Mittwoch, 22. August 2012

Christian Schad: Lotte (1928)

Gastbeitrag von Karsten Hannes Breßler und Vanessa Jobst.


Vorikonographische Bildbeschreibung

Die vorliegende Arbeit „Lotte“ wurde im Jahre 1927 von Christian Schad angefertigt und auf das Jahr 1928 datiert. Es wurde mit Öl auf Holz gemalt und hat im Original eine Größe von 66,2 mal 54,5 cm.
Der Zusatz „Die Berlinerin“ stammt jedoch nicht von Christian Schad, sondern wurde erst 1964/65 im Atelier Brockstedt in Hamburg hinzugefügt.

Das Gemälde ist in vier Bildabschnitte unterteilt: einer Frau Im Vordergrund und einem dreigeteilten Hintergrund.

Im Vordergrund ist das Portrait einer Frau zu sehen, welche bis zur Hüfte abgebildet ist. Ihr rechter Arm ist angewinkelt und ihr linker Arm verläuft diagonal zum rechten unteren Bildrand. Sie sieht den Betrachter an.

Sie trägt glänzende, braune Haare zu einem Bubikopf geschnitten, welcher beide Ohren verdeckt. Diese sind zudem leicht gewellt, haben einen linken Seitenscheitel und weisen eine Wasserwelle auf.
Die Haut in ihrem Gesicht wirkt porzellanartig und relativ blass und es sind rosa Wangen zu erkennen; ihr Gesicht ist dabei heller als ihr Hals. Sie hat sehr große, blaugraue Augen, unter denen Schatten zu erkennen sind. Diese Augen sind, ebenso wie ihre schmalen Augenbrauen und ihr schmaler, geschlossener Mund, sehr scharf und filigran dargestellt. An ihren verdeckten Ohren hängen zwei Ohrringe aus zwei verschieden großen blauen Kugeln, die an einer kurzen Kette befestigt sind.
Die Frau trägt einen samtartigen, schwarzen Blazer über einer leicht transparenten, altrosafarbigen Bluse. Die Bluse ist bis zur Brust ausgeschnitten und ist am Kragen durch eine Schleife aus einem schwarzen Band geschlossen.
Unter der Bluse ist ein rötliches Kleidungsstück zu erkennen, welches der Frau bis knapp über die Brust reicht.

Der Hintergrund ist in drei Abschnitte unterteilt.



1.Abschnitt:
Bis zur Höhe ihrer Brust besteht der Hintergrund aus einer relativ strukturlosen, braunen Fläche mit grauen Farbakzenten

2.Abschnitt:
Oberhalb dieser Fläche verläuft rechts von der Frau eine rundliche, rotbraune Abtrennung, die leicht schräg von links oben nach rechts unten verläuft. Von dieser leicht verdeckt ist ein Tisch zu erkennen, der rechts aus dem Bildrand herausragt.
Auf dem Tisch liegt eine Tischdecke in einer sehr ähnlichen Farbe der Bluse der Frau. Die Tischdecke weist noch Falten des Zusammenlegens auf und auf ihr steht ein, in Relation zum Gesamtbild, großes, leeres Sektglas, dessen Boden durch die untere Abtrennung abgeschnitten ist. Auf diesem ist eine Lichtspiegelung zu erkennen.
Hinter dem Tisch erkennt man einen Teil einer Stuhllehne in sehr dunklem braun. Der Stuhl steht vor einer vertäfelten Wand aus braunen, etwa gleichgroßen Paneelen mit jeweils zwei Trennfugen dazwischen. Die Vertäfelung geht oben und rechts aus dem Bildrand heraus und wird links von einer weiteren Abtrennung, die, vom oberen Bildrand kommend, in einer Kurve bis hinter die Stirn der Frau reicht, abgeschlossen. Oben rechts ist ein Schatten auf den Paneelen zu erkennen.

3.Abschnitt

Der dritte Abschnitt befindet sich links oben und oberhalb der Frau. Er besteht aus einer dunklen, fast schwarzen Fläche. In der linken oberen Ecke erkennt man das untere rechte Viertel einer Kugel, auf der regelmäßige, angrenzende Rechtecke zu erkennen sind. Eine ähnliche Form findet sich auch am linken Bildrand auf Höhe der Oberlippe der Frau. Nur das hier nicht ein Viertel, sondern die Hälfte einer, etwas kleineren Kugel abgebildet ist.
Ausgehend von diesen Kugeln sieht man zum Teil gelbliche, transparente, strahlenförmige Flächen verschiedener Größe, Breite und Länge, die sich über den gesamten hier beschriebenen Hintergrundsabschnitt verteilen.
Über der rechten Schulter der Frau erkennt man zudem eine schmale, torförmige Form, die beinahe bis an den oberen Bildrand reicht. Diese ist dazu noch in mehrere Abschnitte unterteilt: eine kleinere, schmalere, zum äußeren Rand parallele Form und zwei weitere Formen unter der oberen Wölbung.
Diese torförmige Form findet man nochmals rechts über ihrem Kopf. Diese wird jedoch zu einem sehr großen Teil von der Vertäfelung verdeckt.

Im gesamten dritten Bildabschnitt verteilt befinden sich neun, aus einzelnen Punkten bestehende, Linien, welche zum Teil gerade und zum Teil kurvig verlaufen.
Hierbei sind die kurvigen Linien kurz und bilden einen Viertelkreis. Sie haben die Farben blau, rot, orange, gelb und grün. Die Farben sind im Vergleich zum Rest des Bildes sehr kräftig und leuchtend.

Über ihrer linken Schulter befinden sich drei Flächen aus einzelnen goldbraunen Rechtecken, welche im Fischgrätenmuster angeordnet sind. Ein solches Muster findet sich ebenso im Abschnitt zwischen ihrem rechten Oberarm und dem linken Bildrand.


Ikonographie


Christian Schad: Biogaphie

Der Künstler Christian Schad wurde am 21. August 1894 in Miesbach in Oberbayern als Sohn des Justizrates Carl Schad und dessen Frau Marie geboren.
Im Alter von 18 Jahren verließ er das Gymnasium und schrieb sich zunächst an der Kunstakademie in München ein. Diese verließ er jedoch nach einigen Semestern wieder, da er starke Abneigungen gegen den Akademismus hegte und sich daher nicht prüfen lassen wollte.
Seine Ausbildung zum Künstler führte er von da an autodidaktisch weiter. Hierzu mietete er sich sein erstes Atelier in München-Schwabing.

In seinem Frühwerk wurde er besonders vom Jugendstil beeinflusst, was in seinen frühen Holzschnitten (z.B. Haschisch, 1913) zum Beispiel an besonders ornamenthaften Formen zu sehen ist. Später dann, ab 1914, orientierte er sich nach eigener Aussage stärker an der zeitgenossischen Avantgarde und hier besonders am deutschen Expressionismus.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges umging er den Dienst an der Waffe, indem er eine Herzkrankheit vortäuschte und arbeitete dann zunächst in München mit Künstlern der Neuen Münchner Sezession zusammen, bevor er im August 1915 in die Schweiz emigrierte.

Dort in Zürich lernte er seinen besten Freund Walter Serner kennen, der zum Kreis der Zürcher Dadaisten gehörte, mit denen Schad viel verkehrte, ohne jedoch dazu zugehören. Seine Werke in Zürich, wo er erst 1916 wieder begann zu malen, waren sehr farbarm, da er Aussagen ohne Vorbehalt nur mit wenigen Farben darstellen wollte. In Zürich wandte er sich dem Kubismus zu.

Als er später, 1916, nach Genf ging, begann mit seinen so genannten Schadographien seine Dadaphase. Außerdem fertigte er dort abstrakte Holzschnitte an.
Seine Portraits der Genfer Zeit sind jedoch wieder expressionistisch geprägt, was man an dem Portrait seiner Freundin Suzy erkennen kann. Die Pinselstriche im Hintergrund wurden abstrakter und großflächiger, um den Fokus des Betrachters auf das Gesicht der dargestellten Frau zu lenken.

Am 23. März 1920 kehrte er dann aus finanziellen Gründen nach Deutschland zurück und war entsetzt von der Lethargie der besiegten Bevölkerung. Mit dem Gedanken, dass Dada nicht mehr zeitgenössisch sei, zerstörte er sogar eigene Dada-Werke. Dada war für ihn nunmehr überholt.

Im Sommer 1920 ging er dann nach Italien, wo er abwechselnd in Rom und Neapel arbeitete. Dort wandte er sich der Malerei der Neuen Sachlichkeit zu. Sein nach eigener Aussage „erstes sachliches Bild“ (Ratzka, 2008) „Die schöne Loge“ malte er in Neapel.
Ratzka beschreibt den Wandel in Schads Malerei so:

„Seine Malweise, insbesondere hinsichtlich eines die Kontur auflösenden, fließenden Übergangs, veränderte er in dieser Anfangsphase [...] in Richtung der [ ihn ] später so bezeichnenden Verhärtung der Form und Schärfung der Kontur.“ ( Ratzka, 2008)

Nach einem kurzen Abstecher nach Berlin führte ihn sein Weg 1921 wieder nach München, wo er hauptsächlich als Auftagsmaler für Portraits arbeitete.
Nebenbei besuchte er mit seinem Freund Walter Serner häufig Italien und heiratete 1923 die Italienerin Marcella Arcangeli.
Auf einer dieser Italienreisen malte er 1924/25 ein Portrait von Papst Pius XI., welches seinen Bekanntheitsgrad sehr steigerte.

Im Sommer 1925 zog er mit seiner Familie nach Wien. Hier fertigte er 1927 eines seiner Hauptwerke, ein Selbstportrait mit Modell, an, auf dem er ein durchsichtiges Hemd trägt.
Kurz darauf trennte er sich von seiner Frau.

1927 zog er dann auf Anraten Serners nach Berlin, da er in Wien keine Anerkennung fand.
In Berlin bat ihn Konrad Haemmerling (alias Kurt Moreck) für ihn Szenen aus homosexuellen Lokalen und Tanzcafés zu entwerfen.

Ab Ende 1927 entstanden dann in seinem Atelier in der Berliner Hardenbergstraße viele seiner bedeutendsten neusachlichen Portraits, die meistens bestimmte Charakteristika aufwiesen.

Alle seine Portraits aus dieser Zeit zeigen scharf gezeichnete, große Augen, schmale geschlossene Lippen und schmale Augenbrauen. Die Augen waren für ihn stets der archimedische Punkt, da sie für ihn einen Spiegel zur Seele darstellten.
Des Weiteren war er bekannt dafür, die Haut der Portraitierten sehr gut erfassen zu können.

