Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft
„Heute hängt die Chance der Freiheit in hohem Maße von der Kraft und Bereitschaft ab, sich der Massenmeinung zu widersetzen, unpopuläre politische Praktiken zu verfechten, die Richtung des Fortschritts zu ändern.“ (Marcuse 1965:105)
1. Einleitung
Marcuses Theorie nimmt im Kanon der Kritischen Theorie, welcher sie neben den Theorien Adornos, Horkheimers und Fromms angehört, eine Sonderstellung ein: sie basiert auf der Freudschen Psychoanalyse, und nimmt bei ihm, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, eine exponierte Position ein. Sein Hauptwerk Triebstruktur und Gesellschaft, welches 1955 erschien, basiert auf der erstmals von Freud im Unbehagen der Kultur postulierten Diskrepanz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Lust- und Realitätsprinzip, welche sich in Form von Trieben und Kultur gegenüberstehen.
In fortgeschrittenen Industriegesellschaften herrscht eine weitgehende Entsublimierung (Vgl.: Marcuse 1965:101) in den Bereichen Sexualität, sozialen Beziehungen und Zugänglichkeit der Kultur. Dabei wird speziell die Sexualität bzw. ihre Liberalisierung als kommerzieller Anreiz und Statussymbol instrumentalisiert. Gerade in dieser Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft liegt das Paradoxon: die klassische freudsche Theorie geht von einem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft aus, ersteres wird durch die Sexualität als Kraft des Lustprinzips und Ausdruck des Es angetrieben, während die Gesellschaft als Institution des Realitätsprinzips wirkt und deswegen notwendigerweise repressiv gegenüber den „kompromisslosen Ansprüchen der primären Lebensinstinkte“ (Marcuse 1965:101) ist. Durch diese Repression findet umgekehrt eine Abgrenzung des Individuums gegenüber der Masse statt.
Durch die Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft, oder in Marcuses Worten, der kommerziellen, repressiven Entsublimierung, ändert die libidinöse Energie ihre Funktion und Richtung und führt nicht mehr zur Befreiung des Individuums vom Gesellschaftlichen sondern vielmehr zu seiner Unterordnung und Integration, weil die unter dem Lustprinzip beheimatete (zumindest gedankliche) Autonomie des Ich aufhört zu existieren. Im jetzigen Zustand der scheinbaren sexuellen Liberalisierung wird allerdings nicht „die individuelle Freiheit erweitert, sondern ihre [die gesellschaftliche] Kontrolle über das Individuum.“ (Marcuse 1965:102). Die Repression selbst wird dadurch verdrängt, deswegen ist die gewährte Freiheit eine Scheinbare: Die Gesellschaft ordnet die Individuen mehr denn je ihren Erfordernissen unter, indem sie Freiheit und Gleichheit erweitert und dadurch die Durchsetzung des Realitätsprinzips mittels ausgedehnter, aber kontrollierter Entsublimierung vorantreibt.
Das individuelle Über-Ich, welches nach Marcuses Theorie aufhört, zu existieren, zensiert nicht nur das individuelle Es, das Unbewusste, sondern auch die Gesellschaft, aufgrund derer es entstanden ist. Das dadurch herausgebildete Gewissen ist daher Vorraussetzung für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dieser Prozess wird durch das Vorhandensein „zufriedenstellender Freiheiten“ (Marcuse 1967:95) erschwert bzw. unterbunden; stattdessen wird der Verlust des Gewissens bewirkt, es entsteht eine unfreie Gesellschaft des glücklichen Bewusstseins, die das Resultat schwindender Autonomie und Einsicht ist (Vgl.: Marcuse 1967:95).
2. Zum Veralten der Psychoanalyse und ihrer Funktion als Fundament von Marcuses Theorie
Während Freud seine Theorie kulturuniversalistisch verfasste, beschreibt Marcuse den historisch-dialektischen Charakter kultureller Entwicklung im Kapitalismus, die zum status quo führte. In der spätkapitalistischen Gesellschaft wird immer mehr Arbeit für Produktion und Konsum an sich überflüssiger Waren und Dienstleistungen aufgewendet, was nicht unbedingt den Interessen der Gesellschaft sondern vielmehr den Profitinteressen der wirtschaftlich Herrschenden entspricht. Der Anteil an wirklich notwendiger Arbeit zum Erhalt des materiellen und kulturellen Niveaus hingegen sinkt. (Vgl.: Busch 2001:92ff)
Marcuse bezeichnet die Psychoanalyse insofern als veraltet, als dass das freudsche Konzept des Individuums, welches sich aus Es, Ich und Über-Ich zusammensetzt, der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Rechnung trägt (Vgl. Marcuse 1965:85). Er vertritt die Meinung, dass Freud in seiner Theorie schon während seiner Schaffenszeit „mehr die Vergangenheit als die Gegenwart“ (Marcuse 1965:86) analysierte und damit die Entwicklung der Gesellschaft komplett ignoriert.
Trotzdem existiert das Konzept der Psychoanalyse weiter, was dazu führt, dass eine Therapie basierend auf den veralteten gesellschaftlichen Annahmen dem Individuum nicht mehr helfen kann, vielmehr stützt sie das bestehende, von Marcuse scharf kritisierte Gesellschaftssystem. Dadurch verliert sie jedoch nicht ihren allgemeinen Wahrheitsgehalt, im Gegenteil, bei gesellschaftlichen Fragestellungen und unter Berücksichtigung der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung „offenbart [sie] das Ausmaß, in dem Fortschritt in der Wirklichkeit Repression gewesen ist“ (Marcuse 1965:85) und ermöglicht somit, bei richtiger Anwendung eine neue Perspektive auf die fortgeschrittene Industriegesellschaft.
Freuds klassische Theorie der Psychoanalyse setzt einen andauernden Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft als grundsätzlich gegeben voraus und sieht dementsprechend das Problem des einzelnen Patienten, auf welchen sie fokussiert ist, in seiner Unfähigkeit des Funktionierens in der als normal bezeichneten Gesellschaft und sein daraus erwachsendes Bedürfnis nach Schlichtung. Nicht nur in der individuellen Krankheitsgeschichte liegt der Konflikt begründet, sondern vielmehr im dieses erst ermöglichende „allgemeinen, umfassenden Schicksal des Individuums unter dem etablierten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:87). In der Psychoanalyse behält das Individuum trotz Therapie sein unglückliches Bewusstsein, der Konflikt zwischen ihm und der Gesellschaft wird nicht gelöst; Es wird in jenem Maße geheilt, befreit, in dem es die seinem Leiden zugrunde liegenden Prinzipien anerkennt und mit ihnen umgehen kann, somit wird eine „relative Autonomie in einer Welt der Heteronomie“ (Marcuse 1965:87) erlangt.
Nach Freud wird der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft vor allem und zuerst im Konflikt mit dem Vater erfahren, der Vater ist jene Institution der Gesellschaft, die dadurch auch die Unterordnung des Lustprinzips unter das Realitätsprinzip durchsetzt. Gerade in diesem Prozess findet auch die Herausbildung des Ichs und des Über-Ichs statt, die Vergesellschaftung des Individuums ist das Werk des Vaters, der Familie.
Mit der historischen Entwicklung veraltet dieses Prinzip der Persönlichkeitsbildung, durch die Entwicklung der Industriegesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen kommt es zur „Machtkonzentration in den Händen einer allgegenwärtigen technischen, kulturellen und politischen Verwaltung, sich automatisch erweiternde[r] Massenproduktion und -konsumtion, Unterwerfung ehedem privater, antisozialer Dimensionen des Daseins unter methodische Schulung, Manipulation und Kontrolle.“ (Marcuse 1965:88), was dazu führt, dass anstelle des Vaters nun andere gesellschaftliche Institution das sich herausbildende Ich dirigieren. Der Sohn wird immer unabhängiger vom Vater, gesellschaftlich notwendige Verhaltensweisen werden nicht mehr im Kampf mit dem Vater erlernt, „das Ichideal wird vielmehr dazu gebracht, auf das Ich direkt und von außen einzuwirken, ehe noch das Ich (…) sich herausgebildet hat“ (Marcuse 1965:89). Somit wird die Vermittlung zwischen dem Selbst und dem Anderen durch direkte Identifikation ersetzt, was die Entstehung von Massen fördert und die individuelle Autonomie einschränkt. Das Ich ist in der Folge nicht mehr in der Lage, „sich als ein Selbst, unterschieden von Es und Über-Ich, zu erhalten.“ (Marcuse 1965:89).
