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Psychosexualität und Trieblehre — Über die infantile Sexualität

Freuds Theorie revolutionierte die bis dahin verbreitete Vorstellung, daß die Entstehung der Sexualität erst im pubertären Alter beginne, was ihm in der Zeit des Paradigma des asexuellen Kindes zunächst Anfeindungen und Unglauben einbrachte. Er formulierte die These, dass sich die Sexualität bereits im Säuglingsalter mit dem Erleben von Lust und dem gleichzeitigen Abbau von Triebspannung bei der Stimulation bestimmter so genannter erogener Zonen entfalte. Dementsprechend unterscheidet Freuds Theorie zwischen der Lustfunktion der Sexualität und ihrer Fortpflanzungsfunktion, unter dessen Primat sie erst in späteren Entwicklungsstadien gestellt werde (Vgl.: Mönks et al. 1996:20). Die kindliche Sexualität zeigt sich in all jenen Ausdrucksformen, die nicht unter dem Primat der Genitalität stehen. Der Trieb ist primär autoerotisch, d.h. nicht auf andere Objekte gerichtet. Die unterschiedlichen Partialtriebe, die den Phasen des Freudschen Entwicklungsmodells entsprechen, führen ein Eigenleben, welches nicht auf Objekte oder Lebenserhaltung ausgerichtet ist, sondern ausschließlich auf Lustgewinn.
Nach der in der jeweiligen Phase vorherrschenden erogenen Zone, dem dominierenden Organ der Lustempfindung, lässt sich die Entwicklung der Sexualität in fünf Phasen unterteilen: die orale, anale und phallische Phase, danach folgen die Latenzzeit oder -phase, sowie die genitale Phase.



Sigmund Freud wurde am 6. Mai 1856 als Sohn des Kaufmanns Jakob Freud und seiner Ehefrau Amalie in Freiburg, in der heutigen Tschechischen Republik, geboren. Im Jahre 1860 zieht er mit seiner Familie nach Wien um. Nachdem Sigmund Freud das Abitur mit Auszeichnung bestanden hatte, immatrikulierte er sich an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. 1876 begann Freud seine Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Physiologischen Institut, die er sechs Jahre später wieder aufgab. In dieser Zeit leistete er einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Nervensystems. 1881 wurde er promoviert und begann darauf seine Arbeit in der Psychiatrie. 1885 besuchte er den französischen Arzt Charcot an der Pariser Klinik für Nervenleiden, der ihm die Hypnose als Behandlungstechnik bei Hysterie vermittelte und ihn damit nachhaltig beeinflusste. Ein Jahr später eröffnete Siegmund Freud seine erste Privatpraxis als Facharzt für Nervenleiden, 1887 begann er mit der Selbstanalyse. 1891 schließlich zog Freud, der seit 1885 mit seiner Frau, Martha Bernays verheiratet war, in die Berggasse 19 um, wo sie bis zur Emigration nach London 1938 lebten. In den USA war der Erfolg der von ihm postulierten Psychoanalyse so groß, dass man heute von einer „psychoanalytischen Kultur“ sprechen kann. 1923 wurde Krebs bei Freud diagnostiziert, er unterzog sich der ersten Operation. 1930 erhielt er den Goethepreis. In London starb Siegmund Freud am 23. September 1939 im Alter von 83 Jahren an einer erhöhten Dosis Morphium, die die letzten Tage seines Krebsleidens vereinfachen sollte. (Vgl.: Mannoni 1971)



