Barbourjacken und Beliebigkeit
Auch ein Probefahrer bleibt nicht vor Enttäuschungen bewahrt... So kam es, dass ich mir einen Lexus SC430 für eine Probefahrt aussuchte. Ich ließ mich wahrscheinlich vom 4,3 Liter umfassenden Hubraum und den anderen durchaus positiven Fahreigenschaften blenden. Das Auto ist grundsolide und bietet ein prima Preis/Leistungsverhältnis. Aber sind das Gründe, nach denen man einen Roadster kauft?
Spätestens im Innenraum merkt man, warum dieser Sportwagen schon für knapp über 70.000 Euro in quasi-Vollausstattung verkauft wird: An Edelholz und Elektronik wird zwar nicht gespart, doch scheint dort, genauso wie beim Design der Karosserie, Beliebigkeit das Gestaltungsprinzip gewesen zu sein; ich vermisse die logische, einfache Bedienung und die klare Linie, die ich z.B. von Audi gewohnt bin. Diese, dem SC430 fehlende Eigenschaft nenne ich "sophisticatedness". Die Ingenieure haben sich wahrscheinlich viel Mühe gegeben, den Touchscreen-Bordcomputer zu entwickeln, doch in der Praxis fällt dieser nur durch fettige Fingerabdrücke auf dem Display und die unpräzise Bedienung auf. (Wahrscheinlich waren es japanische Streber-Nerds, die Seppukku begingen, wenn sie von der Praxisuntauglichkeit ihrer Erfindung erführen.)
Der Wagen ist schnell, aber nicht sportlich, voller Elektronik aber nicht modern. Gerade dadurch verkommt das Konzept zur Farce; alles wirkt überladen und deswegen schon wieder anachronistisch, obwohl es technisch gesehen keineswegs veraltet ist.
Der Tag begann sehr gut, obwohl es leicht regnete. Nachdem ich mit einem schlechtgekleideten Verkäufer ein belangloses Gespräch führte und die Schlüssel überreicht bekam, gönnte ich mir ein Ciabatta in einer italienischen Bar, in der normalerweise nur BWL-Studenten ihre Barbour-Jacken spazierentragen, weswegen ich mich in einer Geruchswolke aus Kaffee und dem Geruch nasser, zum Trocknen aufgehängter Barbour-Jacken wiederfand.
Sofort fiel mir die eklatante Ähnlichkeit auf: Der SC430 ist wie jemand, der sich weder auf dem Land, noch am Meer befindet und trotzdem eine Barbourjacke mit Segelschuhen kombiniert:
Durchgestylt, aber nicht schön, praktisch, aber unfunktional.
Barbourjacken und Segelschuhe sind für sich gesehen hochwertige Produkte, die ihre Daseinsberechtigung für die ihnen jeweils zugedachten Zwecke haben, doch kombiniert und aus dem Zusammenhang gerissen werden sie zu einem beliebigen Distinktionsmerkmal, da sie dadurch keine Funktion mehr erfüllen. Vielmehr geben sie ihren Träger der Lächerlichkeit preis. Oder will mir jemand sagen, dass die Witterung in einer Stadt der gemäßigten Zone eine solche Jacke notwendig mache? Wofür gibt es Taxis?
Auf regennasser Fahrbahn in einer Tempo-30-Zone kam mir ein halbverrosteter, 15 Jahre alter Ford entgegen, der sich in einer Kurve in die Seite des Lexus bohrte. Abgesehen von einem immensen Sachschaden an einem Auto, was gerade einmal 3000 km gelaufen ist, passierte nichts. Dabei dachte ich immer, dass Unfälle mit einem Sportwagen zumindest einen Hauch von Sex, Drugs und Rock'n Roll hätten. Aber nein, ich hatte mir ja ein Billigmodell ohne jeglichen Esprit ausgesucht und dementsprechend fand ich mich in einer langweiligen Wohnstraße einem pöbelnden Unfallgegner gegenüberstehend wieder, der seine klar bewiesene Schuld nicht eingestehen wollte. Wäre es kein Türke gewesen, hätte ich mich sicherlich über die typisch deutsch-bürgerliche Unbelehrbarkeit echauffiert.
Kurze Zeit nach der von mir hinzugerufenen Polizei traf seine Großfamilie ein, welche abwechselnd mich und die Polizisten zu beschimpfen versuchte. Zumindest an mir perlte diese grammatikalisch unkorrekte Kakophonie ab, wie Chardonnay an der Bügelfalte meiner Anti-Fleck-imprägnierten und deswegen Wochenend-Hose.
Nachdem ich mich mit dem zwar kaputten, aber immer noch fahrtüchtigen Wagen vom Ort des Geschehens entfernt habe, lachend ob der Sinnlosigkeit, seinen Unfallgegner zu beschimpfen, dass er so ein teures (sic!) Auto fahre, lieferte ich das Auto mit dem Kommentar "Die Scheißkarre hat mir kein Glück gebracht" wieder beim Autohaus ab. Den Rest klärten die Versicherungen untereinander.
