Bildungsstreik
Am 16. Juni gegen 15.00 Uhr wollte ich zu meinem Institut in die Sprechstunde eines Dozenten, doch der Schneiderberg sah schon von weitem anders aus als sonst: Die Straße schmückte ein großes Transparent, auf dem "Streikräume für Studierende und SchülerInnen" gefordert wurden, es gab einen mittelmäßigen Menschenauflauf und ein paar gelangweilte Polizisten in Sixpacks beobachteten das Ganze gelangweilt aus der Ferne. Selbst der für den Schneiderberg typische, sonst alles niederschmetternde Gestank aus den Fettabscheidern zwischen Mensa und Institut schien verflogen.
Als ich mich dem Eingang näherte, sprach ich einen Aktivisten an und fragte, worum es hier überhaupt ginge. Er sagte mir, dass es um die Bildung ginge, was mich zur Gegenfrage, ob die Besetzer für oder gegen Bildung seien, verleitete. Aus der Antwort verstand ich, dass gegen die aktuelle Bildung protestiert werden solle. Mit einem Boykott derselben. Von weitem rief jemand durch sein Megafon, dass es im ersten Stock "gleich Nazistrukturen" gebe, woraufhin ich ob der sprachlichen Schlampigkeit der sonst so auf politisch korrekte Sprache achtenden Nachwuchsprotestierer lachen musste. Im Institut rannten größtenteils aufgebrachte, alternativ angezogene Schüler herum und schrien auch irgendetwas, dass mit Nazis zu tun hatte. Die erste Etage war besetzt, es fanden Filmvorführungen, gemeinsames Transparente-malen sowie Diskussionsrunden statt, wie ich der Internetseite der Streikbewegung entnehmen konnte.

Einen Tag später musste ich wieder in das besagte Gebäude, zwischenzeitlich ließ mich die Nachricht, dass die frischrenovierten Räume mit Graffiti versehen wurden mit den Schultern zucken. Dies wollte ein Dozent mit der Kamera dokumentieren, dem dann die Kamera weggenommen wurde. Daraufhin soll er einen Demonstranten gewürgt haben.Doppeltes Dreifaches Schulterzucken.
Mein Seminar fiel natürlich aus. Von Freunden habe ich gehört, dass es in einem Seminar zum Protest gegen den Protest gekommen sein soll: Die Seminarteilnehmer und der Dozent wollten das Seminar durchführen; Da der eigentlich angedachte Seminarraum besetzt wurde, wichen sie kurzerhand auf einen anderen aus, was der Gruppe Beschimpfungen von Seiten der Protestler einbrachte. Einen Flyer oder ein genaues Konzept habe ich trotz zweimaligem Besuch der besetzten Etage nicht in die Hände bekommen.
Ich bin auch gegen die jetzt vorherrschenden Bedingungen, da ich es unverantwortlich finde, Studiengebühren zu kassieren, ohne dass es einen konkreten Verwendungszweck für das Geld gibt. Die letzten Boykottaktionen gegen Studiengebühren, bei denen die Summe auf ein Treuhandkonto überwiesen werden sollte, um eine Massenexmatrikulation zu provozieren und dadurch die Entscheidungsträger an den Verhandlungstisch zu holen, unterstützte ich durch meine Teilnahme.
Aber ich halte den konzeptlosen und populistischen Protest, wie er hier stattfand für genauso wirkungslos und kontraproduktiv wie die übereilte Einführung von Bachelorstudiengängen:
http://www.wir-zahlen-nicht.de/aktuelles/aufruf.html
Im Aufruf der Protestbewegung werden neben der Abschaffung der Studiengebühren und des Bachelor/Master-Systems, der Schaffung von "selbstverwalteten Studierenden- und SchülerInnenräumen" auch ein Streikrecht für Schüler und Studenten gefordert.

1) Es wird gegen Studiengebühren protestiert. (Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich das falsch verstanden haben sollte). Warum zerstören Sie dann die Infrastruktur, die aus den Einnahmen der Studiengebühren geschaffen und/oder von den Spuren des letzten Protestes befreit wurde?
2) Warum behindern Sie jene bei ihrem Studium, die lernen wollen oder müssen? Ich z.B. könnte mir eine Teilnahme an dem Protest aus zeitlicher und finanzieller Sicht nicht leisten, da ich mit meinem Studium fertig werden muss, weil ich keine Lust habe, nochmal 500€ Studiengebühren zu zahlen. Und ohne meine zwei Jobs liefe das auch alles nicht. Woher nehmen Sie die Zeit und das Geld?
