mit dem Stichwort "Goebbels" die Gretchenfrage stellte.

Am nächsten Morgen ließen wir uns den Wagen meines Ehrengastes aus Hamburg aus der Tiefgarage vorfahren und ich begab mich aus der Parallelwelt hinter den geschichtsträchtigen Mauern des Hotels in das wirkliche Leben zurück.
Gegen den Zustand des Zimmers war Dresden 1945 der reinste Kindergeburtstag, aber als ich ein paar Stunden später zurückkehrte, sah alles wieder so aus wie vorher. Ich war zutiefst verstört von dem Gedanken, dass das Personal solche Exzesse anscheinend gewohnt und darauf vorbereitet war und fragte den Concierge, wieviele Menschen wohl bei meiner Party waren.
Er schaute mich an, zog eine Augenbraue hoch und fragte "Welche Party, mein Herr?", woraufhin ich ihn anlächelte und ihm ein kleines Trinkgeld zusteckte.
Später sprach ich mit dem Direktor, der mir anbot, für meinen nächsten Aufenthalt zu vermerken, dass mir gleich bei der Ankunft ein Audiokabel, mit dem ich mein Notebook an die Stereoanlage anschließen kann, aufs Zimmer gebracht werden würde.
svennov - 7. Okt, 09:28
