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Draußen

Sonntag, 27. September 2009

Eine Leserin weniger für das Limmerstraßenblog

Es war ja abzusehen. Aber trotzdem wollte es niemand wahrhaben. Die Ärzte gaben ihr noch 18 Monate. Ich überlegte, eine Sterbegeldversicherung (ohne Gesundheitsprüfung selbstverständlich) über 12.500 Euro für sie abzuschließen, brachte es aber nicht übers Herz, weil ich bis zuletzt hoffte, dass sie wieder gesund würde. Drei Wochen vor ihrem Tod füllte ich den Antrag aus. Und zerriss ihn einen Tag danach wieder. Trotzdem: aus 18 sind fast 24 Monate geworden.

Einige Monate vor ihrem Tod sprach sie mich an und zeigte sich entrüstet über meine Lampenölerfahrungen, die Blut-und-Sperma-Geschichte und einige weitere alltägliche Begebenheiten aus der Limmerstraße. Wobei sie auch einiges missverstanden hat.
Ich weiß bis heute nicht, wie sie von meinem Blog erfuhr, ihr Interesse war mir suspekt, ich fühlte mich irgendwie ausspioniert, so dass ich sofort den Zugriff auf diese Seite in ihrem Browser sperrte. Was mir natürlich sofort einen bissigen Kommentar von ihrer Seite einbrachte. Trotzdem versprach ich ihr, dass ich in Zukunft auf Lampenöl verzichten und versuchen werde, regelmäßig zu essen.

Auch wenn es mir damals noch nicht klar war: Meine Mutter war die wichtigste Leserin dieses Weblogs.

Montag, 24. August 2009

Schützenfest

"Schnell sein, dabei sein, Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne..."

Eigentlich fing dieser sommerliche Tag wunderbar an: Sonnenschein, schöne Menschen auf der Limmerstr., eine gute Flasche Chardonnay nach Feierabend und die großartige Perspektive mit der Linden-Sekte in den menschlichen Zoo aka Proleten Schützenfest zu gehen.

Kurz nachdem uns das Taxi auf den Festplatz der Landeshauptstadt ausgespuckt hat wußte ich, warum ich mir dieses Programm nur einmal im Jahr antue. Soweit das Auge reicht sah ich nur schlechtaussehende, schlechtgekleidete Menschen, jugendliche Intensivtäter, Komasaufkinder und schnurrbarttragende Losverkäufer mit Kurzarmhemden, welche zu grottoider Musik den Schützenfestbesuchern für einen überteuerten Preis riesige Sponge-Bobs oder andere wahrscheinlich in Kinderarbeit gefertigten "Hauptgewinne" verkauften.
Am schlimmsten allerdings empfand ich das geballte Auftreten von adipösen Menschen, meistens in Begleitung von hochkalorischen Speisen, allerdings in Kombination mit einer Cola light, wahrscheinlich, weil man mal auf RTL2 eine Reportage gesehen hat und seitdem auf seine "schlanke Linie" zu achten versucht.

Obwohl ich sonst kein Freund staatlicher Reglementierungen bin, finde ich, dass man dieses geballte Zentrum optischer und akkustischer Umweltverschmutzung einzäunen und als Zutrittskriterium eine gewisse geistige Reife verlangen sollte.

Irgendwann im Laufe des Abends wurde noch Arnold Gehlens Theorie des Mängelwesens zitiert: Der Mensch sei von Natur aus mangelhaft an seine Umwelt angepasst, doch besitze er durch seine "Weltoffenheit" die Möglichkeit, selbige an seine Bedürfnisse anzupassen.
Was ja nichts anderes als die Geburt der Kultur ist. In Anbetracht des kulturellen Defizits auf dem Schützenfest fielen zu diesem Thema noch die Worte "menschliche Müllhalde", was, so schlimm, wie es sich auch anhört, leider empirisch bewiesen werden konnte.

Nachdem wir mit dem eigentlichen Grund unseres Besuches begonnen haben, dem Trinken von Lüttjen Lagen, vergaß ich schnell die visuelle und akustische Umweltverschmutzung um mich herum.
Pünktlich um 23.00 gingen überall die Lichter aus. War ja schließlich Familientag. Plötzlich sahen wir uns mit einer pöbelnden Bierstandbesitzerin konfrontiert, die sich darüber echauffierte, dass unsere spanischen Gäste mitgebrachtes Bier tranken. Unabhängig davon, dass wir ihre einzigen (zahlenden) Gäste an diesem Abend waren, die sicherlich 60 Euro in Lüttje Lagen investiert haben, hielt sie uns vor, dass das eine Frechheit sei und forderte uns auf, "Eure Flaschen mitzunehmen". Mein höfliches, deeskalierendes Angebot, dass "Sie den Pfandwert behalten dürfen" schien sie nicht mehr wahrgenommen zu haben.