Die komplexe Situation des Ichs nach Freuds ahistorischer Theorie wird von einer „eindimensionalen, statischen Identifikation des Individuums mit seinesgleichen und dem verwalteten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:89) abgelöst, die den von Freud beschriebenen intrapersonalen Prozessen, Instanzen und Konflikten keinen Raum mehr lassen. Jene werden von Freud als universell und ewig beschrieben, daraus schließt Marcuse, den generellen Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse nicht anzweifelnd, dass die ehemals individuellen psychoanalytischen Kategorien und die daraus resultierenden Probleme nicht verschwunden bzw. gelöst sind, sondern in der nun herrschenden gesellschaftlichen Situation unter der Prämisse des sich auflösenden individuellen Ichs auf eine massenpsychologische Ebene transferiert werden: Nicht mehr das Über-Ich setzt das Realitätsprinzip um, sondern die Führer.
Das Paradigma des autonomen Subjekts ist veraltet, da die Bedingungen dafür nicht mehr gegeben sind: Das Ich wird nicht mehr in der Familie als gesellschaftlicher Agentur ausgebildet sondern in und durch die Massen der vaterlosen Gesellschaft. Das Ichideal wird vom Ich getrennt und auf ein kollektives Ideal übertragen. Durch diese Verminderung und Kollektivierung des Ich entsteht die Situation der Regression auf primitive Entwicklungsstufen, welche Aggressionen anstaut. Anstatt in Form einer gesellschaftlich kontrollierten Übertretung abgebaut zu werden, werden die entstehenden Energien zur „normalisierte[n] gesellschaftliche[n] und politische[n] Anwendung von Angriffsenergie im Zustand permanenter Bereitschaft“ (Marcuse 1965:104) umgewandelt. Dadurch werden Triebkräfte freigesetzt, die sich gegen die etablierten politischen Institutionen richten und sie zu untergraben drohen. Die politischen Herrscher können dadurch, dass sie die Massen befriedigen, auf sie reagieren und auf ihre Wünsche eingehen, ihre Macht noch weiter vergrößern, es entsteht „autoritäre Macht in demokratischer Form.“ (Marcuse 1965:105).
Auch Freud beschreibt in seinem Aufsatz Massenpsychologie und Ich-Analyse den Schritt von der Individual- zur Kollektivpsychologie, er führt aus, dass Faktoren, welche Individuen zu Massen vereinigen, Gefühlsbindungen, insgesamt zielgehemmte Impulse und Ausdruck eines geschwächten und verarmten Ich sind. Letzteres führt zur Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, bei der das Individuum sein Ichideal aufgibt und es mit dem Gruppenideal, das vom Führer verkörpert wird, ausgetauscht hat (Vgl.: Marcuse 1965:92). Ausserdem werden dadurch Bewusstsein und Gewissen geschwächt. Unter dem Einfluss totaler Bürokratisierung verfallen sowohl das Gewissen wie auch die persönliche Verantwortung, da durch den Verwaltungsapparat die persönliche Autonomie bestimmt und teilweise ganz vernichtet wird. In der modernen Industriegesellschaft wird die an sich „rationale und fortschrittliche Übertragung individueller Funktionen auf den Apparat begleitet von der irrationalen Übertragung des Gewissens und von der Unterdrückung des Bewusstseins“ (Marcuse 1965:93), womit Marcuse mit Freuds Massenpsychologie und der These zu einer regressiven Seelentätigkeit übereinstimmt.
„Die gesellschaftlichen Interessen sind zu den innersten Trieben ihrer Bürger geworden“ (Marcuse 1967:91), anstelle des nach freudscher Definition geforderten Triebverzichts in der Kultur tritt nun die Unterstützung der Triebe und ihrer Befriedigung, um mit der daraus resultierenden Befriedigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.
Die institutionalisierte Steuerung der Libido verheißt dem Individuum Genuss, welcher durch das Fehlen moralischer Schranken zum Prinzip erhoben wird. Das Unbehagen in der Kultur weicht einem eindimensionalen, auf Befriedigung ausgerichtetem glücklichen Bewusstsein, welches sich durch das Unvermögen, Widersprüche und Alternativen zum System zu erfassen auszeichnet. Damit verschwinden neben dem Unbehagen in der Kultur auch die Bedingungen für Gesellschaftskritik aus der Wahrnehmung.
3. Das Prinzip der repressiven Entsublimierung
Künstlerische Entfremdung, die Sublimierung, beschreibt den Prozess, mittels dessen Triebenergie in kulturelle Leistungen umgewandelt werden kann, der Bilder hervorbringt, die mit dem Realitätsprinzip unvereinbar sind, aber gerade deswegen ihre Daseinsberechtigung in der Kultur haben, da sie einen Moment der Erkenntnis und individuellen Autonomie transportieren und erhebend und nützlich wirken (Vgl.: Marcuse 1967:91). Die Sublimierung bewahrt durch die Gedanken, deren Umsetzung durch die Gesellschaft sanktioniert würde das Bewusstsein vor Versagungen und erinnert damit an das Bedürfnis nach Befreiung. Das Unbehagen in der Kultur wird unter der Sublimierung bewusst reflektiert und gleichzeitig kritisch verarbeitet, während es unter der repressiven Entsublimierung wegen der kontrollierten Verfügbarkeit des unmittelbaren Genusses in den Hintergrund tritt und nicht mehr wahrgenommen wird. Sublimierung als reflektierendes Moment erfordert ein hohes Maß an Autonomie und Einsicht, indem sie zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen von Es und Über-Ich, von Individuum und Gesellschaft vermittelt. Gerade dadurch, dass sich die Sublimierung im Kunstwerk der Unterdrückung beugt, besiegt sie sie (Vgl.: Marcuse 1967:95).
Im Gegensatz zu Freud verneint Marcuse die These, dass Kultur Triebverzicht bedeute: Die sonst bei der Sublimierung entstehenden Gedanken werden real, sie verlassen die Fantasiewelt weil sie im Namen des Konsums und des Machterhalts instrumentalisiert werden. Der vermittelte Genuss wird durch einen Unmittelbaren ersetzt, es entsteht eine Entsublimierung, welche das der sublimierten Kunst immanente Moment der Wahrheit und Erkenntnis eliminiert.
Repressive Entsublimierung beschreibt den durch instrumentalisierte Vernunft erreichten ökonomischen und technischen Fortschritt, welcher letztlich eine enterotisierte Einstellung zur Welt bedingt, deren Realität mit vielfältigeren Möglichkeiten der Erlangung oberflächlich-sexueller Befriedigung zu kaschieren versucht wird, was somit gleichzeitig das Gewissen als letztmögliche Instanz der Reflektion und Erkenntnis ausschaltet: „Die repressive Entsublimierung der Sexualität ist ein Nebenprodukt gesellschaftlicher Kontrollen über die technologische Wirklichkeit, welche die Freiheit erweitern und dabei Herrschaft intensivieren.“ (Marcuse 1967: 92). Durch die Technisierung der Gesellschaft wird Arbeitszeit eingespart, was sich mit dem Vergleich zwischen einem, von einer Hausfrau unter hohem Einsatz von Handarbeit zu Hause selbstgebackenen Brotes mit einem in einer Fabrik unter der Berücksichtigung moderner Arbeitsteilungsprinzipien (wie z. B. Taylorismus) und unter der Verdrängung von Handarbeit durch die Mechanisierung der Produktion hergestellten Brotes, veranschaulichen lässt. Gerade die Diskrepanz vorindustrieller Arbeit, welche heute romantisiert wahrgenommen wird, zur Freizeit, „die Durchdringung der Welt mit Elend, harter Arbeit und Schmutz“ (Marcuse 1967:92) bildete das Fundament alles Vergnügens und aller Freude (Vgl.: Marcuse 1967:92). Dies macht deutlich, dass durch die Mechanisierung neben der Arbeitskraft auch Libido eingespart wird; die Landschaft, die dem Individuum als Quelle der Lust diente, die als Medium lustbetonter Erfahrung existierte, die dem Individuum entgegenkam, dazu tendierte, erotisiert zu werden, die dazu einlud, die Libido über die individuellen erogenen Zonen heraus auszudehnen, wurde durch die Technisierung der Umwelt „wegrationalisiert“. Stattdessen wird die Libido stärker fokussiert, erotische Energie durch die technologische Wirklichkeit reduziert und im Gegenzug die Sexuelle gesteigert, wodurch sowohl die Reichweite als auch das Bedürfnis des Individuums nach Sublimierung reduziert wird. Der qualitative Unterschied wird schnell sichtbar: Während die Erotik die sinnlich-geistige, psychologische Anziehung darstellt, ist die Sexualität die trieb- und körpergesteuerte Geschlechtlichkeit.
