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Mittwoch, 19. August 2009

Sachen, die man mal gemacht haben sollte: In der eigenen Stadt im Hotel übernachten

Nachdem ich trotz mittelschwerer Krankheit jeden Abend privatpartyesken Zügen annehmendem Krach aus dem Nachbarzimmer ausgesetzt war, befand ich mich trotzdem irgendwann wieder auf dem Wege der Besserung. Allerdings hatte ich keine Lust, mein Zimmer, dass genau so aussah, wie man es sich nach einer Krankheit vorstellt, aufzuräumen. Als dann wieder ein Schwall von Krach, vermutlich ausgelöst durch einen schlechten Witz und quittiert mit dem lauten Scheppern herunterfallender Bierflaschen, durch die viel zu dünne Wand zu mir herüberdrang, war mir klar, dass ich Ruhe brauchte. Und keine Lust hatte, mich aufzuregen. Sondern viel lieber eine liebe Person empfangen würde, allerdings nicht in diesem unaufgeräumten, lauten und chaotischen Rahmen.
Spontan kam mir die Idee, ein Hotelzimmer zu buchen. Allerdings hatte ich keine Lust, die Stadt zu verlassen, so dass ich kurzerhand über das Internet ein Zimmer buchte, dass nicht mal drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Trotzdem war es eine komplett andere Welt: Statt des Ausblicks auf die trinkenden und herumpöbelnden Leute auf der Limmerstraße gab es den Ausblick auf trinkende und herumpöbelnde Leute auf dem Maschseefest, was gerade in vollem Gange war.
Aber: es gab schallisolierte Fenster und auch den direkten Blick auf den See, Sushi an einer ruhigen Stelle am Ufer, einen Eiswürfelspender auf der Etage (schon als Kind habe ich Eiswürfelspender bei Hotelaufenthalten geliebt), Flure, die nach dieser unnachahmlichen Mischung aus US-amerikanischen Putzmitteln und kühler Klimaanlagenluft riechen und in ihrem 1990er-Laura-Ashley-Stil wahrscheinlich in jedem Hotel dieser Kette auf der ganzen Welt gleich aussehen, einen Fernseher direkt am überdimensionierten Bett (normalerweise schaue ich kein TV, weil mir meine Zeit im Alltag zu wertvoll dafür ist, aber wenn ich genug Zeit habe, liebe ich es, mit 3-4 Zeitungen und nebenbei laufenden Unterschichtenfernsehen oder Panzerdokus auf N24 im Bett zu liegen) und alle Zeit der Welt, diese Parallelwelt, die sich nur 3 Kilometer von meinem sonstigen Lebensmittelpunkt befindet, auszukosten.
Nach dem Einchecken bin ich zum Gast in meiner eigenen Stadt geworden, denn normalerweise wäre mir das Viertel um den Maschsee viel zu langweilig und das Maschseefest zu sehr verseucht mit unkultivierten und gleichzeitig langweiligen Menschen. Aber an diesem Tag war es genau das richtige, ein Kurzurlaub in einem anderen Stadtteil; ich beobachtete die Menschen wie ein Aussenstehender, sog alles in mich auf und fühlte mich ein bisschen wie auf einer Safari, die ohne Kamera auskommt.

Das Frühstück am nächsten Tag führte mir diese kultivierte Unkultiviertheit des sich im Hotel aufhaltenden Maschseefestpublikums nochmals vor Augen. Es deprimiert mich jedesmal wieder, wenn ich Menschen in betont lässiger Freizeit-"Kleidung" beim Abgrasen des Frühstücksbuffets mitansehen muss. Fast schon wollte ich mich aus Mitleid mit ihnen meines tadellos sitzenden Sakkos schämen. Noch schlimmer als der Anblick: Rentner aus Osterholz-Scharmbeck, die sich darüber unterhalten, dass sie die SPD wählen wollen.
Als die Servicekraft beim Auschecken registrierte, dass ich eine Adresse in der gleichen Stadt angegeben hatte, glaubte ich zu spüren, wie sie mich musterte. Natürlich tat sie das nicht, denn im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche Arbeitenden genoß sie anscheinend eine ganz passable Ausbildung, doch wusste ich, dass sie spätestens nachdem sie mir am vorherigen Abend einen Kühler für den Champagner besorgte, dachte, ich sei einer von den Männern, die mit ihrer Geliebten ins Hotel gehen, welches nur ein paar Blocks von der eigenen Wohnung entfernt ist. (Das finde ich aber respektlos, vor allem der Geliebten gegenüber. So viel Zeit sollte schon sein, ein vernünftiges Hotel in einem anderen Ort auszuwählen). Ich überlegte kurz, ob ich sie deswegen auch respektlos finden sollte, habe sie aber dann in dem Glauben gelassen, und bat sie, als Name des Gastes Mrs. Laura Baker (Name geändert) in die Abrechnung einzutragen.

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der alltägliche Wahnsinn zwischen Ihmezentrum und Kötnerholzweg, Uni, Büro und fremden Küchen, maßgeschneiderten Anzügen und ranzigen Clubs... Schreiben Sie mir unter svennov @ yahoo.de oder folgen Sie mir bei twitter: twitter.com/svennov

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