„Kein Maler seiner Zeit konnte Haut so malen wie er – die glatte, noch nicht erschlaffte Haut als Hülle, von der man weiß, daß sie später welken und faltig werden muß, konnte Haut so verletzlich und transparent malen[...].“(Felix Bryk in Presler, 1992, S. 55)

In den 30er Jahren wandelte sich sein Stil nochmals und er wandte sich nach und nach dem Naturalismus zu, was auch in seinen Portraits dieser Zeit zum Ausdruck kommt. Auch fertigte er in dieser Zeit Auftragsportraits an, wobei er jedoch begann, diese nach Fotografien der Dargestellten anzufertigen.

Schad wurde, nicht wie viele andere seiner Zeit, von den Nationalsozialisten nicht als Vertreter der „Entarteten Kunst“ eingestuft und konnte weiterarbeiten. Er befürchtete jedoch, aufgrund seiner Dada-Vergangenheit mit einem Berufsverbot belegt zu werden und reduzierte das Malen auf nur wenige Werke. 1936 übernahm er dann die Leitung eines Brauereibetriebs und beschäftigte sich eine Zeit lang mit Naturstudien und Aquarellkunst.

1942 lernte er dann seine spätere Frau, die Schauspielerin Bettina Mittelstädt, kennen und zog in ein kleines Gartenhaus in Lichterfelde.

Er beschäftigte sich bis in die 60er Jahre hinein mit „technischen und stilistischen Experimenten“ (Ratzka, 2008). Er malte zwar auch weiterhin viele Portraits, jedoch wandte er sich der Temperamalerei zu, um eine stofflichere Malweise zu erhalten. Die Arbeiten jedoch, bei denen es sich nicht um Aufträge handelte, malte er mit Pastell- und Aquarelltechniken.

Christian Schad starb am 25.02.1982 in Stuttgart.


Die Gesellschaft der 20er Jahre

Das Ende des ersten Weltkrieges zeichnete sich durch politische Polarisierung von extrem rechten und linken Denkweisen aus. Ausdruck dieser Gegensätzlichkeiten fand sich im Kapp- Putsch (1920), nachfolgenden kommunistischen Arbeitsaufständen und weiteren Putsch- und Umsturzversuchen. Die Folge waren viele Aufspaltungen des Parteigefüges in kleine zerstrittene Grüppchen, die kompromissunfähig waren. Nach dem gescheiterten Hitler- Putsch (1923) begann der Aufstieg der NSDAP, die Wahlstimmen erreichten nicht mehr die tragenden mittleren, sondern wanderten über zu den extrem rechten Parteien. Das folgenreichste Problem des Krieges, im wirtschaftlichen Sektor, war aber die Inflation, die sich zu einer Hyperinflation ausbreitete. Existenzielle Unsicherheit machte sich breit.
Mit Einführung der Rentenmark konnte die deutsche Währung überarbeitet werden und die Reparationsforderungen an Deutschland wurden gelockert.
Probleme einer gesellschaftlichen Art zeichneten sich in der Zahl der männlichen Erwerbstätigen ab, die sich durch die Toten und verkrüppelten Heimkehrer reduzierte.

„Von den Zwanzig, die sich 1914 freiwillig gemeldet haben, sind vierzehn tot, vier werden vermisst, einer ist im Irrenhaus, wir leben.“ (Remarque 1929, Im Westen nichts Neues)

Anfänglich belastete dies den Arbeitsmarkt, vor allem die Landwirtschaft, doch später kam es durch die amerikanischen Kredite zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland. Die Folgen waren stabile Preise, höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und Tarifverträge durch Gewerkschaftsstärkungen.
Ein abruptes Ende des wirtschaftlichen Booms setzte der „Schwarze Freitag“ (25. Oktober 1929) und war zugleich der Wegbereiter der Weltwirtschaftskrise, die schließlich eine sinkende Kaufkraft der Massen, Zurückgang der Investitionen und Produktionen und Massenverarmung zur Folge hatte. Misstrauen herrschte und führte zu einem „Unbehagen an der Demokratie“ (Faulstich, 2008, S. 11).
Davor aber kam es, durch die fortschreitende Industrialisierung der Gesellschaft, zu einer Bildung neuer sozialer Schichten. Der soziale Aufstieg schien greifbarer für Teile der bürgerlichen Mittelschicht, auch ohne Revolution. Das Kleinbürgertum dagegen drohte wieder in das frühere Unterschichtmilieu zu fallen.
Eine weitere wichtige Veränderung in der Gesellschaft der „Goldenen Zwanziger“ zeigte sich im „neuen Frauenbild“. Die Frau arbeitete in sonst männerspezifischen Branchen, aber auch in frauenspezifischen Berufen wie Stenotypistin, Verkäuferin, Sozialarbeiterin. (vgl. ebd. S. 13)
Das neue Frauenbild wurde auch vom amerikanisch geprägten Mythos der selbstständigen, geschminkten, rauchenden, modischen, attraktiven Frau mit Bubikopf, die ihr eigenes Geld verdient und noch dazu den Haushalt organisiert, geprägt.
Der Mythos, in dem der Mann als Heros über der Frau stand, zerbrach, der Mann kehrte als „Häufchen Unglück aus dem Krieg zurück, wenig bewundernswert, ein gedemütigter, zerschundener Verlierer“ (Presler, 1992, Glanz und Elend der 20er Jahre: die Malerei der Neuen Sachlichkeit, S. 27) und erschien disqualifiziert.
Indiz für das neue Frauenbild war auch die Kleidung, „die sie nicht mehr vermumme, sondern zeige, dem männlichen Blick geradezu auftue, ohne ins Unsittliche abzugleiten.“ (Flemminger, 2008, S. 60)
Der neue Look der Damenmode in den Zwanziger Jahren war sachlich und androgyn, das Schönheitsideal war eine schlanke und knabenhafte Silhouette. (Strobel, 2008, S. 124) Als Vorbild galt die Pariser Haute Couture, allen voran Coco Chanel. Ihre Mode verkörperte den Typus der modernen, knabenhaften Frau – schlicht und der Herrenkleidung abgeleitet. Auch die Ausstattung der Frau mit Modeschmuck ist auf Chanel zurück zu führen.
Die Frau wurde in ihren Liebesbeziehungen anspruchsvoller und sollte nun nicht mehr als „Weibchen“ wahrgenommen werden. (vgl. ebd. S. 61)
Des Weiteren erhält die „neue Frau“ im Rahmen gesellschaftspolitischer Diskussionen das Wahlrecht und durch die Weimarer Verfassung einen offiziellen Gleichstellungsstatus mit dem Mann. Diese Festmachung war aber nicht der Spiegel der Realität, sondern eher in die Zukunft gerichtet. (vgl. ebd. S.61), die Gesetze des Bürgertums lebten fort und formten unüberwindliche Barrieren.
Sozialistische Frauenbewegungen machten sich zum Ziel, der Ehe eine neue Bedeutung zu geben und eine absolute Gleichberechtigung zu schaffen. Letztendlich scheiterte der Bereich der Frauenpolitik am Beharrungsvermögen althergebrachter Gewohnheiten und der geringen Kooperationsbereitschaft der zuständigen Instanzen.

Auch dies war Thema der neuen Sachlichkeit, die sich in den Zwanziger Jahren herausbildete.
Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ wurde zum ersten mal verwendet, als der Mannheimer Museumsdirektor Gustav Friedrich Hartlaub im Mai 1923 in einem Rundschreiben zu einer Ausstellung einlud, die weder impressionistisch noch expressionistisch gewichtet sein, sondern diejenigen Künstler zeigen sollte, „die der positiven, greifbaren Wirklichkeit … treu geblieben sind.“ (ebd. S. 13)
Der Terminus „Neue Sachlichkeit“ dient als kunstgeschichtliche Stilbezeichnung aber auch als künstlerische und menschliche Haltung: nüchtern, darstellend, statisch, still, kalt.
Unter dem Begriff der neuen Sachlichkeit lassen sich drei Themenbereiche ausmachen, die „Magische Wirklichkeit“ (z.B. Franz Radziwill), die „Klassisch- neuromantische Wirklichkeit (z.B. Georg Schrimpf) und die „ Soziale Wirklichkeit“, in den Christian Schad einzuordnen ist. (vgl. Presler, 1992, S. 17)
Das Portrait erhielt in der Malerei der neuen Sachlichkeit, im Gegensatz zum Expressionismus und Kubismus, wieder eine wichtige Rolle.
„Das Individuum wurde in einem sozialen Umfeld aufgesucht. Das Bild dokumentierte einen einzelnen Menschen- und durchleuchtete zugleich die Zusammenhänge einer ganzen Epoche.“ (Presler, 1992, S.29)

Über Christian Schad wird geschrieben:

„Kein Maler … konnte Haut so malen wie er – die glatte, noch nicht erschlaffte Haut als Hülle … so verletzlich und transparent … mit dem durchschneidenden Netz feinster Äderchen, durchpulst von intensiver Sinnlichkeit und doch zugleich so medizinisch distanziert und nüchtern betrachtet wie mit den Augen des Arztes.“ ( Felix Bryk in Presler, 1992, S. 55)

Er steckte die ihm gegenüberstehenden Objekte wie Schmetterlinge auf die Nadel, verdinglichte sie zu Präparaten, legte sie unter das Mikroskop. (vgl. ebd. S. 57)
Er platzierte die Menschen vor sie charakterisierende Kulissen, stellte sie als Repräsentant einer „beziehungsarmen und eingeschweißten Urbanität“ dar. (vgl. ebd. S. 57)


Ikonologie

Bei der dargestellten Frau handelt es sich um die Modistin Lotte aus dem Hutgeschäft aus dem Erdgeschoss der Berliner Pension Schlesinger. (vgl. Werksverzeichnis, Band I: Malerei, 2008, Kat.-Nr. 95)Der Künstler selbst versah das Bild nicht mit einem Nachnamen, da er sich nicht an ihn erinnern konnte.