Donnerstag, 13. August 2009

Schlafen kannst Du, wenn Du tot bist

Vor einiger Zeit verbrachte ich meinen Urlaub in Miami, ich glaube, dass war sogar noch bevor ich Christoph Daum in sein Exil flüchten sah, da ich Daum bei Lufthansa getroffen habe während sich dieses Erlebnis auf Continental Airlines bezieht. Nach einer Zwischenlandung in Newark sollte es mit einer alten 727 nach Miami weitergehen, doch nach dem Anlassen der Triebwerke drang schwarzer Rauch aus denselben. Mittlerweile war ich schon gut 22 Stunden auf den Beinen, so dass sich erste Ausfallerscheinungen bei mir bemerkbar machten: Ein Teller der Kette sbarro fing auf einmal an, in einer Mischung aus italienisch und englisch auf mich einzureden; auch nach dem Boarding wurde es nicht besser, weil mir dort eine Continental-Airlines-Serviette Zitate von Goebbels zuzuflüstern versuchte. Und das mit sehr starkem amerikanischen Akzent . Es dauerte noch ein paar Stunden, bis sich das Flugzeug Richtung taxiway bewegte, vorher machten mehrere Passagiere ihrem Ärger Luft und verließen das Flugzeug, was das Karma an Bord nicht unbedingt verbesserte.
Plötzlich war ich der Meinung, dass ich schon bald schlafen kann, weil ich nämlich bald tot sein werde wenn dieses rostige Stück Metall aka Boeing 727 nämlich beim Start in seine Einzelteile zerfallen wird. Tatsächlich konnte ich schlafen. Und war verwundert, als ich mich ein paar Stunden später in Florida wiederfand.

Donnerstag, 6. August 2009

Berlin-Limmerstr.-Amsterdam

Eigentlich wollte ich wieder einen Pornofilm in Berlin drehen, doch bekam ich erst auf dem Weg mit, dass das Berlin-Indie-Porn-Short-Movies-Festival unter anderen Bedingungen stattfinden wird, was leider ausschloss, dass wir einen Film ad hoc am Wochenende produzieren konnten, der am Montag vor Publikum gezeigt wurde. Stattdessen verbrachte ich die Nacht größtenteils im Taxi zwischen irgendwelchen Clubs und belanglosen Privatpartys, auf denen gelangweilte Hipster herumstanden. Nachdem unser Plan, das Macbook der Gastgeberin zu klauen daran scheiterte, dass ich mich weigerte, es in einer Aldi-Tüte abzutransportieren, und unsere Pöbeleien gegen die affektieren Partygäste auch keinen überwältigenden Spaß mehr machten, entschieden wir uns, den Auftritt von Mr. Oizo anzuschauen. Nachdem mir auf der Toilette eine Kombination aus Blowjob und drittklassigen Drogen von einem Kerl angeboten wurde, hatte ich das starke Bedürfnis, die Lokalität mit meiner erstklassigen Begleitung zu verlassen.
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Auto wieder zurück in die Limmerstr. An einer Tankstelle nahmen wir zwei Backpackerinnen aus den USA und Australien mit, welche das gleiche Ziel hatten.
Eigentlich wollten sie nach Amsterdam, doch wurden sie anscheinend von allen Vorbeifahrenden aufgrund ihres hippiesken Reiseziels ausgelacht, weswegen sie sich dann umentschieden haben. Nach der Ankunft organisierte ich Pizza, Bier und Futurama-DVDs für die Gäste und bot ihnen, in Ermangelung einer Schlafgelegenheit, meinen Flokati im Wohnzimmer an.

Zehn Tage später fand ich mich in einem großartigen, fast schon surrealistischen Hostel in Amsterdam wieder. Und neben mir saßen die beiden Übernachtungsgäste. Diesmal haben sie Pizza und Bier besorgt.