Sexualität erscheint in der klassischen Literatur in „hochsublimierter, vermittelter, reflektierter Form“, in der sie zum gesellschaftlichen Sprengstoff wird, da sie „absolut, kompromisslos und bedingungslos“ ist, ihre Erfüllung würde gleichzeitig Zerstörung der gesellschaftlichen moralischen Prinzipien im Sinne von Eros und Thanatos bedingen. Sie befindet sich dadurch jenseits der gesellschaftlichen Moral und kann deswegen auch trotz des bestehenden Realitätsprinzips existieren (Vgl.: Marcuse 1967:96).
Die Beschreibung entsublimierter Sexualität dagegen ist obszöner, hemmungsloser und unmoralischer, aber gerade deswegen harmlos, weil entsublimierte Sexualität der Realität entspricht, sie zur Stützung des status quo eingeplant ist, sie ihrer Spontaneität und ihrer subversiven Gedanken beraubt wurde, keine Fantasie verlangt und dementsprechend auch keinerlei zerstörerisches Potential mehr besitzt. Damit verwandelt sich die Sexualität, in ihrer sublimierten Form revolutionär, in eine von ihrem mit der Realität unversöhnlichen Traumcharakter befreite Karikatur ihrer selbst, in ein „Vehikel der Bestseller der Unterdrückung“ (Marcuse 1967:97).
Die sexuelle Freiheit der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation wird zum Wirtschaftsfaktor, der sich selbst bedingt: die durch die Industrialisierung induzierte ubiquitäre Verfügbarkeit von Konsumartikeln und und die Abnahme schmutziger und schwerer körperlicher Arbeit im Zuge der Mechanisierung ermöglichen eine sexualisierte Darstellung des Körpers in der Arbeitswelt. Doch letztlich ist diese Freiheit eine trügerische, weil das Individuum in der Freude über die vermeintlich großzügig gewährten Möglichkeiten vergisst, dass die vermeintliche Freiheit zu einem Mittel der Unterdrückung geworden ist und nur auf vorbestimmte Wahlmöglichkeiten begrenzt ist. Die Befreiung der Triebe von Unglück und Unbehagen schafft ein Bewusstsein, welches die Tatsache, dass es Unfreiwillig herbeigeführt wurde, in den Hintergrund treten lässt. Die Kontrolle über die Triebenergie wird dem Individuum abgenommen, es entsteht eine Art outgesourctes Über-Ich, dass sich jedoch von dem Über-Ich nach freudscher Definition dadurch unterscheidet, dass keinerlei Verzicht nötig ist; im Gegenteil: der Genuss wird zum Ideal erhoben, der Hedonismus wird zur neuen Maxime. Die Sexualität wird durch die Konsum- und Arbeitswelt instrumentalisiert und ermöglicht ein Fortbestehen des Systems, indem sie durch ihre kontrollierte Verfügbarkeit in der Werbung und die Aufnahme libidinöser Komponenten in den Bereich von Warenproduktion und -austausch sowohl Kaufanreize wie auch gesellschaftliche Idealbilder und schließlich repressiv-entsublimierten Genuss schafft. (Vgl.: Marcuse 1967:93f)
Auch im kulturellen Bereich wirkt dieses Prinzip repressiver Entsublimierung durch verwaltete Befriedigung. Durch die massenhafte Verfügbarkeit von Kulturgütern und ihre Vermarktung als Ware findet ein Wechsel der Qualität von der ehemals befreienden, autonomen, transzendierenden Kultur, die gerade dadurch ihre Existenzberechtigung hatte, hin zur die Macht des Realitätsprinzips unterstützenden und bewahrenden „technischen Ausstattung des täglichen Haushalts und der täglichen Arbeitswelt“ (Marcuse 1965:103) statt.
Dem auf diese Weise erlangten Genuss wohnt keine Erkenntnis mehr inne, auch die Künste werden materialisiert und kommerzialisiert; Es ist ein unmittelbarer Genuss, vergleichbar damit, „wie es Spaß macht, im Motorboot davonzurasen“ (Marcuse 1967:94). Diese Verwaltung der Libido und des Genusses, die Harmonie zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen, führt zu einer Reduktion des Lustprinzips im Rahmen der Eliminierung der nicht mit der Gesellschaft zu vereinenden Ansprüche und somit zu einer „Befriedigung auf eine Weise, die Unterwerfung hervorbringt und die Rationalität des Protestes schwächt“ (Marcuse 1967: 95), die das kritische Denken einschränkt und somit zu einer Auflösung des Gewissens führt.
Die Liberalisierung der Sexualität in gesellschaftlich gelenkte Bahnen bedingt die Zunahme gesellschaftlicher Befriedigung und insofern auch die Herabsetzung der Triebspannung, wodurch das Realitätsprinzip, das die rationale Instanz des Ich ist, welches die Wünsche bzw. Triebe des Es auf Durchführbarkeit hin überprüft, an Relevanz verliert und durch das Lustprinzip abgelöst wird.
Die gesellschaftliche Kontrolle der Entsublimierung und die Verfolgung eines Ziels mit diesem Prozess impliziert das Vorhandensein eines repressiven Moments der Entsublimierung, im Vergleich zu dem „die sublimierten Triebe und Ziele mehr Abweichung, mehr Freiheit und mehr Weigerung enthalten, die gesellschaftlichen Tabus zu beachten.“ (Marcuse 1967:92). Unter diesen Vorzeichen wird Fortschritt zum Vermittler von Repression, da die gesellschaftlich tolerierte und kontrollierte Befriedigung real möglich ist und insofern der triebbestimmte, geistige Widerstand gegen das Realitätsprinzip als Garant für individuelle Freiheit gemindert wird.
4. Die vaterlose Gesellschaft
In dieser durch institutionalisierte und instrumentalisierte Vernunft geprägten Gesellschaft ist kein Platz mehr für die Rolle des Vaters, weder in der Familie, noch in gesellschaftlichen Instanzen, so dass der Zustand der vaterlosen Gesellschaft sich einstellt. Marcuse sieht in der von ihm beschriebenen fortgeschrittenen Industriegesellschaft keinen Vater im freudschen Sinne; weder in der Familie, die als Instanz der Sozialisation schon längst abgelöst wurde, noch in den Führern.
Die Identifikation mit dem äußerlichen Ichideal erfolgt im Kindesalter, die Familie büßt ihre Vorreiterrolle als Agentur der Sozialisation ein. Das Kind lernt, dass nicht mehr der Vater, sondern Freunde, Sport, Medien, etc. Autoritäten für ein angemessenes Verhalten sind.
Nach freudscher Definition muss jegliche soziale und politische Kontrolle in einer Person verkörpert (im Sinne vorhandener Gefühlsbindungen) sein. Doch wird in der von Marcuse beschriebenen Gesellschaft kein Vaterbild mehr beschworen, obwohl die Führer die Gefühlsbindungen zwischen ihnen und der Masse zu betonen versuchen. Es sind allerdings keine Personen mehr, die dort beschworen werden, es sind fungible „Stars und Starlets von Politik, Fernsehen und Sport“ (Marcuse 1965:97), es sind austauschbare Autoritäten einer höheren Autorität, die sich nicht mehr in einer Person verkörpert: Der Autorität des herrschenden Produktionsapparats (Marcuse 1965:97), welcher sowohl Führer und Geführte beherrscht, ohne jedoch die Unterschiede zwischen ihnen zu beseitigen (Marcuse 1965:97). Daraus resultiert der Zustand der vaterlosen Gesellschaft, in der andere Agenturen des Realitätsprinzips die Rolle des Vaters eingenommen haben (Vgl. Marcuse 1965:96).