Nach Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung ist die erste prägenitale erogene Körperzone der Mund, exakter formuliert: die sensorischen Nervenendungen der Lippen und der Zunge (Vgl.: Zimbardo/Gerrig 1999). Diese Phase dauert von der Geburt bis ungefähr zum Anfang des zweiten Lebensjahres. Durch die Verbindung von Nahrungsaufnahme und Hautkontakt beim Stillen entsteht die Lustempfindung; Man spricht hier von der Anlehnung der Sexualität an andere lebenswichtige Funktionen, welche sich später loslöst bzw. verselbstständigt. Die Mutterbrust ist das erste Objekt der Sexualität und wird später zugunsten des eigenen Daumens aufgegeben: Die erotische Komponente des Lutschens macht sich selbstständig, gibt das Objekt auf und ersetzt es durch einen Teil des eigenen Körpers, damit wird der Trieb autoerotisch, wodurch sich der Lustgewinn verselbstständigt, sich von der Zustimmung der Außenwelt unabhängig macht und zusätzlich eine zweite Körperzone erregt.
Freud bemerkte, dass bereits der bloße Akt des rhythmischen Saugens mit Funktionslust erfüllt sei, denn das Sexualziel bestehe in der „Einverleibung des Objektes“ (Vgl.: Freud 2000:103). Aufgrund der Generalisierung der Funktionslust wird der Mund in dieser Phase zum primären Lustorgan, der Säugling strebt selbstständig nach der nach Lustgewinn. Dementsprechend wird das Lutschen an Objekten wie z.B. Zehen, Daumen und Spielsachen zur typischen Handlung des Säuglings. Kennzeichnend für die orale Entwicklungsphase ist das emotional prägende Erlebnis der Abhängigkeit sowie die Konflikte, die im Zusammenhang mit der Entwöhnung auftreten können (Vgl.: Zimbardo/Gerrig 1999:532). Wenn die Triebbefriedigung frustriert wird, wird die Abhängigkeit von den Eltern als unbefriedigend erlebt und somit die Entwicklung des Vertrauens, welche in dieser Phase stattfindet, gestört. Dies kann, ebenso wie das Gegenteil, eine überfürsorgliche, verwöhnende Behandlung des Kindes, zu einer späteren oralen Fixierung der Sexualität führen.



Der Ausscheidungsvorgang steht in der analen Phase im Mittelpunkt (Vgl.: Freud: 2000:104). Der Ursprung der Lust, die Triebquelle ist der After als Ausscheidungsorgan, während die Ausscheidungen, die Faeces das Triebobjekt darstellen. In dieser Phase setzt sich das Kind vermehrt mit seinen aggressiven Bedürfnissen auseinander, weswegen Freud diesen Entwicklungsabschnitt auch als Phase der „sadistisch-analen Organisation“ bezeichnet (Vgl.: Freud 2000:104). Die Lust an der Defäkation bzw. das Spielen mit den Ausscheidungen sowie die Lust am Zurückhalten der Ausscheidungen bilden die beiden Triebziele dieser Phase. Der Grund für die dabei entstehenden inneren Konflikte ist die Diskrepanz zwischen Außen- und Innenkontrolle, welche sich zwischen dem Kind und seiner Umwelt aufgrund auseinander strebender Ansprüche ergibt. Die in dieser Phase relevante Sauberkeitserziehung ist sowohl die spezifische Entwicklungsaufgabe der analen Phase als auch die Quelle möglicher psychischer Störungen: aufgrund zwanghafter Sauberkeitserziehung kann sich eine Fixierung auf diese Phase herausbilden. Ordnungliebe, Sauberkeit, Hartnäckigkeit, Eigensinn, Geiz, zwanghaftes Verhalten sowie Gefühlskontrolle gelten als Persönlichkeitseigenschaften, die sich, teilweise bis ins Bizarre gesteigert, aus einer Regression auf die anale Phase entwickeln können (Vgl.: Zimbardo/Gerrig 1999:532).



