Meine gastronomischen Erfahrungen
Als ich noch zur Schule ging, arbeitete ich in einem mittelmäßigen Restaurant, eigentlich war es eher ein Schnellimbiss, doch hatte dieser Laden einen ganz besonderen Ruf, so daß er neureiche Schnösel anzog (und immer noch anzieht; ich glaube, es gibt an die 15 Filialen in Deutschland) wie Licht die Motten.
Wenigstens lernte ich dort einiges über guten Wein und Scampis, außerdem konnte ich ausführliche Sozialstudien über den Habitus der Neureichen anstellen.
Ich vertrete die Meinung, dass man, wenn man etwas zur Steigerung seines Sozialprestiges konsumiert (Was ist es bitte sonst, wenn man sich eine Flasche Moët in einem Bahnhofsimbiss bestellt?) zumindest den Namen richtig aussprechen sollte. "Eene Flasche Mööt hätt' isch jerne" fällt ganz bestimmt nicht darunter. Immerhin weiß ich jetzt, dass es mindestens fünf verschiedene Arten gibt, "Veuve Clicquot" auszusprechen.
Es ist zwar keine Pflicht, das Personal einigermaßen freundlich zu behandeln, doch finde ich, dass Leute, die Geld haben, aber unhöflich sind, auch keinen Stil haben und deswegen nicht reich sondern Idioten sind:
Ein Kunde verlangte eine Flasche Chablis, welche ich ihm auch sofort entkorkte und fachgerecht präsentierte. Nachdem er auf einen Probeschluck bestand, was in einem Steh-Imbiss eher unüblich ist, schwenkte er den Wein im Glas und fragte nach der Temperatur des Weins. "Genau 9,5°C, mein Herr", log ich ihn an und versuchte ihm dabei das Gefühl von Wichtigkeit zu geben, was er durch seine Frage zu erreichen versuchte. "Niemals sind das 9,5°C; der Wein ist viel zu warm", entgegnete er, ohne überhaupt daran genippt zu haben, "ich verlange auf der Stelle eine neue Flasche". Die hat er natürlich bekommen, den für ihn ungenießbaren Wein teilte ich mir mit der netten Kollegin, die sich vor Lachen kaum noch halten konnte, als sie diese Szene mit ansehen musste.
Ich lernte, dass selbst teure Läden keine Garantie für gutes Essen sind, denn in der Küche sah es schon ganz schön schmuddelig aus. Glücklicherweise durfte ich vorne am Scampi-Grill stehen, wo ich mich stattdessen von 60-jährigen Damen in Champagnerlaune habe anflirten lassen müssen, welche mich immer mit irgendwelchen wahrscheinlich sündhaft teuren aber scheußlich schmeckenden Omapralinen vollstopften, anstatt ein vernünftiges Trinkgeld zu hinterlassen. Gleichzeitig war es aber streng verboten, die billigen, aber bestimmt lecker schmeckenden Mädchen vom gegenüberliegenden Stand anzulächeln, Verstöße wurden mit einer Abkommandierung zum Abwaschen geahndet. Der Chef sagte immer, dass es für Mitarbeiter seines Hauses nicht standesgemäß sei, mit den proletarischen Pommesverkäuferinnen zu flirten. Auf mich haben sie vielleicht gerade deswegen einen großen Reiz ausgeübt, ausserdem war ich genervt von der Perlenohrring-Uniformität meiner weiblichen Kolleginnen.
Nebenbei musste ich noch Junkies erklären, dass wir keine Zitronen verkauften, weil diese bevorzugt zum Aufkochen von Heroin verwendet werden und mir irgendwelche Urlaubsgeschichten von faszinierten Senioren anhören, die den großen Chef persönlich zu kennen glaubten (Der Hauptsitz der Kette wird von vielen Urlaubern besucht) und darum baten, ihm einen Gruß von Klaus und Helga aus der Vorstadt auzurichten. Jegliche Erklärungsversuche waren zwecklos, so dass ich mich irgendwann damit abfand und nur noch freundlich lächelnd nickte, wenn so ein Fall auftrat.