Die Darstellung ihres Gesichtes ist sehr typisch für die Portraits, die Schad in Berlin malte. Die großen Augen, schmalen, geschlossenen Lippen und schmalen Augenbrauen finden sich auch in anderen Portraits aus dieser Zeit wieder, wie z.B. „Sonja“ (1928).
In seinen Frauenportraits dieser Zeit werden die Blicke des Betrachters zunächst auf die Augen gelenkt, die, so Schad, „…bei einem Porträt zuerst lebendig werden, wenn alles andere noch ungeformt ist.“ (Ratzka, 2008, S. 19) Die Augen stellten für ihn den „archimedischen Punkt“ (ebd. S. 19) dar.
Obwohl Schad die Augen als „Tor zur Seele“ (ebd. S. 19) bezeichnete, erzeugt er durch die perfekte Glätte und Oberfläche eine Distanz zum Betrachter und die Dargestellte erscheint dem diesem beinahe unbeteiligt. Dies wird zudem von der Makellosigkeit der, typisch für Schad, präzise erfassten Haut unterstützt, die die Portraitierte wie eine Porzellanfigur wirken lassen. (vgl. Werksverzeichnis, Band I: Malerei, 2008, S. 35)

„ Die Ebenmäßigkeit der Züge macht „Lotte“ austauschbar, sie nimmt ihrer Person den Wiedererkennungswert […]. Diese übersteigerte Makellosigkeit findet sich bei keiner anderen zeitgenössischen Bildfigur Schads, bei ihnen allen ist wenigstens auf den zweiten Blick eine kleine Unstimmigkeit zu entdecken.“ (ebd. S. 35)

Ein weiterer Aspekt, den man mit dem Portrait „Lotte“ in Verbindung bringen kann, ist der des neuen Frauenbildes, welches in den „Goldenen Zwanzigern“ aufkam. Die durch die Verluste der Männer im ersten Weltkrieg und der damit verbundenen Disqualifikation der Männer selbstbewusster gewordenen Frauen orientierten sich zunehmend an dem amerikanischen Vorbild der attraktiven, geschminkten, selbstständigen Frau mit Bubikopf (Strobel, 2008, S.124), die ihr ganzes Leben selbst im Griff hatte. (vgl. Flemming, 2008, S. 56ff.)
Das neue Frauenbild zeichnete sich durch das als Schönheitsideal verstandene androgyne und knabenhaftige aus.
Dies hatte auch Einfluss auf die Mode zu der Zeit. Sie orientierte sich stark an der Pariser Haute Couture, mit ihren damaligen Einfluss aus der Herrenmode. Die Damenmode wurde offenherziger, ohne jedoch unsittlich zu wirken. (vgl. Flemminger, 2008, S.60) Auch Modeschmuck wurde vermehrt getragen.

In dem Portrait „Lotte“ sind einige Charakteristika dieses neuen Frauenbildes wieder zu finden.
Sie ist mit Bubikopf dargestellt und trägt Puder im Gesicht, was durch den starken Kontrast zwischen Gesicht und Hals deutlich wird. Auf ihren Wangen ist ein dezentes Rouge zu erkennen.
Durch den samtartigen Blazer verkörpert sie die Androgynität der Frauen der zwanziger Jahre, die aus der Ableitung der Damenmode aus der Herrenmode resultiert. Auch der Trend des Modeschmucks findet sich bei ihr, dargestellt durch die hängenden, mit Kugeln versehenden Ohrringe, wieder.
Die offenherzige, leicht erotisierende Mode wird bei ihr durch die tief ausgeschnittene Bluse dargestellt, unter der ein rötliches Kleidungsstück durchscheint. Auch die Transparenz der Bluse wirkt dezent erotisch.
Diese dezente Erotik wirkt nicht unsittlich, da die Bluse am Hals zusammengebunden ist. Dieser starke Unterschied zwischen Erotik und „hochgeschlossener“ Bluse zeigt eine gewisse „Pseudospießigkeit“ der damaligen Mode.

Der Hintergrund der Arbeit zeigt eine Szene aus einer Bar oder eines Tanzcafés. Erkennbar wird dies durch die stilisierten Diskokugeln, mit den von ihnen ausgehenden Strahlen, am linken Bildrand, des angedeuteten Tanzparketts im Fischgrätenmuster zu ihrer Linken. Die dargestellten Strahlen erinnern in ihrer Form und Anordnung an kubistische Werke Schads, aus seiner Züricher Zeit, wie z.B. in der Arbeit „Kreuzabnahme“ (1916).
Ein weiteres Indiz für eine Szene aus einem Tanzcafé ist das teilweise erkennbare Séparée mit dem auf dem Tisch stehenden Sektglas zu ihrer Rechten.
Ein Bild des Sektglases findet sich auch in dem Portrait „Sonja“ (Schad, 1928) wieder. Hier wird es aber in Form einer leeren Sektflasche aufgenommen. Bei Nolde und Kirchner (1911 und 1914) wurde das Symbol des Sektglases als erotisches Attribut aufgefasst. (vgl. Presler, 1992, S. 28)
Der Grund für die Darstellung Lottes, vor der Kulisse eines solchen Tanzcafés, kommen zwei Gründe in Betracht. Zum einen arbeitete Schad Ende der 20er Jahre als Auftragsillustrator für Haemmerling und verkehrte zum Zwecke der von ihm aufgetragenen Arbeiten in solchen Etablissements. Die dort gewonnenen Eindrücke könnten in das Werk „Lotte“ mit eingeflossen sein.
Zum anderen stellte Schad die dargestellten Personen in ihrem eigenen sozialen Umfeld dar. (vgl. ebd. S. 29) In den 20er Jahren kam es, vor allem in Berlin, dazu, dass immer mehr Tanzcafés eröffneten. Diese wurden besonders von jungen, weiblichen Angestellten und Verkäuferinnen frequentiert. Im Gegensatz zur Kaiserzeit konnten Frauen diese auch ohne elterliche Begleitung, z.B. mit Freundinnen, besuchen, ohne sich dem Verdacht der Prostitution auszusetzen.
Es bildete sich hier ein Forum für das Austesten der sich wandelnden Sexualmoral. (vgl. Stegmann, 2008, S. 30) Bei der dargestellten Lotte, als junge, Berliner Angestellte, ist davon auszugehen, dass auch sie solche Lokalitäten aufsuchte und sie deswegen auch vor einer solchen Kulisse abgebildet ist.

Literaturverzeichnis:


Günter A. Richter: Christian Schad – Texte, Materialien, Dokumente. Edition G. a. Richter, 2004

Presler, G.: Glanz und Elend der 20er Jahre: die Malerei der Neuen Sachlichkeit, Köln, 1992

Thomas Ratzka: Schads künstlerische Entwicklung bis 1945; aus Christian Schad, Retrospektive, Wien 2008

Leopold, R. und Fuhr, M.: Vorwort zu Christian Schad: Retrospektive, Wien, 2008

Richter, T.: C´est le provisoire qui dure – Christian Schad und Aschaffenburg; aus Christian Schad, Retrospektive, Wien 2008

Christian Schad: Werksverzeichnis Band I: Malerei, Köln, 2008

Flemming, J.: „Neue Frau“? Bilder, Projektionen, Realitäten, aus Faulstich, W.: Die Kultur der 20 Jahre, München, 2008

Faulstich W.: Einführung: „Ein Leben auf dem Vulkan“?, aus Faulstich, W.: Die Kultur der 20 Jahre, München, 2008

Strobel R.: Moderne Menschen, Neue Sachlichkeit: Mode, Architektur und Design, aus Faulstich, W.: Die Kultur der 20 Jahre, München, 2008

Kipphoff, P., Kühler Kopf und feine Narbe, aus Die Zeit, Ausgabe 37, 1997

Stegmann, D., Angestelltenkultur in der Weimarer Republik, in: Faulstich, W: Die Kultur der 20 Jahre, München, 2008

Husslein- Arco, A., Schad. Die Magie des Realen. Edition Rupertinum 001. Salzburg, 2002

Samstag, 6. März 2010

Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft

„Heute hängt die Chance der Freiheit in hohem Maße von der Kraft und Bereitschaft ab, sich der Massenmeinung zu widersetzen, unpopuläre politische Praktiken zu verfechten, die Richtung des Fortschritts zu ändern.“ (Marcuse 1965:105)


1. Einleitung

Marcuses Theorie nimmt im Kanon der Kritischen Theorie, welcher sie neben den Theorien Adornos, Horkheimers und Fromms angehört, eine Sonderstellung ein: sie basiert auf der Freudschen Psychoanalyse, und nimmt bei ihm, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, eine exponierte Position ein. Sein Hauptwerk Triebstruktur und Gesellschaft, welches 1955 erschien, basiert auf der erstmals von Freud im Unbehagen der Kultur postulierten Diskrepanz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Lust- und Realitätsprinzip, welche sich in Form von Trieben und Kultur gegenüberstehen.
In fortgeschrittenen Industriegesellschaften herrscht eine weitgehende Entsublimierung (Vgl.: Marcuse 1965:101) in den Bereichen Sexualität, sozialen Beziehungen und Zugänglichkeit der Kultur. Dabei wird speziell die Sexualität bzw. ihre Liberalisierung als kommerzieller Anreiz und Statussymbol instrumentalisiert. Gerade in dieser Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft liegt das Paradoxon: die klassische freudsche Theorie geht von einem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft aus, ersteres wird durch die Sexualität als Kraft des Lustprinzips und Ausdruck des Es angetrieben, während die Gesellschaft als Institution des Realitätsprinzips wirkt und deswegen notwendigerweise repressiv gegenüber den „kompromisslosen Ansprüchen der primären Lebensinstinkte“ (Marcuse 1965:101) ist. Durch diese Repression findet umgekehrt eine Abgrenzung des Individuums gegenüber der Masse statt.
Durch die Instrumentalisierung der Sexualität durch die Gesellschaft, oder in Marcuses Worten, der kommerziellen, repressiven Entsublimierung, ändert die libidinöse Energie ihre Funktion und Richtung und führt nicht mehr zur Befreiung des Individuums vom Gesellschaftlichen sondern vielmehr zu seiner Unterordnung und Integration, weil die unter dem Lustprinzip beheimatete (zumindest gedankliche) Autonomie des Ich aufhört zu existieren. Im jetzigen Zustand der scheinbaren sexuellen Liberalisierung wird allerdings nicht „die individuelle Freiheit erweitert, sondern ihre [die gesellschaftliche] Kontrolle über das Individuum.“ (Marcuse 1965:102). Die Repression selbst wird dadurch verdrängt, deswegen ist die gewährte Freiheit eine Scheinbare: Die Gesellschaft ordnet die Individuen mehr denn je ihren Erfordernissen unter, indem sie Freiheit und Gleichheit erweitert und dadurch die Durchsetzung des Realitätsprinzips mittels ausgedehnter, aber kontrollierter Entsublimierung vorantreibt.
Das individuelle Über-Ich, welches nach Marcuses Theorie aufhört, zu existieren, zensiert nicht nur das individuelle Es, das Unbewusste, sondern auch die Gesellschaft, aufgrund derer es entstanden ist. Das dadurch herausgebildete Gewissen ist daher Vorraussetzung für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Dieser Prozess wird durch das Vorhandensein „zufriedenstellender Freiheiten“ (Marcuse 1967:95) erschwert bzw. unterbunden; stattdessen wird der Verlust des Gewissens bewirkt, es entsteht eine unfreie Gesellschaft des glücklichen Bewusstseins, die das Resultat schwindender Autonomie und Einsicht ist (Vgl.: Marcuse 1967:95).