Die Freudsche Entwicklungstheorie geht von einem zweizeitigen Ansatz der genitalen Sexualität aus, der von der Latenzphase unterbrochen wird. Zwar komme es während der phallischen Phase noch nicht zu einer Zusammenfassung der Partialtriebe unter das Primat der Genitalien, doch gewinne „auf der Höhe des Entwicklungsganges der infantilen Sexualität das Interesse an den Genitalien und die Genitalbetätigung eine dominierende Bedeutung, die hinter der in der Reifezeit wenig zurücksteht.“ (Freud 2000:238). Die phallische Phase ist die Zeit des von Freud entdeckten Ödipuskomplexes: In dieser Periode kommt es zu eindrücklichen, das Kind stark prägenden Erlebnissen, welche ein intensives, auf das gegengeschlechtliche Elternteil gerichtetes sexuelles Verlangen, mit welchem eine ausgeprägte, aggressive Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil einhergeht. In Anlehnung an den antiken Mythos des Ödipus von Theben, der unwissentlich und unwillentlich seinen Vater erschlägt und seine Mutter heiratet nannte Freud diese Konstellation Ödipuskomplex.
Der aus dieser Beziehung im Kind entstehende Konflikt ist besonders stark ausgeprägt, weil das Kind auf der einen Seite beide Elternteile liebt und auch von beiden geliebt werden will, es aber gleichzeitig glaubt, den gegenschlechtlichen Elternteil nur für sich gewinnen zu können, indem es in Rivalität zum gleichgeschlechtlichen Elternteil tritt.
Das Resultat der mit der Rivalität verbundenen Bedrohung durch das gleichgeschlechtliche Elternteil ist die Kastrationsangst.
Bei Mädchen hat Freud den Penisneid entdeckt, der anstelle der Kastrationsangst in diesem Zusammenhang auftritt. Durch die in der phallischen Phase stark ausgeprägte Neugier gegenüber dem anderen Geschlecht nehmen Mädchen den Penis bewusst wahr und entwickeln den Wunsch, selbst einen Penis haben zu wollen. In der Psychoanalyse wird das als Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber dem als stärker wahrgenommenen Geschlecht interpretiert.
Die Eltern haben selbst einen Einfluß auf die Erweckung der Ödipuseinstellung, indem sie selbst der geschlechtlichen Anziehung folgen. Wenn weitere Kinder hinzukommen, erweitert sich der Komplex zum Familienkomplex: Brüder und Schwestern können sich untereinander die „treulosen“ Elternteile substituieren.
Die Überwindung des Ödipuskomplexes ist ein wichtiges Entwicklungsziel der phallischen Phase; Die mit dem Begehren verbundenen Ängste bezüglich des „konkurrierenden“ Elternteils treten in den Vordergrund, durch Resignation und der Einsicht, dass die Phantasieziele nicht zu erreichen sind findet schließlich die Aufgabe der ödipalen Ziele sowie die Versöhnung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil statt.
Wie auch in den anderen Phasen kann es bei einer unvollkommenen Bewältigung der Entwicklungsaufgaben zu einer Fixierung auf die für diese Phase kennzeichnende Körperregion, in diesem Fall der Phallus bzw. die phallische Fixierung, kommen. Folgen einer phallischen Fixierung sind die Fortdauer der ödipalen Konstellation oder die Herausbildung eines phallischen Charakters, der sich durch sexuell betontes, rivalisierendes und imponierendes Verhalten zeigt.



Zwischen dem 6. und 12. Lebensjahr durchlebt das Kind die Latenzphase. Das durch die Kastrationsangst als Folge des Ödipuskomplexes entstandene Trauma führt zu einer Verdrängung sexueller Strebungen ins Unterbewusste. Scheinbar wird die sexuelle Entwicklung während dieser Zeit unterbrochen, das Interesse am anderen Geschlecht scheint erloschen, das Kind orientiert sich an gleichgeschlechtlichen Spielkameraden, libidinöse Triebregungen werden nur latent wirksam (Vgl.: Mönks et al. 1996:20).
Zudem bilden sich in der Latenzphase die Abwehrmechanismen heraus, wodurch sie ihre potenziell pathogene Bedeutung erhält (Vgl:. Zimbardo/ Gerrig 1999:532): „Die pathogene Bedeutung dieses Moments ergibt sich daraus, dass die meisten Triebansprüche dieser kindlichen Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und abgewehrt werden, so dass die sexuellen Regungen der Pubertät, die ich gerecht sein sollten, in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die Verdrängung zu folgen. Hier stoßen wir auf die direkteste Ätiologie der Neurosen.“ (Freud 1991:294)