Durch die Vaterlosigkeit der Gesellschaft fehlt dementsprechend die gemeinsame Identifikation mit dem Führer, Zusammenhalt wird in der Gesellschaft durch Abwälzung destruktiver Gedanken auf ein Feindbild ausserhalb erreicht. Die einseitig an technisch-ökonomischen Fortschritt orientierte moderne Gesellschaft integriert aggressive Strebungen der Individuen über deren Köpfe hinweg (Busch 2001:96).
Trotz der Vergegenständlichung der Gesellschaft und der damit verbundenen Hinfälligkeit der Theorie des Führers als Erbe des Vater-Über-Ichs behält jene These Freuds, nach der jegliche, nicht durch Terror aufrechterhaltene zivilisierte Vereinigung nur aufgrund einer wechselseitigen, libidinösen Identifikation aufrechterhalten werden kann, ihre Gültigkeit, da der Führungsapparat anstelle des nun nicht mehr vorhandenen konkreten Führers libidinös besetzt wird; Sobald dies über den eigentlichen Gebrauchswert hinaus geht, wird dadurch eine Ersatzbefriedigung generiert.
Durch die direkte Durchsetzung des Realitätsprinzips gegenüber dem geschwächten Ich wird das Eros geschwächt und dementsprechend entstehen triebbestimmte Aggressionen, die jedoch vom veräußerlichten Ichideal direkt auf ein konkretes, personifiziertes Objekt außerhalb der Gruppe, den gemeinsamen Feind projiziert wird (Vgl.: Marcuse 1965:98f). Jene persönliche Besetzung, die in der verdinglichten Hierarchie der technologischen Gesellschaft unmöglich wurde, ist möglich, wenn es um Feindbilder geht: Selbst wenn es sich um abstrakte Bedrohungen handelt, wird der Feind immer personalisiert, um die Bedrohung konkreter und fungibler zu machen. (Vgl.: Marcuse 1965:98f).
5. Das glückliche Bewusstsein
Das Ich, was sich ohne größere Konflikte (besonders hervorzuheben ist der Kampf mit dem Vater), wohlbehütet und ohne größere Widerstände entwickelt hat, ist ein Schwaches, unfähig, den gesellschaftlichen Führern als Durchsetzern des verwalteten Realitäts- bzw. Leistungsprinzips Widerstand entgegenzubringen. In dieser verwalteten, konfektionierten Welt wird das autonome Ich immer überflüssiger für das Funktionieren des Systems, es mutiert gar zum Störfaktor. Die individuelle Entfaltung des Ich hängt vielmehr davon ab, in welchem Umfang es das Individuum versteht, sich seine aus eigenen Bedürfnissen und Neigungen zusammensetzende und von dem öffentlichen Bereich abgegrenzte Privatsphäre zu schaffen und zu erhalten. Die unmittelbare, äußere Sozialisierung des Ich und die Kontrolle und Manipulation der freien Zeit durch die Gesellschaft erschweren dies. Aus dieser Situation resultieren folgende Möglichkeiten: Entweder verausgabt sich das Individuum auf der Suche nach einer Identität, was zu seelischen Krankheiten führen kann, oder es passt sich den Gedanken der anderen an. Die Identifikation mit dem Ichideal von Konkurrenten und Vorgesetzten setzt Aggressionen frei, diese werden durch das veräußerlichte Ichideal gegen die äußeren Feinde des Ichideals dirigiert. (Vgl.: Marcuse 1965:94). Das Gewissen wird bei diesem Prozess ausgelassen, es findet eine Prädisposition der Individuen statt, die gegebenen Zustände hinzunehmen, selbst wenn sie ihre eigene Zerstörung zur Folge haben.
Auch der Zustand radikaler Triebkontrolle durch das Gewähren scheinbar großzügiger Freiräume in Form nichtsanktionierter sexueller Betätigungsmöglichkeiten, die jedoch zum Verlust der individuellen Autonomie, zur „Einbuße jeglicher Selbstverfügung über die Entwicklung seiner Bedürfnisse“ (Busch 2001:95) führt, fällt unter den Begriff der repressiven Entsublimierung. Die kontrollierte, institutionalisierte Freigabe sexueller Befriedigung verhindert das Unbehagen in der Kultur und damit auch jegliche Kritik an ihr, es entsteht stattdessen das glückliche Bewusstsein und das individuelle Gewissen löst sich auf. Es wird an eine gesellschaftliche Instanz ausgelagert. Anstelle der Moral tritt technologische Rationalität, die allgemeine Notwendigkeit, in der es keinen Begriff der Schuld gibt, die der Politik der Herrschaft dient. Dabei wächst die gesellschaftliche Aggression, die nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit wahrgenommen wird. Selbst die scheußlichsten Vergehen lassen sich derart verdrängen, dass sie aufhören, eine Bedrohung für die Gesellschaft zu sein.
Das glückliche Bewusstsein hat jegliche Fähigkeit zum kritischen Denken verloren, stattdessen befriedigt es sich mit Konsum und Technikglauben, bejaht die ökonomisch induzierte gesellschaftliche Entwicklung und manövriert sich damit nur noch tiefer in die Unfähigkeit, die sich daraus entwickelnde Dynamik reflektieren und damit auch durchbrechen zu können. Es vergrößert sich die Unfreiheit unter dem sich verselbstständigten Mechanismus vermeintlich Vernunft-induzierter gesellschaftlicher Entwicklung immer weiter.
Die Wahrnehmung und Bewertung erfolgt nicht mehr im Individuum selbst sondern gleichzeitig durch alle anderen im Sinne ihres gemeinsamen, veräußerlichten Ichideals; eine Privatsphäre wird mit der nächsten verknüpft durch Medien, Kinder, Kollegen, Berufsverbände, etc. (Vgl. Marcuse 1965:94f).
Es gibt keine Tabus mehr, die Gesellschaft erhebt das Streben nach sexueller Befriedigung zum Ideal. Die Vaterrolle verkommt zum Stereotyp einer Sitcom. In der Gesellschaft allerdings hat der Vater keinen Platz mehr, in der vaterlosen Gesellschaft werden Entscheidungen mittels instrumentalisierter Vernunft getroffen, es existiert kein gesellschaftliches Über-Ich im freudschen Sinne mehr, kein Gewissen ist mehr nötig, da jegliches Streben nach Befriedigung von der Gesellschaft toleriert, ja sogar erwünscht wird, um mittels der Ersatzbefriedigung des Konsums das System am Laufen zu halten und monetäre Interessen der Herrschenden zu unterstützen, die die Liberalisierung der Sexualität zur Förderung des Konsums nutzen.
Jenseits dieser kontrollierten Freigabe sexueller Befriedigung findet ein kulturell-regressiver Verfall der Traditionen, Künste und auch der Arbeit als sinnlich erfahrbarer produktiver Weltbezug (Busch 2001:95) statt, dieser Kulturschwund wird durch massenhaften Konsum, kultureller Massen-“Artikel“ zu verdecken versucht.
6. Literaturverzeichnis
Busch, H.J.: Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Konzeptuelle Schwierigkeiten und Möglichkeiten psychoanalytisch-sozialpsychologischer Zeitdiagnose. Weilerswist 2001. S. 92 – 100
König, H.D.: Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft. In: Zepf, S. (Hrsg.): Die Erkundung des irrationalen. Göttingen 1993. S. 120 – 132
Marcuse, H.: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt/Main 1955. S. 35 – 58
Marcuse, H.: Das Veralten der Psychoanalyse in: Kultur und Gesellschaft 2. Frankfurt/Main 1965. S. 85 – 106
Marcuse, H.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Darmstadt 1967. S. 91 – 100
1. Einleitung
Marcuses Theorie nimmt im Kanon der Kritischen Theorie, welcher sie neben den Theorien Adornos, Horkheimers und Fromms angehört, eine Sonderstellung ein: sie basiert auf der Freudschen Psychoanalyse, und nimmt bei ihm, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, eine exponierte Position ein. Sein Hauptwerk Triebstruktur und Gesellschaft, welches 1955 erschien, basiert auf der erstmals von Freud im Unbehagen der Kultur postulierten Diskrepanz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Lust- und Realitätsprinzip, welche sich in Form von Trieben und Kultur gegenüberstehen.