3) Warum besetzen Sie ausgerechnet den Schneiderberg? Dort wird doch immer gegen irgendwas protestiert. Die Leute dort sind doch alle schon relativ auf Ihrer Seite. Und sie wären es noch mehr, wenn Sie sie nicht auf diese Art und Weise gegen sich aufbringen würden. So bleibt der Protest genau dort, wo er entstanden ist und scheint sich auch nicht großartig weiterzuverbreiten. Eier gezeigt und ein Zeichen gesetzt hätten Sie, wenn Sie den Conti-Campus, wo u.a. sich die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät befindet, besetzt hätten.
4) Wenn Sie schon protestieren, dann kommunizieren Sie es doch wenigstens vernünftig. An der Hauptuni war jedenfalls kein einziges Transparent zu sehen, dass die Studenten anderer Fakultäten auf Ihr Ansinnen hätte aufmerksam machen können. Keines der Internetangebote zum Thema Bildungsstreik bringt wirklich aktuelle Informationen. Wie wäre es mit einem mehrmals pro Tag aktualisiertem Blog oder einem Twitter-Account?
Ich bin der Meinung, dass man mit konstruktiven Argumenten mehr als mit zerstörerischem Protest erreicht. Der AStA der MHH konnte in Verhandlungen erreichen, dass die Studiengebühren für etwas sinnvolles ausgegeben werden, was direkt den Studenten zu Gute kommt: Neben Instrumenten für das Studium soll es auch bestimmte Bücher geben, welche die Studenten im Rahmen ihres Studiums kostenlos erhalten. Andere Universitäten gehen einen Schritt weiter und bezuschussen Auslandsaufenthalte oder schaffen andere Sachen an, die sich die Studenten wünschen. Gut, das ist noch keine Revolution in Ihrem Sinne, aber ein guter Anfang.
Ich halte das jetzige (pay-first-get-later) Prinzip der Studiengebühren für falsch, weil es für Studenten schwierig ist, neben dem Studium ungefähr 800 € pro Semester zur Finanzierung des Studiums zu verdienen. Aber vom Grundsatz finde ich es richtig, dass derjenige für eine Leistung bezahlen muss, der sie in Anspruch nimmt. Warum sollten Menschen, die kein Studium anstrebten oder anstreben die universitäre Ausbildung der Studenten zahlen, welche nach ihrem Abschluss ein vielfaches des Gehalts der größtenteils ihr Studium finanzierenden Nichtakademiker verdienen?
Das Studium sollte während der Studienzeit kostenlos sein, als Bedingung dafür verpflichten sich aber die späteren Absolventen für einen bestimmten Zeitraum in Deutschland zu arbeiten oder zahlen einen Betrag, um sich davon "freizukaufen" (gerade bei den Medizinern ist es weit verbreitet, sich nach dem Studium einen besser bezahlten Job im Ausland zu suchen, was hier zu einem Mangel an Medizinern führt) und innerhalb der ersten Jahre ihrer Berufstätigkeit monatlich einen nach Verdiensthöhe gestaffelten Prozentsatz ihrer Einkünfte als Studiengebühren zurückzahlen.
Dieses Prinzip wird meines Wissens nach von verschiedenen Fluggesellschaften im Rahmen der Pilotenausbildung seit vielen Jahren erfolgreich angewandt.
So, jetzt habe ich meine Meinung kundgetan, ohne irgendetwas zu besetzen oder zu zerstören. Ob sich meine Argumentation dadurch größeres Gehör verschafft? Bleibt abzuwarten. Aber es ist eine Diskussion mit Argumenten und nicht mit leeren Worten und hohlen Protestaktionen.
Als ich mich dem Eingang näherte, sprach ich einen Aktivisten an und fragte, worum es hier überhaupt ginge. Er sagte mir, dass es um die Bildung ginge, was mich zur Gegenfrage, ob die Besetzer für oder gegen Bildung seien, verleitete. Aus der Antwort verstand ich, dass gegen die aktuelle Bildung protestiert werden solle. Mit einem Boykott derselben. Von weitem rief jemand durch sein Megafon, dass es im ersten Stock "gleich Nazistrukturen" gebe, woraufhin ich ob der sprachlichen Schlampigkeit der sonst so auf politisch korrekte Sprache achtenden Nachwuchsprotestierer lachen musste. Im Institut rannten größtenteils aufgebrachte, alternativ angezogene Schüler herum und schrien auch irgendetwas, dass mit Nazis zu tun hatte. Die erste Etage war besetzt, es fanden Filmvorführungen, gemeinsames Transparente-malen sowie Diskussionsrunden statt, wie ich der Internetseite der Streikbewegung entnehmen konnte.

Einen Tag später musste ich wieder in das besagte Gebäude, zwischenzeitlich ließ mich die Nachricht, dass die frischrenovierten Räume mit Graffiti versehen wurden mit den Schultern zucken. Dies wollte ein Dozent mit der Kamera dokumentieren, dem dann die Kamera weggenommen wurde. Daraufhin soll er einen Demonstranten gewürgt haben.