2. Zum Veralten der Psychoanalyse und ihrer Funktion als Fundament von Marcuses Theorie

Während Freud seine Theorie kulturuniversalistisch verfasste, beschreibt Marcuse den historisch-dialektischen Charakter kultureller Entwicklung im Kapitalismus, die zum status quo führte. In der spätkapitalistischen Gesellschaft wird immer mehr Arbeit für Produktion und Konsum an sich überflüssiger Waren und Dienstleistungen aufgewendet, was nicht unbedingt den Interessen der Gesellschaft sondern vielmehr den Profitinteressen der wirtschaftlich Herrschenden entspricht. Der Anteil an wirklich notwendiger Arbeit zum Erhalt des materiellen und kulturellen Niveaus hingegen sinkt. (Vgl.: Busch 2001:92ff)

Marcuse bezeichnet die Psychoanalyse insofern als veraltet, als dass das freudsche Konzept des Individuums, welches sich aus Es, Ich und Über-Ich zusammensetzt, der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Rechnung trägt (Vgl. Marcuse 1965:85). Er vertritt die Meinung, dass Freud in seiner Theorie schon während seiner Schaffenszeit „mehr die Vergangenheit als die Gegenwart“ (Marcuse 1965:86) analysierte und damit die Entwicklung der Gesellschaft komplett ignoriert.

Trotzdem existiert das Konzept der Psychoanalyse weiter, was dazu führt, dass eine Therapie basierend auf den veralteten gesellschaftlichen Annahmen dem Individuum nicht mehr helfen kann, vielmehr stützt sie das bestehende, von Marcuse scharf kritisierte Gesellschaftssystem. Dadurch verliert sie jedoch nicht ihren allgemeinen Wahrheitsgehalt, im Gegenteil, bei gesellschaftlichen Fragestellungen und unter Berücksichtigung der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklung „offenbart [sie] das Ausmaß, in dem Fortschritt in der Wirklichkeit Repression gewesen ist“ (Marcuse 1965:85) und ermöglicht somit, bei richtiger Anwendung eine neue Perspektive auf die fortgeschrittene Industriegesellschaft.

Freuds klassische Theorie der Psychoanalyse setzt einen andauernden Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft als grundsätzlich gegeben voraus und sieht dementsprechend das Problem des einzelnen Patienten, auf welchen sie fokussiert ist, in seiner Unfähigkeit des Funktionierens in der als normal bezeichneten Gesellschaft und sein daraus erwachsendes Bedürfnis nach Schlichtung. Nicht nur in der individuellen Krankheitsgeschichte liegt der Konflikt begründet, sondern vielmehr im dieses erst ermöglichende „allgemeinen, umfassenden Schicksal des Individuums unter dem etablierten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:87). In der Psychoanalyse behält das Individuum trotz Therapie sein unglückliches Bewusstsein, der Konflikt zwischen ihm und der Gesellschaft wird nicht gelöst; Es wird in jenem Maße geheilt, befreit, in dem es die seinem Leiden zugrunde liegenden Prinzipien anerkennt und mit ihnen umgehen kann, somit wird eine „relative Autonomie in einer Welt der Heteronomie“ (Marcuse 1965:87) erlangt.
Nach Freud wird der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft vor allem und zuerst im Konflikt mit dem Vater erfahren, der Vater ist jene Institution der Gesellschaft, die dadurch auch die Unterordnung des Lustprinzips unter das Realitätsprinzip durchsetzt. Gerade in diesem Prozess findet auch die Herausbildung des Ichs und des Über-Ichs statt, die Vergesellschaftung des Individuums ist das Werk des Vaters, der Familie.
Mit der historischen Entwicklung veraltet dieses Prinzip der Persönlichkeitsbildung, durch die Entwicklung der Industriegesellschaft zwischen den beiden Weltkriegen kommt es zur „Machtkonzentration in den Händen einer allgegenwärtigen technischen, kulturellen und politischen Verwaltung, sich automatisch erweiternde[r] Massenproduktion und -konsumtion, Unterwerfung ehedem privater, antisozialer Dimensionen des Daseins unter methodische Schulung, Manipulation und Kontrolle.“ (Marcuse 1965:88), was dazu führt, dass anstelle des Vaters nun andere gesellschaftliche Institution das sich herausbildende Ich dirigieren. Der Sohn wird immer unabhängiger vom Vater, gesellschaftlich notwendige Verhaltensweisen werden nicht mehr im Kampf mit dem Vater erlernt, „das Ichideal wird vielmehr dazu gebracht, auf das Ich direkt und von außen einzuwirken, ehe noch das Ich (…) sich herausgebildet hat“ (Marcuse 1965:89). Somit wird die Vermittlung zwischen dem Selbst und dem Anderen durch direkte Identifikation ersetzt, was die Entstehung von Massen fördert und die individuelle Autonomie einschränkt. Das Ich ist in der Folge nicht mehr in der Lage, „sich als ein Selbst, unterschieden von Es und Über-Ich, zu erhalten.“ (Marcuse 1965:89).
Die komplexe Situation des Ichs nach Freuds ahistorischer Theorie wird von einer „eindimensionalen, statischen Identifikation des Individuums mit seinesgleichen und dem verwalteten Realitätsprinzip“ (Marcuse 1965:89) abgelöst, die den von Freud beschriebenen intrapersonalen Prozessen, Instanzen und Konflikten keinen Raum mehr lassen. Jene werden von Freud als universell und ewig beschrieben, daraus schließt Marcuse, den generellen Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse nicht anzweifelnd, dass die ehemals individuellen psychoanalytischen Kategorien und die daraus resultierenden Probleme nicht verschwunden bzw. gelöst sind, sondern in der nun herrschenden gesellschaftlichen Situation unter der Prämisse des sich auflösenden individuellen Ichs auf eine massenpsychologische Ebene transferiert werden: Nicht mehr das Über-Ich setzt das Realitätsprinzip um, sondern die Führer.
Das Paradigma des autonomen Subjekts ist veraltet, da die Bedingungen dafür nicht mehr gegeben sind: Das Ich wird nicht mehr in der Familie als gesellschaftlicher Agentur ausgebildet sondern in und durch die Massen der vaterlosen Gesellschaft. Das Ichideal wird vom Ich getrennt und auf ein kollektives Ideal übertragen. Durch diese Verminderung und Kollektivierung des Ich entsteht die Situation der Regression auf primitive Entwicklungsstufen, welche Aggressionen anstaut. Anstatt in Form einer gesellschaftlich kontrollierten Übertretung abgebaut zu werden, werden die entstehenden Energien zur „normalisierte[n] gesellschaftliche[n] und politische[n] Anwendung von Angriffsenergie im Zustand permanenter Bereitschaft“ (Marcuse 1965:104) umgewandelt. Dadurch werden Triebkräfte freigesetzt, die sich gegen die etablierten politischen Institutionen richten und sie zu untergraben drohen. Die politischen Herrscher können dadurch, dass sie die Massen befriedigen, auf sie reagieren und auf ihre Wünsche eingehen, ihre Macht noch weiter vergrößern, es entsteht „autoritäre Macht in demokratischer Form.“ (Marcuse 1965:105).

Auch Freud beschreibt in seinem Aufsatz Massenpsychologie und Ich-Analyse den Schritt von der Individual- zur Kollektivpsychologie, er führt aus, dass Faktoren, welche Individuen zu Massen vereinigen, Gefühlsbindungen, insgesamt zielgehemmte Impulse und Ausdruck eines geschwächten und verarmten Ich sind. Letzteres führt zur Regression zu einer primitiven Seelentätigkeit, bei der das Individuum sein Ichideal aufgibt und es mit dem Gruppenideal, das vom Führer verkörpert wird, ausgetauscht hat (Vgl.: Marcuse 1965:92). Ausserdem werden dadurch Bewusstsein und Gewissen geschwächt. Unter dem Einfluss totaler Bürokratisierung verfallen sowohl das Gewissen wie auch die persönliche Verantwortung, da durch den Verwaltungsapparat die persönliche Autonomie bestimmt und teilweise ganz vernichtet wird. In der modernen Industriegesellschaft wird die an sich „rationale und fortschrittliche Übertragung individueller Funktionen auf den Apparat begleitet von der irrationalen Übertragung des Gewissens und von der Unterdrückung des Bewusstseins“ (Marcuse 1965:93), womit Marcuse mit Freuds Massenpsychologie und der These zu einer regressiven Seelentätigkeit übereinstimmt.

„Die gesellschaftlichen Interessen sind zu den innersten Trieben ihrer Bürger geworden“ (Marcuse 1967:91), anstelle des nach freudscher Definition geforderten Triebverzichts in der Kultur tritt nun die Unterstützung der Triebe und ihrer Befriedigung, um mit der daraus resultierenden Befriedigung den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.

Die institutionalisierte Steuerung der Libido verheißt dem Individuum Genuss, welcher durch das Fehlen moralischer Schranken zum Prinzip erhoben wird. Das Unbehagen in der Kultur weicht einem eindimensionalen, auf Befriedigung ausgerichtetem glücklichen Bewusstsein, welches sich durch das Unvermögen, Widersprüche und Alternativen zum System zu erfassen auszeichnet. Damit verschwinden neben dem Unbehagen in der Kultur auch die Bedingungen für Gesellschaftskritik aus der Wahrnehmung.


3. Das Prinzip der repressiven Entsublimierung

Künstlerische Entfremdung, die Sublimierung, beschreibt den Prozess, mittels dessen Triebenergie in kulturelle Leistungen umgewandelt werden kann, der Bilder hervorbringt, die mit dem Realitätsprinzip unvereinbar sind, aber gerade deswegen ihre Daseinsberechtigung in der Kultur haben, da sie einen Moment der Erkenntnis und individuellen Autonomie transportieren und erhebend und nützlich wirken (Vgl.: Marcuse 1967:91). Die Sublimierung bewahrt durch die Gedanken, deren Umsetzung durch die Gesellschaft sanktioniert würde das Bewusstsein vor Versagungen und erinnert damit an das Bedürfnis nach Befreiung. Das Unbehagen in der Kultur wird unter der Sublimierung bewusst reflektiert und gleichzeitig kritisch verarbeitet, während es unter der repressiven Entsublimierung wegen der kontrollierten Verfügbarkeit des unmittelbaren Genusses in den Hintergrund tritt und nicht mehr wahrgenommen wird. Sublimierung als reflektierendes Moment erfordert ein hohes Maß an Autonomie und Einsicht, indem sie zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen von Es und Über-Ich, von Individuum und Gesellschaft vermittelt. Gerade dadurch, dass sich die Sublimierung im Kunstwerk der Unterdrückung beugt, besiegt sie sie (Vgl.: Marcuse 1967:95).

Im Gegensatz zu Freud verneint Marcuse die These, dass Kultur Triebverzicht bedeute: Die sonst bei der Sublimierung entstehenden Gedanken werden real, sie verlassen die Fantasiewelt weil sie im Namen des Konsums und des Machterhalts instrumentalisiert werden. Der vermittelte Genuss wird durch einen Unmittelbaren ersetzt, es entsteht eine Entsublimierung, welche das der sublimierten Kunst immanente Moment der Wahrheit und Erkenntnis eliminiert.