Der einzige Grund, warum ich mir diesen Zirkus noch angetan habe, war, dass ich unbemerkt während der Arbeitszeit meinen Eiweißhaushalt mit den Scampis auffüllen konnte. Was auch bitter nötig ist für einen Sechzehnjährigen.
Als herauskam, dass ich für das kontinuierliche Schrumpfen der Scampibestände verantwortlich war, wurde ich nicht zum Abwaschen eingeteilt. Stattdessen ging meine Karriere in dem Laden ganz schnell wieder zu Ende. Ich war nicht böse darum.
Wenigstens lernte ich dort einiges über guten Wein und Scampis, außerdem konnte ich ausführliche Sozialstudien über den Habitus der Neureichen anstellen.
Ich vertrete die Meinung, dass man, wenn man etwas zur Steigerung seines Sozialprestiges konsumiert (Was ist es bitte sonst, wenn man sich eine Flasche Moët in einem Bahnhofsimbiss bestellt?) zumindest den Namen richtig aussprechen sollte. "Eene Flasche Mööt hätt' isch jerne" fällt ganz bestimmt nicht darunter. Immerhin weiß ich jetzt, dass es mindestens fünf verschiedene Arten gibt, "Veuve Clicquot" auszusprechen.
Es ist zwar keine Pflicht, das Personal einigermaßen freundlich zu behandeln, doch finde ich, dass Leute, die Geld haben, aber unhöflich sind, auch keinen Stil haben und deswegen nicht reich sondern Idioten sind:
Ein Kunde verlangte eine Flasche Chablis, welche ich ihm auch sofort entkorkte und fachgerecht präsentierte. Nachdem er auf einen Probeschluck bestand, was in einem Steh-Imbiss eher unüblich ist, schwenkte er den Wein im Glas und fragte nach der Temperatur des Weins. "Genau 9,5°C, mein Herr", log ich ihn an und versuchte ihm dabei das Gefühl von Wichtigkeit zu geben, was er durch seine Frage zu erreichen versuchte. "Niemals sind das 9,5°C; der Wein ist viel zu warm", entgegnete er, ohne überhaupt daran genippt zu haben, "ich verlange auf der Stelle eine neue Flasche". Die hat er natürlich bekommen, den für ihn ungenießbaren Wein teilte ich mir mit der netten Kollegin, die sich vor Lachen kaum noch halten konnte, als sie diese Szene mit ansehen musste.
Ich lernte, dass selbst teure Läden keine Garantie für gutes Essen sind, denn in der Küche sah es schon ganz schön schmuddelig aus. Glücklicherweise durfte ich vorne am Scampi-Grill stehen, wo ich mich stattdessen von 60-jährigen Damen in Champagnerlaune habe anflirten lassen müssen, welche mich immer mit irgendwelchen wahrscheinlich sündhaft teuren aber scheußlich schmeckenden Omapralinen vollstopften, anstatt ein vernünftiges Trinkgeld zu hinterlassen. Gleichzeitig war es aber streng verboten, die billigen, aber bestimmt lecker schmeckenden Mädchen vom gegenüberliegenden Stand anzulächeln, Verstöße wurden mit einer Abkommandierung zum Abwaschen geahndet. Der Chef sagte immer, dass es für Mitarbeiter seines Hauses nicht standesgemäß sei, mit den proletarischen Pommesverkäuferinnen zu flirten. Auf mich haben sie vielleicht gerade deswegen einen großen Reiz ausgeübt, ausserdem war ich genervt von der Perlenohrring-Uniformität meiner weiblichen Kolleginnen.