In fortgeschrittenen Industriegesellschaften herrscht eine weitgehende Entsublimierung (Vgl.: Marcuse 1965:101) in den Bereichen Sexualität, sozialen Beziehungen und Zugänglichkeit der Kultur. Dabei wird speziell die Sexualität bzw. ihre Liberalisierung als kommerzieller Anreiz und Statussymbol instrumentalisiert. Gerade in dieser Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft liegt das Paradoxon: die klassische freudsche Theorie geht von einem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft aus, ersteres wird durch die Sexualität als Kraft des Lustprinzips und Ausdruck des Es angetrieben, während die Gesellschaft als Institution des Realitätsprinzips wirkt und deswegen notwendigerweise repressiv gegenüber den „kompromisslosen Ansprüchen der primären Lebensinstinkte“ (Marcuse 1965:101) ist. Durch diese Repression findet umgekehrt eine Abgrenzung des Individuums gegenüber der Masse statt.
Durch die Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft, oder in Marcuses Worten, der kommerziellen, repressiven Entsublimierung, ändert die libidinöse Energie ihre Funktion und Richtung und führt nicht mehr zur Befreiung des Individuums vom Gesellschaftlichen sondern vielmehr zu seiner Unterordnung und Integration, weil die unter dem Lustprinzip beheimatete (zumindest gedankliche) Autonomie des Ich aufhört zu existieren. Im jetzigen Zustand der scheinbaren sexuellen Liberalisierung wird allerdings nicht „die individuelle Freiheit erweitert, sondern ihre [die gesellschaftliche] Kontrolle über das Individuum.“ (Marcuse 1965:102). Die Repression selbst wird dadurch verdrängt, deswegen ist die gewährte Freiheit eine Scheinbare: Die Gesellschaft ordnet die Individuen mehr denn je ihren Erfordernissen unter, indem sie Freiheit und Gleichheit erweitert und dadurch die Durchsetzung des Realitätsprinzips mittels ausgedehnter, aber kontrollierter Entsublimierung vorantreibt.
Das individuelle Über-Ich, welches nach Marcuses Theorie aufhört, zu existieren, zensiert nicht nur das individuelle Es, das Unbewusste, sondern auch die Gesellschaft, aufgrund derer es entstanden ist. Das dadurch herausgebildete Gewissen ist daher Vorraussetzung für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dieser Prozess wird durch das Vorhandensein „zufriedenstellender Freiheiten“ (Marcuse 1967:95) erschwert bzw. unterbunden; stattdessen wird der Verlust des Gewissens bewirkt, es entsteht eine unfreie Gesellschaft des glücklichen Bewusstseins, die das Resultat schwindender Autonomie und Einsicht ist (Vgl.: Marcuse 1967:95).
2. Zum Veralten der Psychoanalyse und ihrer Funktion als Fundament von Marcuses Theorie
Während Freud seine Theorie kulturuniversalistisch verfasste, beschreibt Marcuse den historisch-dialektischen Charakter kultureller Entwicklung im Kapitalismus, die zum status quo führte. In der spätkapitalistischen Gesellschaft wird immer mehr Arbeit für Produktion und Konsum an sich überflüssiger Waren und Dienstleistungen aufgewendet, was nicht unbedingt den Interessen der Gesellschaft sondern vielmehr den Profitinteressen der wirtschaftlich Herrschenden entspricht. Der Anteil an wirklich notwendiger Arbeit zum Erhalt des materiellen und kulturellen Niveaus hingegen sinkt. (Vgl.: Busch 2001:92ff)
Marcuse bezeichnet die Psychoanalyse insofern als veraltet, als dass das freudsche Konzept des Individuums, welches sich aus Es, Ich und Über-Ich zusammensetzt, der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Rechnung trägt (Vgl. Marcuse 1965:85). Er vertritt die Meinung, dass Freud in seiner Theorie schon während seiner Schaffenszeit „mehr die Vergangenheit als die Gegenwart“ (Marcuse 1965:86) analysierte und damit die Entwicklung der Gesellschaft komplett ignoriert.
Trotzdem existiert das Konzept der Psychoanalyse weiter, was dazu führt, dass eine Therapie basierend auf den veralteten gesellschaftlichen Annahmen dem Individuum nicht mehr helfen kann, vielmehr stützt sie das bestehende, von Marcuse scharf kritisierte Gesellschaftssystem. Dadurch verliert sie jedoch nicht ihren allgemeinen Wahrheitsgehalt, im Gegenteil, bei gesellschaftlichen Fragestellungen und unter Berücksichtigung der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung „offenbart [sie] das Ausmaß, in dem Fortschritt in der Wirklichkeit Repression gewesen ist“ (Marcuse 1965:85) und ermöglicht somit, bei richtiger Anwendung eine neue Perspektive auf die fortgeschrittene Industriegesellschaft.
Freuds klassische Theorie der Psychoanalyse setzt einen andauernden Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft als grundsätzlich gegeben voraus und sieht dementsprechend das Problem des einzelnen Patienten, auf welchen sie fokussiert ist, in seiner Unfähigkeit des Funktionierens in der als normal bezeichneten Gesellschaft und sein daraus erwachsendes Bedürfnis nach Schlichtung. Nicht nur in der individuellen Krankheitsgeschichte liegt der Konflikt begründet, sondern vielmehr im dieses erst ermöglichende „allgemeinen, umfassenden Schicksal des Individuums unter dem etablierten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:87). In der Psychoanalyse behält das Individuum trotz Therapie sein unglückliches Bewusstsein, der Konflikt zwischen ihm und der Gesellschaft wird nicht gelöst; Es wird in jenem Maße geheilt, befreit, in dem es die seinem Leiden zugrunde liegenden Prinzipien anerkennt und mit ihnen umgehen kann, somit wird eine „relative Autonomie in einer Welt der Heteronomie“ (Marcuse 1965:87) erlangt.
Nach Freud wird der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft vor allem und zuerst im Konflikt mit dem Vater erfahren, der Vater ist jene Institution der Gesellschaft, die dadurch auch die Unterordnung des Lustprinzips unter das Realitätsprinzip durchsetzt. Gerade in diesem Prozess findet auch die Herausbildung des Ichs und des Über-Ichs statt, die Vergesellschaftung des Individuums ist das Werk des Vaters, der Familie.
Mit der historischen Entwicklung veraltet dieses Prinzip der Persönlichkeitsbildung, durch die Entwicklung der Industriegesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen kommt es zur „Machtkonzentration in den Händen einer allgegenwärtigen technischen, kulturellen und politischen Verwaltung, sich automatisch erweiternde[r] Massenproduktion und -konsumtion, Unterwerfung ehedem privater, antisozialer Dimensionen des Daseins unter methodische Schulung, Manipulation und Kontrolle.“ (Marcuse 1965:88), was dazu führt, dass anstelle des Vaters nun andere gesellschaftliche Institution das sich herausbildende Ich dirigieren. Der Sohn wird immer unabhängiger vom Vater, gesellschaftlich notwendige Verhaltensweisen werden nicht mehr im Kampf mit dem Vater erlernt, „das Ichideal wird vielmehr dazu gebracht, auf das Ich direkt und von außen einzuwirken, ehe noch das Ich (…) sich herausgebildet hat“ (Marcuse 1965:89). Somit wird die Vermittlung zwischen dem Selbst und dem Anderen durch direkte Identifikation ersetzt, was die Entstehung von Massen fördert und die individuelle Autonomie einschränkt. Das Ich ist in der Folge nicht mehr in der Lage, „sich als ein Selbst, unterschieden von Es und Über-Ich, zu erhalten.“ (Marcuse 1965:89).