Repressive Entsublimierung beschreibt den durch instrumentalisierte Vernunft erreichten ökonomischen und technischen Fortschritt, welcher letztlich eine enterotisierte Einstellung zur Welt bedingt, deren Realität mit vielfältigeren Möglichkeiten der Erlangung oberflächlich-sexueller Befriedigung zu kaschieren versucht wird, was somit gleichzeitig das Gewissen als letztmögliche Instanz der Reflektion und Erkenntnis ausschaltet: „Die repressive Entsublimierung der Sexualität ist ein Nebenprodukt gesellschaftlicher Kontrollen über die technologische Wirklichkeit, welche die Freiheit erweitern und dabei Herrschaft intensivieren.“ (Marcuse 1967: 92). Durch die Technisierung der Gesellschaft wird Arbeitszeit eingespart, was sich mit dem Vergleich zwischen einem, von einer Hausfrau unter hohem Einsatz von Handarbeit zu Hause selbstgebackenen Brotes mit einem in einer Fabrik unter der Berücksichtigung moderner Arbeitsteilungsprinzipien (wie z. B. Taylorismus) und unter der Verdrängung von Handarbeit durch die Mechanisierung der Produktion hergestellten Brotes, veranschaulichen lässt. Gerade die Diskrepanz vorindustrieller Arbeit, welche heute romantisiert wahrgenommen wird, zur Freizeit, „die Durchdringung der Welt mit Elend, harter Arbeit und Schmutz“ (Marcuse 1967:92) bildete das Fundament alles Vergnügens und aller Freude (Vgl.: Marcuse 1967:92). Dies macht deutlich, dass durch die Mechanisierung neben der Arbeitskraft auch Libido eingespart wird; die Landschaft, die dem Individuum als Quelle der Lust diente, die als Medium lustbetonter Erfahrung existierte, die dem Individuum entgegenkam, dazu tendierte, erotisiert zu werden, die dazu einlud, die Libido über die individuellen erogenen Zonen heraus auszudehnen, wurde durch die Technisierung der Umwelt „wegrationalisiert“. Stattdessen wird die Libido stärker fokussiert, erotische Energie durch die technologische Wirklichkeit reduziert und im Gegenzug die Sexuelle gesteigert, wodurch sowohl die Reichweite als auch das Bedürfnis des Individuums nach Sublimierung reduziert wird. Der qualitative Unterschied wird schnell sichtbar: Während die Erotik die sinnlich-geistige, psychologische Anziehung darstellt, ist die Sexualität die trieb- und körpergesteuerte Geschlechtlichkeit.
Sexualität erscheint in der klassischen Literatur in „hochsublimierter, vermittelter, reflektierter Form“, in der sie zum gesellschaftlichen Sprengstoff wird, da sie „absolut, kompromisslos und bedingungslos“ ist, ihre Erfüllung würde gleichzeitig Zerstörung der gesellschaftlichen moralischen Prinzipien im Sinne von Eros und Thanatos bedingen. Sie befindet sich dadurch jenseits der gesellschaftlichen Moral und kann deswegen auch trotz des bestehenden Realitätsprinzips existieren (Vgl.: Marcuse 1967:96).
Die Beschreibung entsublimierter Sexualität dagegen ist obszöner, hemmungsloser und unmoralischer, aber gerade deswegen harmlos, weil entsublimierte Sexualität der Realität entspricht, sie zur Stützung des status quo eingeplant ist, sie ihrer Spontaneität und ihrer subversiven Gedanken beraubt wurde, keine Fantasie verlangt und dementsprechend auch keinerlei zerstörerisches Potential mehr besitzt. Damit verwandelt sich die Sexualität, in ihrer sublimierten Form revolutionär, in eine von ihrem mit der Realität unversöhnlichen Traumcharakter befreite Karikatur ihrer selbst, in ein „Vehikel der Bestseller der Unterdrückung“ (Marcuse 1967:97).

Die sexuelle Freiheit der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation wird zum Wirtschaftsfaktor, der sich selbst bedingt: die durch die Industrialisierung induzierte ubiquitäre Verfügbarkeit von Konsumartikeln und und die Abnahme schmutziger und schwerer körperlicher Arbeit im Zuge der Mechanisierung ermöglichen eine sexualisierte Darstellung des Körpers in der Arbeitswelt. Doch letztlich ist diese Freiheit eine trügerische, weil das Individuum in der Freude über die vermeintlich großzügig gewährten Möglichkeiten vergisst, dass die vermeintliche Freiheit zu einem Mittel der Unterdrückung geworden ist und nur auf vorbestimmte Wahlmöglichkeiten begrenzt ist. Die Befreiung der Triebe von Unglück und Unbehagen schafft ein Bewusstsein, welches die Tatsache, dass es Unfreiwillig herbeigeführt wurde, in den Hintergrund treten lässt. Die Kontrolle über die Triebenergie wird dem Individuum abgenommen, es entsteht eine Art outgesourctes Über-Ich, dass sich jedoch von dem Über-Ich nach freudscher Definition dadurch unterscheidet, dass keinerlei Verzicht nötig ist; im Gegenteil: der Genuss wird zum Ideal erhoben, der Hedonismus wird zur neuen Maxime. Die Sexualität wird durch die Konsum- und Arbeitswelt instrumentalisiert und ermöglicht ein Fortbestehen des Systems, indem sie durch ihre kontrollierte Verfügbarkeit in der Werbung und die Aufnahme libidinöser Komponenten in den Bereich von Warenproduktion und -austausch sowohl Kaufanreize wie auch gesellschaftliche Idealbilder und schließlich repressiv-entsublimierten Genuss schafft. (Vgl.: Marcuse 1967:93f)

Auch im kulturellen Bereich wirkt dieses Prinzip repressiver Entsublimierung durch verwaltete Befriedigung. Durch die massenhafte Verfügbarkeit von Kulturgütern und ihre Vermarktung als Ware findet ein Wechsel der Qualität von der ehemals befreienden, autonomen, transzendierenden Kultur, die gerade dadurch ihre Existenzberechtigung hatte, hin zur die Macht des Realitätsprinzips unterstützenden und bewahrenden „technischen Ausstattung des täglichen Haushalts und der täglichen Arbeitswelt“ (Marcuse 1965:103) statt.

Dem auf diese Weise erlangten Genuss wohnt keine Erkenntnis mehr inne, auch die Künste werden materialisiert und kommerzialisiert; Es ist ein unmittelbarer Genuss, vergleichbar damit, „wie es Spaß macht, im Motorboot davonzurasen“ (Marcuse 1967:94). Diese Verwaltung der Libido und des Genusses, die Harmonie zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen, führt zu einer Reduktion des Lustprinzips im Rahmen der Eliminierung der nicht mit der Gesellschaft zu vereinenden Ansprüche und somit zu einer „Befriedigung auf eine Weise, die Unterwerfung hervorbringt und die Rationalität des Protestes schwächt“ (Marcuse 1967: 95), die das kritische Denken einschränkt und somit zu einer Auflösung des Gewissens führt.

Die Liberalisierung der Sexualität in gesellschaftlich gelenkte Bahnen bedingt die Zunahme gesellschaftlicher Befriedigung und insofern auch die Herabsetzung der Triebspannung, wodurch das Realitätsprinzip, das die rationale Instanz des Ich ist, welches die Wünsche bzw. Triebe des Es auf Durchführbarkeit hin überprüft, an Relevanz verliert und durch das Lustprinzip abgelöst wird.
Die gesellschaftliche Kontrolle der Entsublimierung und die Verfolgung eines Ziels mit diesem Prozess impliziert das Vorhandensein eines repressiven Moments der Entsublimierung, im Vergleich zu dem „die sublimierten Triebe und Ziele mehr Abweichung, mehr Freiheit und mehr Weigerung enthalten, die gesellschaftlichen Tabus zu beachten.“ (Marcuse 1967:92). Unter diesen Vorzeichen wird Fortschritt zum Vermittler von Repression, da die gesellschaftlich tolerierte und kontrollierte Befriedigung real möglich ist und insofern der triebbestimmte, geistige Widerstand gegen das Realitätsprinzip als Garant für individuelle Freiheit gemindert wird.


4. Die vaterlose Gesellschaft

In dieser durch institutionalisierte und instrumentalisierte Vernunft geprägten Gesellschaft ist kein Platz mehr für die Rolle des Vaters, weder in der Familie, noch in gesellschaftlichen Instanzen, so dass der Zustand der vaterlosen Gesellschaft sich einstellt. Marcuse sieht in der von ihm beschriebenen fortgeschrittenen Industriegesellschaft keinen Vater im freudschen Sinne; weder in der Familie, die als Instanz der Sozialisation schon längst abgelöst wurde, noch in den Führern.

Die Identifikation mit dem äußerlichen Ichideal erfolgt im Kindesalter, die Familie büßt ihre Vorreiterrolle als Agentur der Sozialisation ein. Das Kind lernt, dass nicht mehr der Vater, sondern Freunde, Sport, Medien, etc. Autoritäten für ein angemessenes Verhalten sind.

Nach freudscher Definition muss jegliche soziale und politische Kontrolle in einer Person verkörpert (im Sinne vorhandener Gefühlsbindungen) sein. Doch wird in der von Marcuse beschriebenen Gesellschaft kein Vaterbild mehr beschworen, obwohl die Führer die Gefühlsbindungen zwischen ihnen und der Masse zu betonen versuchen. Es sind allerdings keine Personen mehr, die dort beschworen werden, es sind fungible „Stars und Starlets von Politik, Fernsehen und Sport“ (Marcuse 1965:97), es sind austauschbare Autoritäten einer höheren Autorität, die sich nicht mehr in einer Person verkörpert: Der Autorität des herrschenden Produktionsapparats (Marcuse 1965:97), welcher sowohl Führer und Geführte beherrscht, ohne jedoch die Unterschiede zwischen ihnen zu beseitigen (Marcuse 1965:97). Daraus resultiert der Zustand der vaterlosen Gesellschaft, in der andere Agenturen des Realitätsprinzips die Rolle des Vaters eingenommen haben (Vgl. Marcuse 1965:96).
Durch die Vaterlosigkeit der Gesellschaft fehlt dementsprechend die gemeinsame Identifikation mit dem Führer, Zusammenhalt wird in der Gesellschaft durch Abwälzung destruktiver Gedanken auf ein Feindbild ausserhalb erreicht. Die einseitig an technisch-ökonomischen Fortschritt orientierte moderne Gesellschaft integriert aggressive Strebungen der Individuen über deren Köpfe hinweg (Busch 2001:96).
Trotz der Vergegenständlichung der Gesellschaft und der damit verbundenen Hinfälligkeit der Theorie des Führers als Erbe des Vater-Über-Ichs behält jene These Freuds, nach der jegliche, nicht durch Terror aufrechterhaltene zivilisierte Vereinigung nur aufgrund einer wechselseitigen, libidinösen Identifikation aufrechterhalten werden kann, ihre Gültigkeit, da der Führungsapparat anstelle des nun nicht mehr vorhandenen konkreten Führers libidinös besetzt wird; Sobald dies über den eigentlichen Gebrauchswert hinaus geht, wird dadurch eine Ersatzbefriedigung generiert.
Durch die direkte Durchsetzung des Realitätsprinzips gegenüber dem geschwächten Ich wird das Eros geschwächt und dementsprechend entstehen triebbestimmte Aggressionen, die jedoch vom veräußerlichten Ichideal direkt auf ein konkretes, personifiziertes Objekt außerhalb der Gruppe, den gemeinsamen Feind projiziert wird (Vgl.: Marcuse 1965:98f). Jene persönliche Besetzung, die in der verdinglichten Hierarchie der technologischen Gesellschaft unmöglich wurde, ist möglich, wenn es um Feindbilder geht: Selbst wenn es sich um abstrakte Bedrohungen handelt, wird der Feind immer personalisiert, um die Bedrohung konkreter und fungibler zu machen. (Vgl.: Marcuse 1965:98f).