Nach dem zwölften Lebensjahr tritt die Sexualität wieder aus dem Unterbewußten an die Oberfläche hervor. Diese Phase, mit der die psychosexuelle Entwicklung ihren Abschluss im Stadium der „reifen“, erwachsenen Sexualität findet, entspricht der Pubertät. Ihr Konfliktpotenzial entsteht aus einer beschleunigten körperlichen und intellektuellen Reifung, die im Gegensatz zu einer verzögerten emotionalen Entwicklung steht. Die Genitalien erhalten das „Primat des Lusterlebens“ (Mönks et al. 1996:21), das sexuelle Interesse richtet sich nicht mehr ausschließlich auf die eigenen erogenen Zonen, sondern orientiert sich um auf andere Personen. Als Entwicklungsziel formulierte Freud eine heterosexuelle Ausrichtung.
Mit dem endgültigen Durchbruch des Sexualtriebes nach der Latenzphase ist gleichzeitig das Ende der Erziehbarkeit eines Kindes erreicht: In dieser Zeit erfolgt die Ablösung von den Eltern. Die dem gegengeschlechtlichen Elternteil gewidmeten libidinösen Wünsche müssen von ihm gelöst werden, um sie einem realen, fremden Liebesobjekt zu widmen. Damit einher geht auch die Versöhnung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, (ursprünglich nach Freud: der Vater) bzw. die Befreiung von der von ihm ausgeübten Macht.
Während sich die infantile Sexualität durch ihr unzentriertes, unkoordiniertes Betätigungsschema auszeichnet, bei dem alle Partialtriebe unabhängig voneinander nach Organlust streben, wird der Wendepunkt zur „erwachsenen“ Sexualität durch die Vereinigung und Unterordnung der Partialtriebe unter das Primat des Genitalen sowie der Aufnahme des Fortpflanzungsziels und der Unterordnung der Sexualität unter dieses, erreicht: „Die Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft.“ (Freud 2000:105).



Sigmund Freud hat mit seinen Arbeiten zur Psychoanalyse als Erster den Versuch unternommen, aufbauend auf der Analyse intrapsychischer Prozesse, eine umfassende Theorie und Praxis zur Untersuchung, zum Verständnis und zur Therapie der Persönlichkeit zu entwickeln. Seinem Konzept der psychosexuellen Entwicklung kommt hierbei unter zwei Gesichtspunkten zentrale Bedeutung zu: dem Verständnis für die Voraussetzungen einer gesunden psychischen Entwicklung sowie der Ursachenforschung von Störungen.
Zu Freuds Verdiensten in diesem Zusammenhang zählt, dass er die Bedeutung der frühkindlichen und kindlichen Sexualität erkannte, beschrieb und auf deren ursächliche Rolle für Störungen und Charakterstrukturen hinwies, die oftmals erst jenseits der Kindheit, beim Erwachsenen erkannt werden (Vgl.: Davison/Neale 1996:39). Kritische Einwände gegen Freuds Entwicklungstheorie richten sich vor allem auf zwei Problemkreise: dass sie erstens als Phasenlehre zu Gunsten einfacher Orientierungsmöglichkeiten Typisierung und Starrheit in Kauf nehme und dass sie schliesslich empirische Mängel aufweise –„sie ist nicht aus einem repräsentativen Patientenstamm abgeleitet“ (Mönks et al. 1996:21), sondern basiert auf „unzureichend dokumentierten Einzelfällen und nicht standardisierten diagnostischen Methoden“ (Davison/Neale 1996:40). Dennoch hat Freud mit seiner Theorie der psychosexuellen Entwicklung um den hohen Preis wissenschaftlicher und persönlicher Anfeindungen, denen er sich mit seiner Arbeit aussetzte, aus heutigen Perspektive das Menschenbild der Humanwissenschaften revolutioniert.



Quellen


Davison, G.C., Neale, J.M.: Klinische Psychologie. Weinheim 1996

Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Frankfurt/ Main 1991

Freud, S.: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Frankfurt/ Main, 1991. S. 290-323

Laplanche, J, Pontalis, J.B.: Das Vokabular der Psychoanalyse, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1973

Lohmann, H.-M.: Freud zur Einführung. Hamburg 1992. S. 29-39.

Mannoni, O.: Freud. Reinbek 1971

Mertens, W.: Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität. Stuttgart 1996/1997. S. 55-60; 85-90; 112-114 (Bd. I), S. 13-15; 18-21 (Bd. II)

Mönks, F.J., Knoers, A.M.P., Marcoen, A., Lieshout, E.C.D.M.: Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. München 1996

Strachey, J. (Hrsg.): Sigmund Freud Studienausgabe Bd. V: Sexualleben. S. 37 - 145

Zimbardo, Ph.G., Gerrig, R.J.: Psychologie. Berlin 1999

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