Die komplexe Situation des Ichs nach Freuds ahistorischer Theorie wird von einer „eindimensionalen, statischen Identifikation des Individuums mit seinesgleichen und dem verwalteten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:89) abgelöst, die den von Freud beschriebenen intrapersonalen Prozessen, Instanzen und Konflikten keinen Raum mehr lassen. Jene werden von Freud als universell und ewig beschrieben, daraus schließt Marcuse, den generellen Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse nicht anzweifelnd, dass die ehemals individuellen psychoanalytischen Kategorien und die daraus resultierenden Probleme nicht verschwunden bzw. gelöst sind, sondern in der nun herrschenden gesellschaftlichen Situation unter der Prämisse des sich auflösenden individuellen Ichs auf eine massenpsychologische Ebene transferiert werden: Nicht mehr das Über-Ich setzt das Realitätsprinzip um, sondern die Führer.
Das Paradigma des autonomen Subjekts ist veraltet, da die Bedingungen dafür nicht mehr gegeben sind: Das Ich wird nicht mehr in der Familie als gesellschaftlicher Agentur ausgebildet sondern in und durch die Massen der vaterlosen Gesellschaft. Das Ichideal wird vom Ich getrennt und auf ein kollektives Ideal übertragen. Durch diese Verminderung und Kollektivierung des Ich entsteht die Situation der Regression auf primitive Entwicklungsstufen, welche Aggressionen anstaut. Anstatt in Form einer gesellschaftlich kontrollierten Übertretung abgebaut zu werden, werden die entstehenden Energien zur „normalisierte[n] gesellschaftliche[n] und politische[n] Anwendung von Angriffsenergie im Zustand permanenter Bereitschaft“ (Marcuse 1965:104) umgewandelt. Dadurch werden Triebkräfte freigesetzt, die sich gegen die etablierten politischen Institutionen richten und sie zu untergraben drohen. Die politischen Herrscher können dadurch, dass sie die Massen befriedigen, auf sie reagieren und auf ihre Wünsche eingehen, ihre Macht noch weiter vergrößern, es entsteht „autoritäre Macht in demokratischer Form.“ (Marcuse 1965:105).
Auch Freud beschreibt in seinem Aufsatz Massenpsychologie und Ich-Analyse den Schritt von der Individual- zur Kollektivpsychologie, er führt aus, dass Faktoren, welche Individuen zu Massen vereinigen, Gefühlsbindungen, insgesamt zielgehemmte Impulse und Ausdruck eines geschwächten und verarmten Ich sind. Letzteres führt zur Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, bei der das Individuum sein Ichideal aufgibt und es mit dem Gruppenideal, das vom Führer verkörpert wird, ausgetauscht hat (Vgl.: Marcuse 1965:92). Ausserdem werden dadurch Bewusstsein und Gewissen geschwächt. Unter dem Einfluss totaler Bürokratisierung verfallen sowohl das Gewissen wie auch die persönliche Verantwortung, da durch den Verwaltungsapparat die persönliche Autonomie bestimmt und teilweise ganz vernichtet wird. In der modernen Industriegesellschaft wird die an sich „rationale und fortschrittliche Übertragung individueller Funktionen auf den Apparat begleitet von der irrationalen Übertragung des Gewissens und von der Unterdrückung des Bewusstseins“ (Marcuse 1965:93), womit Marcuse mit Freuds Massenpsychologie und der These zu einer regressiven Seelentätigkeit übereinstimmt.
„Die gesellschaftlichen Interessen sind zu den innersten Trieben ihrer Bürger geworden“ (Marcuse 1967:91), anstelle des nach freudscher Definition geforderten Triebverzichts in der Kultur tritt nun die Unterstützung der Triebe und ihrer Befriedigung, um mit der daraus resultierenden Befriedigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.
Die institutionalisierte Steuerung der Libido verheißt dem Individuum Genuss, welcher durch das Fehlen moralischer Schranken zum Prinzip erhoben wird. Das Unbehagen in der Kultur weicht einem eindimensionalen, auf Befriedigung ausgerichtetem glücklichen Bewusstsein, welches sich durch das Unvermögen, Widersprüche und Alternativen zum System zu erfassen auszeichnet. Damit verschwinden neben dem Unbehagen in der Kultur auch die Bedingungen für Gesellschaftskritik aus der Wahrnehmung.
3. Das Prinzip der repressiven Entsublimierung
Künstlerische Entfremdung, die Sublimierung, beschreibt den Prozess, mittels dessen Triebenergie in kulturelle Leistungen umgewandelt werden kann, der Bilder hervorbringt, die mit dem Realitätsprinzip unvereinbar sind, aber gerade deswegen ihre Daseinsberechtigung in der Kultur haben, da sie einen Moment der Erkenntnis und individuellen Autonomie transportieren und erhebend und nützlich wirken (Vgl.: Marcuse 1967:91). Die Sublimierung bewahrt durch die Gedanken, deren Umsetzung durch die Gesellschaft sanktioniert würde das Bewusstsein vor Versagungen und erinnert damit an das Bedürfnis nach Befreiung. Das Unbehagen in der Kultur wird unter der Sublimierung bewusst reflektiert und gleichzeitig kritisch verarbeitet, während es unter der repressiven Entsublimierung wegen der kontrollierten Verfügbarkeit des unmittelbaren Genusses in den Hintergrund tritt und nicht mehr wahrgenommen wird. Sublimierung als reflektierendes Moment erfordert ein hohes Maß an Autonomie und Einsicht, indem sie zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen von Es und Über-Ich, von Individuum und Gesellschaft vermittelt. Gerade dadurch, dass sich die Sublimierung im Kunstwerk der Unterdrückung beugt, besiegt sie sie (Vgl.: Marcuse 1967:95).
Im Gegensatz zu Freud verneint Marcuse die These, dass Kultur Triebverzicht bedeute: Die sonst bei der Sublimierung entstehenden Gedanken werden real, sie verlassen die Fantasiewelt weil sie im Namen des Konsums und des Machterhalts instrumentalisiert werden. Der vermittelte Genuss wird durch einen Unmittelbaren ersetzt, es entsteht eine Entsublimierung, welche das der sublimierten Kunst immanente Moment der Wahrheit und Erkenntnis eliminiert.
Repressive Entsublimierung beschreibt den durch instrumentalisierte Vernunft erreichten ökonomischen und technischen Fortschritt, welcher letztlich eine enterotisierte Einstellung zur Welt bedingt, deren Realität mit vielfältigeren Möglichkeiten der Erlangung oberflächlich-sexueller Befriedigung zu kaschieren versucht wird, was somit gleichzeitig das Gewissen als letztmögliche Instanz der Reflektion und Erkenntnis ausschaltet: „Die repressive Entsublimierung der Sexualität ist ein Nebenprodukt gesellschaftlicher Kontrollen über die technologische Wirklichkeit, welche die Freiheit erweitern und dabei Herrschaft intensivieren.“ (Marcuse 1967: 92). Durch die Technisierung der Gesellschaft wird Arbeitszeit eingespart, was sich mit dem Vergleich zwischen einem, von einer Hausfrau unter hohem Einsatz von Handarbeit zu Hause selbstgebackenen Brotes mit einem in einer Fabrik unter der Berücksichtigung moderner Arbeitsteilungsprinzipien (wie z. B. Taylorismus) und unter der Verdrängung von Handarbeit durch die Mechanisierung der Produktion hergestellten Brotes, veranschaulichen lässt. Gerade die Diskrepanz vorindustrieller Arbeit, welche heute romantisiert wahrgenommen wird, zur Freizeit, „die Durchdringung der Welt mit Elend, harter Arbeit und Schmutz“ (Marcuse 1967:92) bildete das Fundament alles Vergnügens und aller Freude (Vgl.: Marcuse 1967:92). Dies macht deutlich, dass durch die Mechanisierung neben der Arbeitskraft auch Libido eingespart wird; die Landschaft, die dem Individuum als Quelle der Lust diente, die als Medium lustbetonter Erfahrung existierte, die dem Individuum entgegenkam, dazu tendierte, erotisiert zu werden, die dazu einlud, die Libido über die individuellen erogenen Zonen heraus auszudehnen, wurde durch die Technisierung der Umwelt „wegrationalisiert“. Stattdessen wird die Libido stärker fokussiert, erotische Energie durch die technologische Wirklichkeit reduziert und im Gegenzug die Sexuelle gesteigert, wodurch sowohl die Reichweite als auch das Bedürfnis des Individuums nach Sublimierung reduziert wird. Der qualitative Unterschied wird schnell sichtbar: Während die Erotik die sinnlich-geistige, psychologische Anziehung darstellt, ist die Sexualität die trieb- und körpergesteuerte Geschlechtlichkeit.