Nebenbei musste ich noch Junkies erklären, dass wir keine Zitronen verkauften, weil diese bevorzugt zum Aufkochen von Heroin verwendet werden und mir irgendwelche Urlaubsgeschichten von faszinierten Senioren anhören, die den großen Chef persönlich zu kennen glaubten (Der Hauptsitz der Kette wird von vielen Urlaubern besucht) und darum baten, ihm einen Gruß von Klaus und Helga aus der Vorstadt auzurichten. Jegliche Erklärungsversuche waren zwecklos, so dass ich mich irgendwann damit abfand und nur noch freundlich lächelnd nickte, wenn so ein Fall auftrat.
Der einzige Grund, warum ich mir diesen Zirkus noch angetan habe, war, dass ich unbemerkt während der Arbeitszeit meinen Eiweißhaushalt mit den Scampis auffüllen konnte. Was auch bitter nötig ist für einen Sechzehnjährigen.
Als herauskam, dass ich für das kontinuierliche Schrumpfen der Scampibestände verantwortlich war, wurde ich nicht zum Abwaschen eingeteilt. Stattdessen ging meine Karriere in dem Laden ganz schnell wieder zu Ende. Ich war nicht böse darum.
svennov - 19. Jan, 21:59
3 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Feli (Gast) - 19. Jan, 22:36
Wenn Sie so gut mit Essen wie mit Wörtern umgehen, war die Zeit dort vielleicht ein bisschen vertan, aber für Ihre Leser auf jeden Fall ein Genuss!
German Psycho (Gast) - 20. Jan, 10:07
Sie verkauften nur deswegen keine Zitronen, weil diese zum Aufkochen von Heroin verwendet werden? Da führte Ihr Chef wohl einen Kreuzzug, was?
Ich war früher in einer (pseudo-)edlen Pizzeria in einem recht teuren Vorort Frankfurts beschäftigt. Der Chef war ein schmieriger Kleinganaove, wie er im Buche stand. Die Spezialpizza mit vielen Zusatzprodukten (in Alufolie einepackt) mußte ich auch noch in 50km entfernte Orte bringen. Aber was solls, das Trinkgeld war gut. Und ich wußte ja von nix. Abgesehen von den Restmengen, die nie beim Kunden ankamen.
Arm waren nur die normalen Kunden: Die bekamen auf ihre Pizza nämlich den letzten Dreck gepackt. Champignons aus 3. Wahl, abgelaufene Pepperoni-Salami („schmecke keina rausse”) und ähnliche Leckereien.
Ich war früher in einer (pseudo-)edlen Pizzeria in einem recht teuren Vorort Frankfurts beschäftigt. Der Chef war ein schmieriger Kleinganaove, wie er im Buche stand. Die Spezialpizza mit vielen Zusatzprodukten (in Alufolie einepackt) mußte ich auch noch in 50km entfernte Orte bringen. Aber was solls, das Trinkgeld war gut. Und ich wußte ja von nix. Abgesehen von den Restmengen, die nie beim Kunden ankamen.
Arm waren nur die normalen Kunden: Die bekamen auf ihre Pizza nämlich den letzten Dreck gepackt. Champignons aus 3. Wahl, abgelaufene Pepperoni-Salami („schmecke keina rausse”) und ähnliche Leckereien.
koksundnutten (Gast) - 21. Jan, 16:08
ich habe mal bei einer relativ neuen und innovativen (für deutschland) fastfood kette gearbeitet, und habe dort das gehobene single leben einer der grossen städte deutschlands eingehend studiert.
man glaubt nicht was es für leute gibt, und zweitens der mythos, das sobald die sonne untergeht die seltsamsten gestaltenm aus ihren löchern kommen hat sich auch bewahrheitet.
ich bin begeistert wie das verlinken von blogs sich verselbstständigt!
...
man glaubt nicht was es für leute gibt, und zweitens der mythos, das sobald die sonne untergeht die seltsamsten gestaltenm aus ihren löchern kommen hat sich auch bewahrheitet.
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