Dienstag, 28. Juli 2009

Zum zivilen Ungehorsam im öffentlichen Raum

Nachdem die Teilnehmer der sogennanten Botellón in Hannover-Linden immer wieder von Polizeifahrzeugen umkreist wurden, teilweise von Polizisten Platzverweise erhielten und einmal eine in diesem Zusammenhang in der hannoverschen U-Bahn stattfindende Veranstaltung durch die Polizei geräumt wurde, scheint die staatliche Repression gegenüber unorganisierten und unpolitischen Nutzungen des öffentlichen Raumes weiterzugehen:

Der Rave, der letztes Wochenende auf der Dornröschenbrücke zwischen Linden und Nordstadt stattgefunden hat, wurde durch ein massives Polizeiaufgebot vorzeitig beendet. Wie bei den Botellón-Aktionen gab es keinerlei offizielle Berichterstattung über die Aktionen: Weder durch die Pressestelle der Polizei, noch durch die Tageszeitungen. Vermutlich will man keine Nachahmer anstiften und sich der aus der Berichterstattung resultierenden Diskussion über die Nutzung des öffentlichen Raumes entziehen.

Ein Fall aus Braunschweig zeigt, wie es auch gehen kann:
Ein dort über eine StudiVZ-Gruppe geplantes, flashmobartiges Picknick wurde von den Behörden verboten. Mit der Begründung, dass der öffentliche Raum nur dazu gedacht sei, um von A nach B zu kommen. Anders als andere Gruppen haben die Initiatoren die Öffentlichkeit gesucht, um von ihrem Fall zu berichten. Das Ergebnis davon ist, dass viele Blogger und Twitterer nun den Aufruf verbreiten, dass am 8.8.2009 zwischen 16.00 und 18.00 Uhr KEIN Picknick auf dem Braunschweiger Schlossplatz stattfinde und jetzt schon in den "klassischen" Massenmedien über den Fall berichtet wird (Vgl.: 1 2 3). Der ursprüngliche Ideengeber der Picknick-Aktion hat nun auch offiziell eine Demonstration gegen das Flashmob-Verbot in der Stadt an dem bereits erwähnten Termin angemeldet.

Und hier kommt wieder unser alter Bekannter, der Streisand-Effekt ins Spiel: Hätte es keine Intervention der Stadt Braunschweig gegeben, wären vielleicht 100 Personen gekommen, doch nach der Welle der Entrüstung, die die Stadt mit ihrem durch fadenscheinige Argumente gestützten Flashmobverbot erzeugt hat, wird es eine Frage der Zeit sein, bis die Deutsche Bahn einen Sonderzug nach Braunschweig fahren lässt.

Update: Nach Informationen des Spiegels soll die Demonstration gegen das Flashmob-Verbot am 22.8. auf dem Braunschweiger Schlossplatz stattfinden und nicht an dem ursprünglich für das Picknick gedachten Tag.

Freitag, 12. Juni 2009

"Das Internet wird überbewertet...

...zumindest, wenn es ums produktive Arbeiten geht und/oder man ausnahmsweise nicht Wikipedia als Quelle benutzen darf.", entgegne ich dem Menschen, der mich, bei Chardonnay in einem Straßencafé sitzend in meinem Schreibfluss unterbricht, indem er mich fragt, ob es hier einen Hotspot gäbe. Seine Frage empfinde ich als vollkommen in Ordnung, da er ein sympathischer Mensch ist.
Nicht so, wie die Gruppe von Frauen, die sich zu meiner Linken niedergelassen hat und allein durch ihre Anwesenheit schon stört. Das Alpha-Mädchen ist eine Bussi-Tussi-Lehramtsstudentin, welche schon zu Beginn den gesamten Aussenbereich mit ihren Ausführungen über den Jacobsweg beschallt und dabei stolz ihre Jacobsmuschel zeigt. In einem Anflug von Naivität bekomme ich Hunger bei der Erwähnung des Wortes, welches für mich eher mit gutem Essen zu tun hat. Jenes in dem Lokal zu erwarten, in dem ich mich befand erschien mir noch vermessener, nachdem mir die überforderte Servicekraft zunächst einen Chianti anstelle des von mir bevorzugten Chardonnay brachte. Ich kann mich mit einem mittelmäßigen Salat von meiner Arbeit und von den ätzenden Persönlichkeiten am Nebentisch ablenken.
Meine imaginäre Tagcloud zeigt das Wort "Seele" am größten an: Es sind bisher noch keine fünf Minuten vergangen und schon wünsche ich mir eine Chromaxt herbei, um nachschauen zu können, ob dieses Wesen wirklich eine solche besitzt oder ob sie nicht vielleicht doch in ihrem Kopf eine sämige Masse aus Schlachtabfällen aromatisiert mit einem Chanel-Imitat aus dem letzten Türkeiurlaub trägt.
Aber es ist nicht nur ihre penetrante Stimme, welche die meisten spanischaffinen Mädchen haben, und die bei jedem normalen Menschen spätestens nach 10 Minuten Mordfantasien aufkommen lassen, die mich stört. Dass die grottoiden, in Spanien erworbenen Sprachkenntnisse ausgebreitet werden, um den ohnehin schon stauenenden Freundinnen zu imponieren, ist mehr ein Nebeneffekt, der die Situation zwar logischer, aber nicht einfacher für mich macht.
"Hallo Stefan, ich bin wieder back in town, ich hoffe, dir und deiner Freundin geht es gut und sie hat ihre Therapie erfolgreich abgeschlossen. Würde mich freuen, wenn du noch vorbeikommen würdest.", quakt sie plötzlich in ihr Mobiltelefon, was von den zu beeindruckenden Freundinnen mit "Sie hat Therapie gemacht? Kraass!" kommentiert wird. "Aha, sie sucht sich auch noch intellektuell unterlegene Freundinnen zum Angeben aus.", schießt es mir durch den Kopf, bevor die wahrscheinlich schon im Kindergarten an ADHS erkrankte Wortführerin selbiges wieder an sich reißt.