Sexualität erscheint in der klassischen Literatur in „hochsublimierter, vermittelter, reflektierter Form“, in der sie zum gesellschaftlichen Sprengstoff wird, da sie „absolut, kompromisslos und bedingungslos“ ist, ihre Erfüllung würde gleichzeitig Zerstörung der gesellschaftlichen moralischen Prinzipien im Sinne von Eros und Thanatos bedingen. Sie befindet sich dadurch jenseits der gesellschaftlichen Moral und kann deswegen auch trotz des bestehenden Realitätsprinzips existieren (Vgl.: Marcuse 1967:96).
Die Beschreibung entsublimierter Sexualität dagegen ist obszöner, hemmungsloser und unmoralischer, aber gerade deswegen harmlos, weil entsublimierte Sexualität der Realität entspricht, sie zur Stützung des status quo eingeplant ist, sie ihrer Spontaneität und ihrer subversiven Gedanken beraubt wurde, keine Fantasie verlangt und dementsprechend auch keinerlei zerstörerisches Potential mehr besitzt. Damit verwandelt sich die Sexualität, in ihrer sublimierten Form revolutionär, in eine von ihrem mit der Realität unversöhnlichen Traumcharakter befreite Karikatur ihrer selbst, in ein „Vehikel der Bestseller der Unterdrückung“ (Marcuse 1967:97).
Die sexuelle Freiheit der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation wird zum Wirtschaftsfaktor, der sich selbst bedingt: die durch die Industrialisierung induzierte ubiquitäre Verfügbarkeit von Konsumartikeln und und die Abnahme schmutziger und schwerer körperlicher Arbeit im Zuge der Mechanisierung ermöglichen eine sexualisierte Darstellung des Körpers in der Arbeitswelt. Doch letztlich ist diese Freiheit eine trügerische, weil das Individuum in der Freude über die vermeintlich großzügig gewährten Möglichkeiten vergisst, dass die vermeintliche Freiheit zu einem Mittel der Unterdrückung geworden ist und nur auf vorbestimmte Wahlmöglichkeiten begrenzt ist. Die Befreiung der Triebe von Unglück und Unbehagen schafft ein Bewusstsein, welches die Tatsache, dass es Unfreiwillig herbeigeführt wurde, in den Hintergrund treten lässt. Die Kontrolle über die Triebenergie wird dem Individuum abgenommen, es entsteht eine Art outgesourctes Über-Ich, dass sich jedoch von dem Über-Ich nach freudscher Definition dadurch unterscheidet, dass keinerlei Verzicht nötig ist; im Gegenteil: der Genuss wird zum Ideal erhoben, der Hedonismus wird zur neuen Maxime. Die Sexualität wird durch die Konsum- und Arbeitswelt instrumentalisiert und ermöglicht ein Fortbestehen des Systems, indem sie durch ihre kontrollierte Verfügbarkeit in der Werbung und die Aufnahme libidinöser Komponenten in den Bereich von Warenproduktion und -austausch sowohl Kaufanreize wie auch gesellschaftliche Idealbilder und schließlich repressiv-entsublimierten Genuss schafft. (Vgl.: Marcuse 1967:93f)
Auch im kulturellen Bereich wirkt dieses Prinzip repressiver Entsublimierung durch verwaltete Befriedigung. Durch die massenhafte Verfügbarkeit von Kulturgütern und ihre Vermarktung als Ware findet ein Wechsel der Qualität von der ehemals befreienden, autonomen, transzendierenden Kultur, die gerade dadurch ihre Existenzberechtigung hatte, hin zur die Macht des Realitätsprinzips unterstützenden und bewahrenden „technischen Ausstattung des täglichen Haushalts und der täglichen Arbeitswelt“ (Marcuse 1965:103) statt.
Dem auf diese Weise erlangten Genuss wohnt keine Erkenntnis mehr inne, auch die Künste werden materialisiert und kommerzialisiert; Es ist ein unmittelbarer Genuss, vergleichbar damit, „wie es Spaß macht, im Motorboot davonzurasen“ (Marcuse 1967:94). Diese Verwaltung der Libido und des Genusses, die Harmonie zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen, führt zu einer Reduktion des Lustprinzips im Rahmen der Eliminierung der nicht mit der Gesellschaft zu vereinenden Ansprüche und somit zu einer „Befriedigung auf eine Weise, die Unterwerfung hervorbringt und die Rationalität des Protestes schwächt“ (Marcuse 1967: 95), die das kritische Denken einschränkt und somit zu einer Auflösung des Gewissens führt.
Die Liberalisierung der Sexualität in gesellschaftlich gelenkte Bahnen bedingt die Zunahme gesellschaftlicher Befriedigung und insofern auch die Herabsetzung der Triebspannung, wodurch das Realitätsprinzip, das die rationale Instanz des Ich ist, welches die Wünsche bzw. Triebe des Es auf Durchführbarkeit hin überprüft, an Relevanz verliert und durch das Lustprinzip abgelöst wird.
Die gesellschaftliche Kontrolle der Entsublimierung und die Verfolgung eines Ziels mit diesem Prozess impliziert das Vorhandensein eines repressiven Moments der Entsublimierung, im Vergleich zu dem „die sublimierten Triebe und Ziele mehr Abweichung, mehr Freiheit und mehr Weigerung enthalten, die gesellschaftlichen Tabus zu beachten.“ (Marcuse 1967:92). Unter diesen Vorzeichen wird Fortschritt zum Vermittler von Repression, da die gesellschaftlich tolerierte und kontrollierte Befriedigung real möglich ist und insofern der triebbestimmte, geistige Widerstand gegen das Realitätsprinzip als Garant für individuelle Freiheit gemindert wird.
4. Die vaterlose Gesellschaft
In dieser durch institutionalisierte und instrumentalisierte Vernunft geprägten Gesellschaft ist kein Platz mehr für die Rolle des Vaters, weder in der Familie, noch in gesellschaftlichen Instanzen, so dass der Zustand der vaterlosen Gesellschaft sich einstellt. Marcuse sieht in der von ihm beschriebenen fortgeschrittenen Industriegesellschaft keinen Vater im freudschen Sinne; weder in der Familie, die als Instanz der Sozialisation schon längst abgelöst wurde, noch in den Führern.
Die Identifikation mit dem äußerlichen Ichideal erfolgt im Kindesalter, die Familie büßt ihre Vorreiterrolle als Agentur der Sozialisation ein. Das Kind lernt, dass nicht mehr der Vater, sondern Freunde, Sport, Medien, etc. Autoritäten für ein angemessenes Verhalten sind.
Nach freudscher Definition muss jegliche soziale und politische Kontrolle in einer Person verkörpert (im Sinne vorhandener Gefühlsbindungen) sein. Doch wird in der von Marcuse beschriebenen Gesellschaft kein Vaterbild mehr beschworen, obwohl die Führer die Gefühlsbindungen zwischen ihnen und der Masse zu betonen versuchen. Es sind allerdings keine Personen mehr, die dort beschworen werden, es sind fungible „Stars und Starlets von Politik, Fernsehen und Sport“ (Marcuse 1965:97), es sind austauschbare Autoritäten einer höheren Autorität, die sich nicht mehr in einer Person verkörpert: Der Autorität des herrschenden Produktionsapparats (Marcuse 1965:97), welcher sowohl Führer und Geführte beherrscht, ohne jedoch die Unterschiede zwischen ihnen zu beseitigen (Marcuse 1965:97). Daraus resultiert der Zustand der vaterlosen Gesellschaft, in der andere Agenturen des Realitätsprinzips die Rolle des Vaters eingenommen haben (Vgl. Marcuse 1965:96).