5. Das glückliche Bewusstsein

Das Ich, was sich ohne größere Konflikte (besonders hervorzuheben ist der Kampf mit dem Vater), wohlbehütet und ohne größere Widerstände entwickelt hat, ist ein Schwaches, unfähig, den gesellschaftlichen Führern als Durchsetzern des verwalteten Realitäts- bzw. Leistungsprinzips Widerstand entgegenzubringen. In dieser verwalteten, konfektionierten Welt wird das autonome Ich immer überflüssiger für das Funktionieren des Systems, es mutiert gar zum Störfaktor. Die individuelle Entfaltung des Ich hängt vielmehr davon ab, in welchem Umfang es das Individuum versteht, sich seine aus eigenen Bedürfnissen und Neigungen zusammensetzende und von dem öffentlichen Bereich abgegrenzte Privatsphäre zu schaffen und zu erhalten. Die unmittelbare, äußere Sozialisierung des Ich und die Kontrolle und Manipulation der freien Zeit durch die Gesellschaft erschweren dies. Aus dieser Situation resultieren folgende Möglichkeiten: Entweder verausgabt sich das Individuum auf der Suche nach einer Identität, was zu seelischen Krankheiten führen kann, oder es passt sich den Gedanken der anderen an. Die Identifikation mit dem Ichideal von Konkurrenten und Vorgesetzten setzt Aggressionen frei, diese werden durch das veräußerlichte Ichideal gegen die äußeren Feinde des Ichideals dirigiert. (Vgl.: Marcuse 1965:94). Das Gewissen wird bei diesem Prozess ausgelassen, es findet eine Prädisposition der Individuen statt, die gegebenen Zustände hinzunehmen, selbst wenn sie ihre eigene Zerstörung zur Folge haben.
Auch der Zustand radikaler Triebkontrolle durch das Gewähren scheinbar großzügiger Freiräume in Form nichtsanktionierter sexueller Betätigungsmöglichkeiten, die jedoch zum Verlust der individuellen Autonomie, zur „Einbuße jeglicher Selbstverfügung über die Entwicklung seiner Bedürfnisse“ (Busch 2001:95) führt, fällt unter den Begriff der repressiven Entsublimierung. Die kontrollierte, institutionalisierte Freigabe sexueller Befriedigung verhindert das Unbehagen in der Kultur und damit auch jegliche Kritik an ihr, es entsteht stattdessen das glückliche Bewusstsein und das individuelle Gewissen löst sich auf. Es wird an eine gesellschaftliche Instanz ausgelagert. Anstelle der Moral tritt technologische Rationalität, die allgemeine Notwendigkeit, in der es keinen Begriff der Schuld gibt, die der Politik der Herrschaft dient. Dabei wächst die gesellschaftliche Aggression, die nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit wahrgenommen wird. Selbst die scheußlichsten Vergehen lassen sich derart verdrängen, dass sie aufhören, eine Bedrohung für die Gesellschaft zu sein.

Das glückliche Bewusstsein hat jegliche Fähigkeit zum kritischen Denken verloren, stattdessen befriedigt es sich mit Konsum und Technikglauben, bejaht die ökonomisch induzierte gesellschaftliche Entwicklung und manövriert sich damit nur noch tiefer in die Unfähigkeit, die sich daraus entwickelnde Dynamik reflektieren und damit auch durchbrechen zu können. Es vergrößert sich die Unfreiheit unter dem sich verselbstständigten Mechanismus vermeintlich Vernunft-induzierter gesellschaftlicher Entwicklung immer weiter.
Die Wahrnehmung und Bewertung erfolgt nicht mehr im Individuum selbst sondern gleichzeitig durch alle anderen im Sinne ihres gemeinsamen, veräußerlichten Ichideals; eine Privatsphäre wird mit der nächsten verknüpft durch Medien, Kinder, Kollegen, Berufsverbände, etc. (Vgl. Marcuse 1965:94f).

Es gibt keine Tabus mehr, die Gesellschaft erhebt das Streben nach sexueller Befriedigung zum Ideal. Die Vaterrolle verkommt zum Stereotyp einer Sitcom. In der Gesellschaft allerdings hat der Vater keinen Platz mehr, in der vaterlosen Gesellschaft werden Entscheidungen mittels instrumentalisierter Vernunft getroffen, es existiert kein gesellschaftliches Über-Ich im freudschen Sinne mehr, kein Gewissen ist mehr nötig, da jegliches Streben nach Befriedigung von der Gesellschaft toleriert, ja sogar erwünscht wird, um mittels der Ersatzbefriedigung des Konsums das System am Laufen zu halten und monetäre Interessen der Herrschenden zu unterstützen, die die Liberalisierung der Sexualität zur Förderung des Konsums nutzen.
Jenseits dieser kontrollierten Freigabe sexueller Befriedigung findet ein kulturell-regressiver Verfall der Traditionen, Künste und auch der Arbeit als sinnlich erfahrbarer produktiver Weltbezug (Busch 2001:95) statt, dieser Kulturschwund wird durch massenhaften Konsum, kultureller Massen-“Artikel“ zu verdecken versucht.



















6. Literaturverzeichnis

Busch, H.J.: Subjektivität in der spätmodernen Gesellschaft. Konzeptuelle Schwierigkeiten und Möglichkeiten psychoanalytisch-sozialpsychologischer Zeitdiagnose. Weilerswist 2001. S. 92 – 100

König, H.D.: Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft. In: Zepf, S. (Hrsg.): Die Erkundung des irrationalen. Göttingen 1993. S. 120 – 132

Marcuse, H.: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt/Main 1955. S. 35 – 58

Marcuse, H.: Das Veralten der Psychoanalyse in: Kultur und Gesellschaft 2. Frankfurt/Main 1965. S. 85 – 106

Marcuse, H.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Darmstadt 1967. S. 91 – 100

Mittwoch, 24. Februar 2010

Ein Frühsommertag im Leben eines Spätpubertierenden V

Ich freue mir ein imaginäres Loch in meinen Bauch, weil meine Taktik anscheinend aufgegangen ist und sie mich gesucht hat. Das lasse ich mir aber nicht anmerken und lächle sie bloß neckisch an. Dabei frage ich sie, welche alkoholischen Getränke sie nicht mag und mixe ihr aus den verbleibenden Säften, Likören und Schnäpsen, die an der Bar herumstehen, mehrere Überraschungscocktails.

A. drängelt sich dazu. Kein Wunder, dass er bei der Schönheit, mit der ich mich unterhalte, aufmerksam wird. Er dreht einen Joint und bietet L. und mir einen Zug davon an. Wir beide verzichten dankend. Er lässt uns zum Glück wieder alleine, was vielleicht auch daran liegen mochte, dass ich ihm auf Spanisch „Stell Dich nie zwischen Hund und Knochen!“ zugeraunt habe. Trotzdem habe ich ihn angelächelt, denn ich bin zumindest oberflächlich gesehen ein freundlicher Mensch. Und ausserdem mag ich A. wirklich gerne.

Irgendwie haben wir es geschafft, ins Treppenhaus zu kommen. Ich spüre langsam meine Blase, erinnere mich jedoch an die Passage aus Faserland, wo der Protagonist auf der Party einer Studentenverbindung vor der Anmache des schwulen Alpha-Studenten flüchtet und dabei sogar noch eine tolle Frau kennenlernt. Die aber mit einer Heroinspritze in der Armbeuge im Keller liegt, als er vom Bierholen wiederkommt. Ich bitte um eine kurze Pause und renne in Rekordzeit alle Treppen herunter, um mich auf der Straße zu erleichtern, da die Toilette natürlich, so wie es sich für eine gute Party gehört, besetzt ist.

Leicht außer Atem bin ich wieder im Stockwerk der Party angelangt, statt einer Heroinspritze hat sie uns neues Bier geholt.

Wir reden über Unterwäsche. Nicht oberflächlich, so wie es billige Mädchen in billigen Clubs tun, sondern so, als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt. Sie erzählt mir, dass sie am liebsten Unterwäsche von Esprit trägt.

Esprit ist eine der spießigsten Marken, die mir bekannt sind.
Bisher waren alle meine Freundinnen und Affären zu freakig, undergroundig, schick oder individuell, als dass sie Unterwäsche von Esprit getragen hätten. Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, jemals einen BH von Esprit geöffnet zu haben.
Denn alle Mädchen, die Esprit tragen, sind in gewisser Weise trockene Brötchen, wobei einige auch sehr hübsch dabei aussehen können, aber leider wegen Ersterem für mich unerreichbar blieben. Aber gerade deswegen fasziniert es mich irgendwie: weil ich ein Faible für bürgerliche, schüchterne, wenn nicht sogar spießige Mädchen habe, bei denen das rote Esprit-Label gleichzeitig für den Hauch von trockener Unerreichbarkeit steht. Ich kann mir weder die eine, noch die andere Neigung erklären, traue mich aber auch nicht, mit meiner zwar verständnisvollen aber trotzdem Alt-68er-Therapeutin darüber zu sprechen, weil ich Angst habe, dass sie mich deswegen auslacht.

Was L. erzählt, erregt mich. Aber nicht im Sinne einer Erektion, die an dieser Stelle noch unangebracht gewesen wäre, nein, es erregt mich intellektuell wegen der unaufgeregt vorgetragenen Doppeldeutigkeiten in unserer Konversation, dem Wortwitz und der fortlaufenden Betonung der Normalität des Gesprächsthemas.

Im Treppenhaus wird es unangenehm, so dass wir uns entschließen, wieder in die Wohnung zu gehen, aus deren geschlossener Tür uns harte Bässe entgegenscheppern.

...