Mittwoch, 15. April 2009

Sommer?

sommer

Donnerstag, 2. April 2009

Botellones

Seit einiger Zeit schlagen hier immer wieder Ankündigungen einer sogenannten "Interessengemeinschaft Lebendiges Linden 2.0" auf, in denen zur Teilnahme an Botellones aufgerufen wird. Eine Botellon ist eine Art kollektives Vorglühen, es kommt ursprünglich aus Spanien und findet dort meistens auf Plätzen und in Parks statt. Letztes Jahr gab es Berichte darüber, dass auch in Zürich regelmäßig Botellones auf öffentlichen Plätzen stattfinden. Nach bisherigen Erkenntnissen hat es bisher 3 Veranstaltungen dieser Art in der Stadt, in der die Limmerstr. liegt gegeben.
Die letzte allerdings fand wegen der niedrigen Temperaturen in der Straßenbahn statt, was bei der Polizei in Hinblick auf den im März 2008 stattgefundenen, im Gegensatz zur Botellon politisch motivierten S-Bahn-Rave wahrscheinlich einen Angstreflex auslöste, dessen Auswirkungen ich im Folgenden beschreiben möchte.
Die Veranstalter hatten einen Fahrplan ausgearbeitet, der die Teilnehmer mit Bus, U-Bahn und S-Bahn durch die Stadt, in der die Limmerstr. liegt geführt hätte.
Gerade im Kontext des Polizeieinsatzes wird nochmals von Seiten der Veranstalter betont, dass es sich bei der Botellon um eine reine Spaßveranstaltung ohne politische Hintergedanken handele.

Im folgenden gebe ich die Erfahrungen meines Freundes M. weiter, der bei der Aktion dabei war.

Die Limmerstr., wo zufälligerweise auch die Anfangshaltestelle lag, war überfüllt mit unauffällig auffälligen Zivilbullen, in den Nebenstraßen hatten sie ihre grauen Passat Kombis abgestellt und schlichen in Zweierteams um die wartenden Botellon-Teilnehmer herum. In der Bahn war das Bild ähnlich: die drahtigen, leicht Asi-mäßig aussehenden Jungs mit Kopfhörern im Ohr waren schlecht getarnte Cops, bei denen man teilweise sogar die Hundemarken erkennen konnte. Dazu kamen noch jede Menge uniformierte Polizisten und Security-Leute. An der Kopernikusstr., wo eigentlich nach einem Kiosk-Stopp ein Umstieg in den Bus geplant war, machten die Polizisten die U-Bahn-Station dicht und hielten die 25 Teilnehmer am alternativsten aussehenden Teilnehmer für ungefähr eine Stunde fest; die bürgerlicher gekleideten Teilnehmer durften die Station verlassen. Die Festgehaltenen erhielten einen Platzverweis für alle Stationen der Botellon und für Hannovers Straßenbahn im Allgemeinen. Der ganze Engelbosteler Damm war gut gefüllt mit Sixpacks, und auch an jeder der 8 Umstiegspunkte wartete jeweils ein Sixpack um die ausgesprochenen Platzverweise kontrollieren zu können.

Das ist natürlich auch eine gute Art, auf effiziente Weise Geld zu verbrennen... Ich bin gespannt auf den Frühling und die für dann angekündigten Aktionen.