Durch die Vaterlosigkeit der Gesellschaft fehlt dementsprechend die gemeinsame Identifikation mit dem Führer, Zusammenhalt wird in der Gesellschaft durch Abwälzung destruktiver Gedanken auf ein Feindbild ausserhalb erreicht. Die einseitig an technisch-ökonomischen Fortschritt orientierte moderne Gesellschaft integriert aggressive Strebungen der Individuen über deren Köpfe hinweg (Busch 2001:96).
Trotz der Vergegenständlichung der Gesellschaft und der damit verbundenen Hinfälligkeit der Theorie des Führers als Erbe des Vater-Über-Ichs behält jene These Freuds, nach der jegliche, nicht durch Terror aufrechterhaltene zivilisierte Vereinigung nur aufgrund einer wechselseitigen, libidinösen Identifikation aufrechterhalten werden kann, ihre Gültigkeit, da der Führungsapparat anstelle des nun nicht mehr vorhandenen konkreten Führers libidinös besetzt wird; Sobald dies über den eigentlichen Gebrauchswert hinaus geht, wird dadurch eine Ersatzbefriedigung generiert.
Durch die direkte Durchsetzung des Realitätsprinzips gegenüber dem geschwächten Ich wird das Eros geschwächt und dementsprechend entstehen triebbestimmte Aggressionen, die jedoch vom veräußerlichten Ichideal direkt auf ein konkretes, personifiziertes Objekt außerhalb der Gruppe, den gemeinsamen Feind projiziert wird (Vgl.: Marcuse 1965:98f). Jene persönliche Besetzung, die in der verdinglichten Hierarchie der technologischen Gesellschaft unmöglich wurde, ist möglich, wenn es um Feindbilder geht: Selbst wenn es sich um abstrakte Bedrohungen handelt, wird der Feind immer personalisiert, um die Bedrohung konkreter und fungibler zu machen. (Vgl.: Marcuse 1965:98f).
5. Das glückliche Bewusstsein
Das Ich, was sich ohne größere Konflikte (besonders hervorzuheben ist der Kampf mit dem Vater), wohlbehütet und ohne größere Widerstände entwickelt hat, ist ein Schwaches, unfähig, den gesellschaftlichen Führern als Durchsetzern des verwalteten Realitäts- bzw. Leistungsprinzips Widerstand entgegenzubringen. In dieser verwalteten, konfektionierten Welt wird das autonome Ich immer überflüssiger für das Funktionieren des Systems, es mutiert gar zum Störfaktor. Die individuelle Entfaltung des Ich hängt vielmehr davon ab, in welchem Umfang es das Individuum versteht, sich seine aus eigenen Bedürfnissen und Neigungen zusammensetzende und von dem öffentlichen Bereich abgegrenzte Privatsphäre zu schaffen und zu erhalten. Die unmittelbare, äußere Sozialisierung des Ich und die Kontrolle und Manipulation der freien Zeit durch die Gesellschaft erschweren dies. Aus dieser Situation resultieren folgende Möglichkeiten: Entweder verausgabt sich das Individuum auf der Suche nach einer Identität, was zu seelischen Krankheiten führen kann, oder es passt sich den Gedanken der anderen an. Die Identifikation mit dem Ichideal von Konkurrenten und Vorgesetzten setzt Aggressionen frei, diese werden durch das veräußerlichte Ichideal gegen die äußeren Feinde des Ichideals dirigiert. (Vgl.: Marcuse 1965:94). Das Gewissen wird bei diesem Prozess ausgelassen, es findet eine Prädisposition der Individuen statt, die gegebenen Zustände hinzunehmen, selbst wenn sie ihre eigene Zerstörung zur Folge haben.
Auch der Zustand radikaler Triebkontrolle durch das Gewähren scheinbar großzügiger Freiräume in Form nichtsanktionierter sexueller Betätigungsmöglichkeiten, die jedoch zum Verlust der individuellen Autonomie, zur „Einbuße jeglicher Selbstverfügung über die Entwicklung seiner Bedürfnisse“ (Busch 2001:95) führt, fällt unter den Begriff der repressiven Entsublimierung. Die kontrollierte, institutionalisierte Freigabe sexueller Befriedigung verhindert das Unbehagen in der Kultur und damit auch jegliche Kritik an ihr, es entsteht stattdessen das glückliche Bewusstsein und das individuelle Gewissen löst sich auf. Es wird an eine gesellschaftliche Instanz ausgelagert. Anstelle der Moral tritt technologische Rationalität, die allgemeine Notwendigkeit, in der es keinen Begriff der Schuld gibt, die der Politik der Herrschaft dient. Dabei wächst die gesellschaftliche Aggression, die nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit wahrgenommen wird. Selbst die scheußlichsten Vergehen lassen sich derart verdrängen, dass sie aufhören, eine Bedrohung für die Gesellschaft zu sein.
Das glückliche Bewusstsein hat jegliche Fähigkeit zum kritischen Denken verloren, stattdessen befriedigt es sich mit Konsum und Technikglauben, bejaht die ökonomisch induzierte gesellschaftliche Entwicklung und manövriert sich damit nur noch tiefer in die Unfähigkeit, die sich daraus entwickelnde Dynamik reflektieren und damit auch durchbrechen zu können. Es vergrößert sich die Unfreiheit unter dem sich verselbstständigten Mechanismus vermeintlich Vernunft-induzierter gesellschaftlicher Entwicklung immer weiter.
Die Wahrnehmung und Bewertung erfolgt nicht mehr im Individuum selbst sondern gleichzeitig durch alle anderen im Sinne ihres gemeinsamen, veräußerlichten Ichideals; eine Privatsphäre wird mit der nächsten verknüpft durch Medien, Kinder, Kollegen, Berufsverbände, etc. (Vgl. Marcuse 1965:94f).
Es gibt keine Tabus mehr, die Gesellschaft erhebt das Streben nach sexueller Befriedigung zum Ideal. Die Vaterrolle verkommt zum Stereotyp einer Sitcom. In der Gesellschaft allerdings hat der Vater keinen Platz mehr, in der vaterlosen Gesellschaft werden Entscheidungen mittels instrumentalisierter Vernunft getroffen, es existiert kein gesellschaftliches Über-Ich im freudschen Sinne mehr, kein Gewissen ist mehr nötig, da jegliches Streben nach Befriedigung von der Gesellschaft toleriert, ja sogar erwünscht wird, um mittels der Ersatzbefriedigung des Konsums das System am Laufen zu halten und monetäre Interessen der Herrschenden zu unterstützen, die die Liberalisierung der Sexualität zur Förderung des Konsums nutzen.
Jenseits dieser kontrollierten Freigabe sexueller Befriedigung findet ein kulturell-regressiver Verfall der Traditionen, Künste und auch der Arbeit als sinnlich erfahrbarer produktiver Weltbezug (Busch 2001:95) statt, dieser Kulturschwund wird durch massenhaften Konsum, kultureller Massen-“Artikel“ zu verdecken versucht.
6. Literaturverzeichnis
Busch, H.J.: Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Konzeptuelle Schwierigkeiten und Möglichkeiten psychoanalytisch-sozialpsychologischer Zeitdiagnose. Weilerswist 2001. S. 92 – 100
König, H.D.: Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft. In: Zepf, S. (Hrsg.): Die Erkundung des irrationalen. Göttingen 1993. S. 120 – 132
Marcuse, H.: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt/Main 1955. S. 35 – 58
Marcuse, H.: Das Veralten der Psychoanalyse in: Kultur und Gesellschaft 2. Frankfurt/Main 1965. S. 85 – 106
Marcuse, H.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Darmstadt 1967. S. 91 – 100
svennov - 6. Mrz, 17:25
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
bonanzaMARGOT - 13. Feb, 17:21
das ist nichts neues und auch nichts aufregendes, dass genom und kulturwesen (gehirn) ständig miteinander ringen.
einfach gesagt: wir stehen im kampf mit unserem inneren schweinehund.
einfach gesagt: wir stehen im kampf mit unserem inneren schweinehund.

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