Spätestens im Innenraum merkt man, warum dieser Sportwagen schon für knapp über 70.000 Euro in quasi-Vollausstattung verkauft wird: An Edelholz und Elektronik wird zwar nicht gespart, doch scheint dort, genauso wie beim Design der Karosserie, Beliebigkeit das Gestaltungsprinzip gewesen zu sein; ich vermisse die logische, einfache Bedienung und die klare Linie, die ich z.B. von Audi gewohnt bin. Diese, dem SC430 fehlende Eigenschaft nenne ich "sophisticatedness". Die Ingenieure haben sich wahrscheinlich viel Mühe gegeben, den Touchscreen-Bordcomputer zu entwickeln, doch in der Praxis fällt dieser nur durch fettige Fingerabdrücke auf dem Display und die unpräzise Bedienung auf. (Wahrscheinlich waren es japanische Streber-Nerds, die Seppukku begingen, wenn sie von der Praxisuntauglichkeit ihrer Erfindung erführen.)
Der Wagen ist schnell, aber nicht sportlich, voller Elektronik aber nicht modern. Gerade dadurch verkommt das Konzept zur Farce; alles wirkt überladen und deswegen schon wieder anachronistisch, obwohl es technisch gesehen keineswegs veraltet ist.
Der Tag begann sehr gut, obwohl es leicht regnete. Nachdem ich mit einem schlechtgekleideten Verkäufer ein belangloses Gespräch führte und die Schlüssel überreicht bekam, gönnte ich mir ein Ciabatta in einer italienischen Bar, in der normalerweise nur BWL-Studenten ihre Barbour-Jacken spazierentragen, weswegen ich mich in einer Geruchswolke aus Kaffee und dem Geruch nasser, zum Trocknen aufgehängter Barbour-Jacken wiederfand.
Sofort fiel mir die eklatante Ähnlichkeit auf: Der SC430 ist wie jemand, der sich weder auf dem Land, noch am Meer befindet und trotzdem eine Barbourjacke mit Segelschuhen kombiniert:
Durchgestylt, aber nicht schön, praktisch, aber unfunktional.
Barbourjacken und Segelschuhe sind für sich gesehen hochwertige Produkte, die ihre Daseinsberechtigung für die ihnen jeweils zugedachten Zwecke haben, doch kombiniert und aus dem Zusammenhang gerissen werden sie zu einem beliebigen Distinktionsmerkmal, da sie dadurch keine Funktion mehr erfüllen. Vielmehr geben sie ihren Träger der Lächerlichkeit preis. Oder will mir jemand sagen, dass die Witterung in einer Stadt der gemäßigten Zone eine solche Jacke notwendig mache? Wofür gibt es Taxis?
Auf regennasser Fahrbahn in einer Tempo-30-Zone kam mir ein halbverrosteter, 15 Jahre alter Ford entgegen, der sich in einer Kurve in die Seite des Lexus bohrte. Abgesehen von einem immensen Sachschaden an einem Auto, was gerade einmal 3000 km gelaufen ist, passierte nichts. Dabei dachte ich immer, dass Unfälle mit einem Sportwagen zumindest einen Hauch von Sex, Drugs und Rock'n Roll hätten. Aber nein, ich hatte mir ja ein Billigmodell ohne jeglichen Esprit ausgesucht und dementsprechend fand ich mich in einer langweiligen Wohnstraße einem pöbelnden Unfallgegner gegenüberstehend wieder, der seine klar bewiesene Schuld nicht eingestehen wollte. Wäre es kein Türke gewesen, hätte ich mich sicherlich über die typisch deutsch-bürgerliche Unbelehrbarkeit echauffiert.
Kurze Zeit nach der von mir hinzugerufenen Polizei traf seine Großfamilie ein, welche abwechselnd mich und die Polizisten zu beschimpfen versuchte. Zumindest an mir perlte diese grammatikalisch unkorrekte Kakophonie ab, wie Chardonnay an der Bügelfalte meiner Anti-Fleck-imprägnierten und deswegen Wochenend-Hose.
Nachdem ich mich mit dem zwar kaputten, aber immer noch fahrtüchtigen Wagen vom Ort des Geschehens entfernt habe, lachend ob der Sinnlosigkeit, seinen Unfallgegner zu beschimpfen, dass er so ein teures (sic!) Auto fahre, lieferte ich das Auto mit dem Kommentar "Die Scheißkarre hat mir kein Glück gebracht" wieder beim Autohaus ab. Den Rest klärten die Versicherungen untereinander.
svennov - 10. Dez, 11:01
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Feli (Gast) - 10. Dez, 21:05
Kannst du bitte ein Buch schreiben? Ich verspreche, ich werde es kaufen.
Die_Heldin (Gast) - 11. Dez, 03:18
ich dachte barbourjacken seinen seit mitte der neunziger verboten...spätestens mit erscheinen von krachts debütroman hätte man sie -am besten mit ihm- beerdigen sollen.^^.

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