Montag, 30. März 2009

Zum Fische kaufen nach Apeldoorn

Kurz nachdem der Intercity von Schiphol nach Berlin Hengelo passiert hat, setzt sich ein Mann zu uns. Er spricht uns an, wirkt nervös, versucht eine Art Solidarität unter vermeintlichen Schmugglern zu provozieren, indem er uns ungefragt erzählt, dass der einzig vernünftige Grund, die Niederlande zu besuchen die illegale Einfuhr von Betäubungsmitteln nach Deutschland sei. Auf den Zweck meiner Reise angesprochen, sage ich, dass ich mir Architektur der de-stijl-Gruppe angeschaut habe und ernte ein verständnisloses Kopfschütteln. Meine Versuche, ihn für den Konstruktivismus der 1920er Jahre zu begeistern, scheinen an ihm abzuperlen.

Als der Zug Bad Bentheim erreicht, fordert er uns auf, den zehnminütigen Aufenthalt mit ihm bei einer Zigarette auf dem Bahnsteig zu verbringen. Sein Gepäck, das aus einer weißen Plastiktüte besteht, lässt er auf dem Sitzplatz neben uns zurück.

Es kam so, wie es kommen musste, wir werden von der Bundespolizei angesprochen und nach unseren Ausweisen gefragt. Mein Verdacht bezüglich der illegalen Aktivitäten des unbekannten Mitreisenden scheint sich auf die Beamten übertragen zu haben, nach einer Anfrage bei der Dienststelle wird er nach dem Grund seiner Reise gefragt. Er antwortet, dass er Fische gekauft habe, und zwar, wie er auf Nachfrage angibt, in Apeldoorn. "Unmöglich", sagt einer der Beamten und schüttelt seinen Kopf genauso, wie es der Mitreisende tat, als ich ihn mit meinem Interesse an niederländischer Architektur konfrontierte.

Meine Begleitung und ich dürfen gehen, die Beamten begleiten den Mitreisenden ins Wageninnere um sein Gepäck anzuschauen. Ich nehme wieder neben der weißen Plastiktüte Platz, er allerdings geht einfach weiter, die Beamten ihm hinterher. Nach einer Minute kommen sie wieder, er hat wohl in seiner Aufregung vergessen, wo sein Platz war. So ein Fischeinkauf in den Niederlanden scheint eine wirklich spannende Sache zu sein, ich stelle mir vor, wie zwei Kois in der Plastiktüte um ihr Überleben kämpfen und gleich von den Beamten gerettet werden. "Fehlt nur noch das Kamerateam", denke ich mir.

Als die Beamten die Plastiktüte sehen, funkeln ihre Augen kurz auf, einer der beiden entleert ihren Inhalt hastig auf die Sitze, während der andere die Jacken- und Hosentaschen des Mitreisenden durchsucht. In der Plastiktüte befinden sich Mandelhörnchen, eine Tüte Vla sowie eine halbvolle Tüte Kartoffelchips. Erwartungsvoll schauen alle Umstehenden den mit der Taschendurchsuchung beschäftigten Kollegen an, doch das dort gefundene Schlüsseletui, eine Schachtel Zigaretten und Kaugummis scheinen den Verdacht der Grenzschützer nicht zu erhärten und so verabschieden sie sich hektisch-frustriert.

Als der Zug den Bahnhof verlässt, wendet sich der Mitreisende abermals an uns um uns den Inhalt seines Schlüsseletuis zu zeigen. "Idioten", stößt er dabei in einem verachtungsvollen Tonfall mit russischem Akzent aus.

amsterdam zuid

postmoderne architektur umrahmt das world trade center.
was hier wohl nach feierabend los ist?
le corbusier hätte seine freude gehabt
das einzig nicht geplante an diesem platz ist das wetter
und es regnet wie zum beweis
schicke yuppies schlendern durch den bahnhof, auf dem weg zurück in ihre bürotürme
einer von ihnen trägt sogar hosenträger
selbst der brötchenverkäufer sieht so so aus, als wäre er bwl-student
manschettenknöpfe scheinen weit verbreitet zu sein
welch paradiesischer zustand
menschen essen nudeln mit erdnusssauce
in tageslichtdurchfluteten in-cafeterias
die trolley-gesellschaft macht einen zwischenstop hier,
trinkt danach einen espresso
und ist dann schnell wieder im zug nach berlin.

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der alltägliche Wahnsinn zwischen Ihmezentrum und Kötnerholzweg, Uni, Büro und fremden Küchen, maßgeschneiderten Anzügen und ranzigen Clubs... Schreiben Sie mir unter svennov @ yahoo.de oder folgen Sie mir bei twitter: twitter.com/svennov

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