Samstag, 20. Februar 2010

So abgewrackt, dass es schon wieder stylish ist: Der 1. Hartz-IV-Pubcrawl am 6.2. in Linden

Nachdem ich bisher bei einem Pubcrawl immer an eine Horde betrunkener Australier dachte, die durch Berliner In-Viertel marodieren und danach auf die Mikrofone eines extra dafür bereitstehenden Kamerateams kotzen, durfte ich 2009 in Düsseldorf mit großartigen Menschen das erste Mal an einer solchen Veranstaltung teilnehmen und mich davon anfixen lassen.

Das Prinzip ist schnell erklärt: Man besucht an einem Abend mehrere Bars. Meistens wird vorher ein mehr oder weniger detaillierter Ablaufplan festgelegt, der neben den anzusteuernden Bars, dem besten Weg und den geplanten Getränken auch Fast-Food-Zwischenstopps und einen Zeitplan enthalten kann. Um die Bestellungen in den verschiedenen Kneipen zu vereinfachen, bietet es sich an, dass die Teilnehmer das Geld für die gesamte Strecke vorher zusammenlegen, weil es einfacher ist, 1 x 30 Bier zu bestellen, als umgekehrt.

Pubcrawls können unter verschiedenen Rahmenbedingungen veranstaltet werden: Ob es darum geht, in einer Strasse oder einem Stadtviertel zu bleiben, mit einer Buslinie zu fahren und mit einem Würfel die Haltestellen zu bestimmen, an denen ausgestiegen und die erstbeste Kneipe besucht wird oder ob man z.B. nur Kneipen besucht, die exklusiv eine bestimmte Biersorte ausschenken: Der Kreativität sind bei der Organisation keine Grenzen gesetzt.

Die Idee für den Hartz-IV-Pubcrawl ist entstanden, nachdem ich Silvester zufälligerweise im berühmt-berüchtigten Columbus am Steintor landete. Die Stories, die über diese angeblich ranzigste Kneipe Hannovers im Umlauf sind, hätte kein PR-Berater geschickter lancieren können: Neben Geschichten von verschiedenen Vorkommnissen, die in Zusammenhang mit den nicht gerade gepflegten Toiletten oder diversen Bedrohungen mit Hieb- und Stichwaffen stehen, erzählt man, dass ein Mann am Tresen verstorben sei und sein Tod erst nach 12 Stunden auffiel, da auf dem Tresen liegende (Alkohol-) Leichen dort wahrscheinlich keine Seltenheit sind.

Das Columbus stellte den krönenden Abschluss des 1. Hartz-IV-Pubcrawls dar, vorher standen zwei saubere und gute Läden (Wir starteten mit einem Astra im Freiraum, da der Laden wirklich großartig ist und ich die Teilnehmer nicht gleich zu Anfang mit pöbelnden, zahnlosen und schnurrbarttragenden Alkoholikern konfrontieren wollte; später ging es ins Havana, welches nicht nur wegen dem dort exklusiv in Hannover erhältlichen Duff-Bier zu empfehlen ist) sowie vier mehr oder weniger schmutzige Kneipen in Linden-Nord und -Mitte auf dem Programm, auf die ich aus Gründen der Milieu-Erhaltung an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte. Denn ein Hype wäre das Schlimmste, was diesen Kneipen passieren könnte, die Folge wäre eine künstliche Kultivierung des Abgewrackten und eine Verdopplung der Bierpreise.

Der Plan, in jeder Bar ein Bier zu trinken, wurde erfolgreich umgesetzt, einzig der Fernet Branca, der auf einer solchen Veranstaltung auf gar keinen Fall fehlen darf, bereitete einigen der gefühlten 30 Teilnehmer Probleme.

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(Mit bestem Dank an Patrick für das Bild)


Zwischendurch gab es einen Falafelstopp am Küchengarten, Jägermeister, der stilecht in Plastikschnapsgläsern serviert wurde und immer wieder zum Anlass passende niveaulose Sprüche (unter Experten auch Niveaulimbo genannt). Auf dem Weg zur Final Destination schaffte es ein Teilnehmer, eine Flasche Champagner auf Zimmertemperatur in einem am Weg liegenden Kiosk zu kaufen, er konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, diese den in der Nähe lärmenden Punkern anzubieten.

Da der Hartz-IV-Pubcrawl dank der großartigen Teilnehmer zu einem riesigen Erfolg wurde, kann ich mich vor Nachfragen bezüglich einer Fortsetzung kaum noch retten. Kein Angst: Es wird eine Fortsetzung in Gestalt eines CeBIT-Hartz-IV-Pubcrawls geben, um auch möglichst vielen Besuchern von ausserhalb einen Einblick in die hannöverschen Ranzkneipen zu ermöglichen. Die Aktion soll in der CeBIT-Woche (2.3.- 6.3.) stattfinden, über den genauen Termin kann unter dieser Internetadresse abgestimmt werden. Die weitere Organisation wird dann über twitter und eine Facebook-Event-Seite laufen, die ich hier verlinken werde, sobald das Datum feststeht.

Update: Der Pubcrawl findet am 6.3. statt. Hier gehts zu den Details: http://www.facebook.com/event.php?eid=332170985204

Mittwoch, 17. Februar 2010

Ein Frühsommertag im Leben eines Spätpubertierenden IV

Aus M.s Wohnung schlägt uns laute Musik entgegen. Ich gehe in sein Zimmer und begrüße einen alten Freund, der sein Gesicht hinter einer Eishockey-Maske verbirgt. Wir schreien laut und freuen uns, dass wir uns erkannt haben, obwohl wir uns zwei Jahre nicht mehr gesehen haben und beide maskiert sind.

Mittlerweile habe ich auf einem ranzigen Cocktailsessel aus den 1960er Jahren Platz genommen, als plötzlich zwei Mädchen das Zimmer betreten. Eine davon kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher. Die andere hat einen Kanister Wein dabei und stellt sich artig als „L.“ vor. Was für eine nette Erscheinung, und wie gesittet sie sich vorstellt, ich hätte glauben können, dass sie dazu noch einen Knicks machte. Alleine schon die Tatsache, dass man in den Zeiten der allgemeinen Mitnahmementalität einen 5-Liter-Kanister Wein auf eine Party bringt, läßt mich sie bewundern. Ich frage nach dem Jahrgang des guten Tropfens und bitte um einen Probeschluck. Die junge Dame schenkt mir ein Glas ein.

Nun frage ich sie nach ihrem Stadtteil und nachdem ich zwei mal falsch geraten habe, rutscht mir ein „Dann bist Du bestimmt 'ne spießige Sonderpädagogikstudentin aus der Südstadt“ heraus. Volltreffer. Naja, fast. Sie ist peinlich berührt, weil sie in der Südstadt wohnt und Grundschullehramt studiert. Sie sieht süß aus, wie sie da steht, verunsichert von meinem Spruch. Ich sage nichts weiter dazu, um diese süße schamhafte Körperhaltung nicht zu beenden und gehe mit einem Lächeln und dem Wein weg, um mir ein Bier zu holen und die anderen Räume anzuschauen. Ich habe nämlich mal gelesen, dass es gut ankäme, sich ein bisschen rar zu machen.
Als ich wiederkomme, bemerke ich einen Jungen, mit dem sie sich angeregt unterhält. Hat sie etwa meinen Trick durchschaut und macht sich jetzt ihrerseits auch rar? Sie lächelt mich unschuldig an. Ich setze mich dazu und beteilige mich am Gespräch. Die beiden gehen sehr vertraut miteinander um, vielleicht gehört sie zu den Mädchen, die mit ihrem Freund auf Partys gehen, sich bei den Jungs höflich vorstellen, um sich dann mit ihrem Freund an den gierigen, reihenweise abblitzenden Kerlen zu ergötzen? Die Verunsicherung von vorhin spricht dagegen.

Ich gehe wieder in die Küche, doch sie geht mir nicht aus dem Kopf. Erst mal ein Bier trinken. Drei blöde, langhaarige Studenten erzählen mir Belangloses. Während ich mein Bier austrinke, nicke ich einige Male in ihre Richtung, um nicht allzu unhöflich zu sein. Ich wollte gerade diesen für mich unerträglichen Zustand beenden und den Raum verlassen, als T. hereinkommt. Die Studenten unterbrechen sofort ihren Monolog und starren sie sprachlos und gierig an.
Sie zieht ihre Jacke aus und danach ein indisches Gewand über, dabei versuchen zwei der Studenten, ihren Namen zu erfahren und der Dritte ruft „Ausziehen!“.

T. redet gerne, weil sie weiß, wie beliebt sie ist, steht gerne im Mittelpunkt dabei. Doch am meisten Spaß scheint es ihr zu machen, Jungs erst anzulocken und dann genüsslich abblitzen zu lassen. Viele meiner Freunde können ein Lied davon singen, doch es hat sich zu einer Art running gag entwickelt, Freunde, die sie noch nicht kennen, erstmal ins offene Messer laufen zu lassen, bevor man sie vor T. rettet.

„Aber da die Jungs nicht meine Freunde sind, kann ich mir den Spaß auch etwas länger anschauen“, denke ich und schaue mir aus sicherer Entfernung an, wie die blöden Studenten in ihr Verderben rennen und dabei ihre Würde verlieren.

Dabei spricht mich N. an, Ex-Freundin meines Ex-Mitbewohners. Er lernte sie mit mir auf einer Party ein Stockwerk höher im gleichen Haus kennen. Der Altersdurchschnitt betrug 40 Jahre und in der Tür stand eine Meute Frauen, die sich die Hände rieb und „Frischfleisch“ rief, als wir die Party betraten. Der Ex-Mitbewohner wollte zuerst, dass ich sie anspreche. Für meinen Geschmack ist sie aber viel zu unfeminin und verballert, deswegen sprach er sie an und war danach ein paar Monate mit ihr zusammen.

Gerade als wir uns zusammen an den gierigen Studenten erfreuen und ich mitbekomme, wie sie mir einen Moment zu lange auf meine aus welchen Gründen auch immer erstarrten Brustwarzen schaut, kommt L. in die Küche.

...

Mittwoch, 10. Februar 2010

Ein Frühsommertag im Leben eines Spätpubertierenden III

Nach einer Dreiviertelstunde ruft meine Mutter an, und droht mir, wegzufahren, wenn ich nicht innerhalb von fünf Minuten wieder beim Auto wäre. Wahrscheinlich hat sie Angst, von den Lister Gutmenschen wegen der missbräuchlichen Behindertenparkplatznutzung angeschnauzt zu werden, was ich bei der hohen Dichte von DoppelnamenträgerInnen und Doppelnamenträgerinnen gut verstehen kann.

Trotzdem brauche ich noch etwas Zeit, ich bin mir erst nach einer weiteren Viertelstunde einig mit dem Programmierer und renne zurück zum Wagen. Meine Mutter ist genervt. Deswegen überlasse ich ihr den Platz am Steuer, den sie sowieso schon eingenommen hat. Während der Fahrt erzählt sie mir, dass wir heute abend zu L. essen gehen werden. L. ist ein befreundeter Koch, der in einer ehemaligen Dorfspelunke ein paar Minuten ausserhalb der Stadt auf höchstem Niveau kocht und auch keine Probleme mit den ausgefallenen Sonderwünschen hat, die immer von mir oder meinem Vater auf ihn einprasseln. Ich freue mich, weil ich heute noch nicht viel gegessen habe. Gleichzeitig merke ich, dass die Kombination aus viel Sonne, Stress und Alkoholkonsum am vorigen Tag mich langsam müde macht und frage mich, ob das mit der Party immer noch eine gute Idee sei. Wieder zuhause angekommen lege ich mich für eine Stunde auf den Balkon, kann aber nicht einschlafen, da die ver- statt erzogenen, doppelnamentragenden Nachbarskinder den Nachbarshund ärgern.

Ich ziehe mir ein vernünftiges Hemd und ein leichtes Leinensakko über, was mich aber nicht daran hindert, die gelben Nike Cortez mit Klettverschluss anzulassen.

In dem großartigen Restaurant angekommen erwartet mich eine Flasche Grauburgunder meines Lieblingswinzers Dr. Müller-Bürklin, dessen alleiniger Anblick schon meine Stimmung signifikant verbessert. Für die einfache, aber raffinierte Küche schätze ich L., genau das Richtige für meinen jetzigen Zustand: Ich wähle eine weiße Tomatensuppe, danach einen Seeteufelspieß auf Mango-Chutney mit marinierten Riesengarnelen und zum Nachtisch eine Crème brulée.

Nach dem Essen ruft mich A. an, er habe von M.s Party gehört und fragt, ob wir zusammen hingehen wollen. Eigentlich fühle ich mich immer müder, doch ich sage ihm trotzdem zu.

Satt fahren wir zurück nach Hause, ich versuche meine Mutter zu überreden, mich zur Party zu fahren, doch sie ist auch müde und will nicht mit sich reden lassen. Ich flehe und bettele und habe schließlich doch noch Erfolg. Auf einmal fühle ich mich wieder wach und frisch. Auf die Idee, darüber nachzudenken, was passiert wäre, wenn ich einfach schlafen gegangen wäre, komme ich an diesem Punkt noch nicht.

Zuhause angekommen laufe ich die Treppen hoch und ziehe mir meinen morgens mühsam ausgesuchten Partydress an, dann fahren wir nach Linden. Mit meiner Perücke und Sonnenbrille komme ich mir leicht deplaziert vor. Ich stehe an der Haltestelle und rauche während ich auf A. warte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite pöbelt ein halbwüchsiger Russe eine Passantin an.

Endlich kommt A., er macht sich über meinen Style lustig, ich entgegne, dass ich, im Gegensatz zu ihm, wenigstens verkleidet sei. Der Russe kommt zu uns herüber und möchte von mir eine Zigarette haben. Auf Spanisch beschimpfe ich ihn als Hurensohn, intoniere dies jedoch sehr positiv und lächle ihn dabei an. Dann zucke ich mit den Schultern. A., der ursprünglich aus Lateinamerika kommt, übersetzt ins Deutsche: ich sage, dass ich keine Zigarette für ihn habe, aber dass ich es gut fände, dass wir beide Deutschland scheiße fänden. Dabei tue ich so, als sei ich schon sehr betrunken und gebe ihm zum Abschluss die Hand.
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Samstag, 6. Februar 2010

Ein Frühsommertag im Leben eines Spätpubertierenden II

Nun freue ich mich auf M. und seine Party, auf meine Freunde aus Hannover, die ich lange nicht mehr gesehen habe und hoffe darauf, dass mein Vater mich mit seinem Sportwagen nach Hause fahren lässt, nachdem er mich vom Treffpunkt abholt.

Nachdem wir von der Autobahn abgefahren sind, schlängeln wir uns durch den Innenstadtverkehr, vor dem alten Casino sehe ich meinen Vater, wie er in die entgegengesetzte Richtung fährt, obwohl wir uns in zehn Minuten auf dem Parkplatz an der Stadionbrücke verabredet haben. Da ich prinzipiell der Meinung bin, dass andere Leute mich anrufen können, wenn sie etwas von mir möchten, habe ich natürlich kein Geld auf meinem Telefon, so dass ich meine immer betrunkener werdenden Mitfahrer nach einem Mobiltelefon fragen muss.
Einen verpeilten Telefonanruf und 3 Minuten später begrüßt mich mein Vater auf dem Parkplatz mit anscheinend guter Laune. Aber fahren lässt er mich dann doch nicht. Denn mein Vater ist ein Sportwagennazi, da er das gute Stück nur bei einer Regenwahrscheinlichkeit von <5%, einer Temperatur von über 18,5°C und wahrscheinlich niemals bei Vollmond aus der Garage holt. Und mich dementsprechend so gut wie nie damit fahren lässt. Meine Mutter und ich machen uns immer über ihn lustig, doch eigentlich ist das nicht zum Lachen. Aber andererseits: wenn er sein Auto so wenig fährt, werde ich auch später mehr erben.
Also setze ich mich neben ihn auf den Beifahrersitz und lasse mir meine Enttäuschung nicht anmerken.

Er fährt mich nach Hause, wo ich eine Kleinigkeit esse, um dann fünf Minuten später mit meiner Mutter in die List zu fahren. Dort bin ich mit einem Programmierer verabredet, der für die Firma eine Datenbank programmieren soll.
Meine Mutter lässt mich immer fahren, deswegen bin ich lieber mit ihr unterwegs. Wahrscheinlich weiß sie besser um den ungezügelten Hormonhaushalt eines Spätpubertierenden und denkt sich, dass es sicherer ist, wenn ich meine Ausfahrten in erwachsener Begleitung mache, anstatt mir das Auto heimlich auszuleihen.

Wir fahren durch die Stadt, sie fängt an, mich zu kritisieren, ich entschuldige meinen Fahrstil mit der Zeitnot, weil ich den Computermenschen nicht warten lassen möchte. Glücklich ist sie damit nicht, aber wenigstens schweigt sie. Ich parke hinter dem Mezzo auf einem Behindertenparkplatz, weil alle anderen Plätze belegt sind. Meine Mutter wartet im Auto, während ich im Mezzo mit dem Datenbank-Menschen rede. Er begrüßt mich und macht mir als erstes ein Kompliment zu meinem Hemd. Ich frage mich, ob er das allen seinen Auftraggebern sagt, oder ob er es vielleicht mutig findet, in meiner Branche mit einem solchen Hemd herumzulaufen. Vielleicht ist er aber auch schwul? Und wenn schon, er müsste wissen, dass er keine Chance hat, denn seine Nummer habe ich von einer weiblichen Affäre bekommen.

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Dienstag, 2. Februar 2010

Ein Frühsommertag im Leben eines Spätpubertierenden I

Ein schriller Ton reißt mich aus meinem viel zu kurzen Schlaf. Noch benebelt von der letzten Nacht greife ich nach meinem Telefon, was mir erst nach dem dritten Versuch gelingt, und stelle den Wecker ab.
Ich ziehe mir schnell eine Hose an und haste aus der Tür. Wenn ich schon nach Hannover fahre, dann möchte ich wenigstens abends auf M.s Privatparty gehen. Ich betrete deswegen einen Friseursalon, um mir meine Koteletten und meine Frisur nachschneiden zu lassen. In dem Moment, wo ich an der Reihe bin, frage ich mich, wieso ich das eigentlich tue, wollte ich doch eigentlich am Abend eine Perücke tragen.
Langsam werde ich wieder nüchtern und schaue auf die Uhr: gleich ist es 12 Uhr. An meinen Knochen und der Mischung aus Bier und Zigaretten, nach der mein T-Shirt riecht, merke ich, dass der letzte Abend im Pudel-Klub endete. Und habe gar keine Lust, gleich zu irgendwelchen verlobten Studenten ins Auto zu steigen, die dann mit ihrem vermüllten Kleinwagen mit 110 km/h über die Autobahn schleichen und mit mir über den evangelischen Kirchentag diskutieren wollen.

Wieder zu Hause angekommen suche ich mir die passende Garderobe zusammen. Soll ich mit oder ohne Jackett fahren? Nachdem ich mir bei der letzten Fahrt das Sakko mit einer Mischung aus Hundehaaren, Melkfett (WTF?!) und Cola versaut habe, möchte ich lieber kein Risiko mehr eingehen.

Ich verzichte also auf übertriebenen Schnick-Schnack und ziehe mir mein orangefarbenes Hawaii-Hemd und dazu irgendeine unkaputtbare Hose mit noch unkaputtbarerer Bügelfalte an. Die passenden gelben Sneakers mit Klettverschluss dürfen dazu natürlich nicht fehlen. Sorgen bereitet mir, dass M. von einer "Folklore-Party" sprach. Und ich damit nichts anfangen kann. Die Hälfte aller Gäste wird geschmacklos gekleidet erscheinen (also wie immer), weil sie denkt, dass $irgendein_Motto automatisch Bad-Taste heißt, während die andere Hälfte so tut, als ob es eine ganz normale Party wäre, weil sie sich nicht traut, sich zu verkleiden.

Also entscheide ich mich dafür, meinen Stolz zu bewahren, aber trotzdem bei dem Verkleidungsspiel mitzumachen. Ich wähle zu der blonden Perücke, die mir wahrscheinlich in meinem Schlaf als Schnapsidee durch den Kopf geisterte mein gelbes Lieblingsshirt, eine Army-Jacke und eine beigefarbene Hose. Vorher begutachte ich mich ausgiebig im einzigen Spiegel, den mein ranziges Appartement zu bieten hat. Deswegen muss ich danach zum vereinbarten Treffpunkt rennen.
Es sind doch keine blöden Studenten: Ihr Auto hat eine Klimaanlage, sie hören Acid-Jazz und wollen zu einem Konzert von irgendeinem Hippie in Hannover. Als wir Hamburg verlassen, sprechen sie über ihre Drogenerfahrungen. An einer Tankstelle halten sie an, ein der Beta-Student steigt aus und holt für seine Kumpels und den Fahrer jeweils eine Dose Red Bull und eine kleine Flasche Jägermeister. "Jetzt kann’s ja losgehen", denke ich, während mein Nachbar die beiden Getränke vermischt. Aus unerklärlichen Gründen mache ich ein Foto davon. Jägermeister habe ich erst danach getrunken und auch nur einen ganz kleinen Schluck um die studentische Gastfreundschaft nicht zu beleidigen.

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der alltägliche Wahnsinn zwischen Ihmezentrum und Kötnerholzweg, Uni, Büro und fremden Küchen, maßgeschneiderten Anzügen und ranzigen Clubs... Schreiben Sie mir unter svennov @ yahoo.de oder folgen Sie mir bei twitter: twitter.com/svennov

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Sollte das witzig sein?
Wie kann man so eine gequirlte Sch..ße schreiben.
Raecher der Enterbten (Gast) - 22. Mai, 23:56

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