Mein Seminar fiel natürlich aus. Von Freunden habe ich gehört, dass es in einem Seminar zum Protest gegen den Protest gekommen sein soll: Die Seminarteilnehmer und der Dozent wollten das Seminar durchführen; Da der eigentlich angedachte Seminarraum besetzt wurde, wichen sie kurzerhand auf einen anderen aus, was der Gruppe Beschimpfungen von Seiten der Protestler einbrachte. Einen Flyer oder ein genaues Konzept habe ich trotz zweimaligem Besuch der besetzten Etage nicht in die Hände bekommen.
Ich bin auch gegen die jetzt vorherrschenden Bedingungen, da ich es unverantwortlich finde, Studiengebühren zu kassieren, ohne dass es einen konkreten Verwendungszweck für das Geld gibt. Die letzten Boykottaktionen gegen Studiengebühren, bei denen die Summe auf ein Treuhandkonto überwiesen werden sollte, um eine Massenexmatrikulation zu provozieren und dadurch die Entscheidungsträger an den Verhandlungstisch zu holen, unterstützte ich durch meine Teilnahme.
Aber ich halte den konzeptlosen und populistischen Protest, wie er hier stattfand für genauso wirkungslos und kontraproduktiv wie die übereilte Einführung von Bachelorstudiengängen:
http://www.wir-zahlen-nicht.de/aktuelles/aufruf.html
Im Aufruf der Protestbewegung werden neben der Abschaffung der Studiengebühren und des Bachelor/Master-Systems, der Schaffung von "selbstverwalteten Studierenden- und SchülerInnenräumen" auch ein Streikrecht für Schüler und Studenten gefordert.

1) Es wird gegen Studiengebühren protestiert. (Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich das falsch verstanden haben sollte). Warum zerstören Sie dann die Infrastruktur, die aus den Einnahmen der Studiengebühren geschaffen und/oder von den Spuren des letzten Protestes befreit wurde?
2) Warum behindern Sie jene bei ihrem Studium, die lernen wollen oder müssen? Ich z.B. könnte mir eine Teilnahme an dem Protest aus zeitlicher und finanzieller Sicht nicht leisten, da ich mit meinem Studium fertig werden muss, weil ich keine Lust habe, nochmal 500€ Studiengebühren zu zahlen. Und ohne meine zwei Jobs liefe das auch alles nicht. Woher nehmen Sie die Zeit und das Geld?
3) Warum besetzen Sie ausgerechnet den Schneiderberg? Dort wird doch immer gegen irgendwas protestiert. Die Leute dort sind doch alle schon relativ auf Ihrer Seite. Und sie wären es noch mehr, wenn Sie sie nicht auf diese Art und Weise gegen sich aufbringen würden. So bleibt der Protest genau dort, wo er entstanden ist und scheint sich auch nicht großartig weiterzuverbreiten. Eier gezeigt und ein Zeichen gesetzt hätten Sie, wenn Sie den Conti-Campus, wo u.a. sich die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät befindet, besetzt hätten.
4) Wenn Sie schon protestieren, dann kommunizieren Sie es doch wenigstens vernünftig. An der Hauptuni war jedenfalls kein einziges Transparent zu sehen, dass die Studenten anderer Fakultäten auf Ihr Ansinnen hätte aufmerksam machen können. Keines der Internetangebote zum Thema Bildungsstreik bringt wirklich aktuelle Informationen. Wie wäre es mit einem mehrmals pro Tag aktualisiertem Blog oder einem Twitter-Account?
Ich bin der Meinung, dass man mit konstruktiven Argumenten mehr als mit zerstörerischem Protest erreicht. Der AStA der MHH konnte in Verhandlungen erreichen, dass die Studiengebühren für etwas sinnvolles ausgegeben werden, was direkt den Studenten zu Gute kommt: Neben Instrumenten für das Studium soll es auch bestimmte Bücher geben, welche die Studenten im Rahmen ihres Studiums kostenlos erhalten. Andere Universitäten gehen einen Schritt weiter und bezuschussen Auslandsaufenthalte oder schaffen andere Sachen an, die sich die Studenten wünschen. Gut, das ist noch keine Revolution in Ihrem Sinne, aber ein guter Anfang.
Ich halte das jetzige (pay-first-get-later) Prinzip der Studiengebühren für falsch, weil es für Studenten schwierig ist, neben dem Studium ungefähr 800 € pro Semester zur Finanzierung des Studiums zu verdienen. Aber vom Grundsatz finde ich es richtig, dass derjenige für eine Leistung bezahlen muss, der sie in Anspruch nimmt. Warum sollten Menschen, die kein Studium anstrebten oder anstreben die universitäre Ausbildung der Studenten zahlen, welche nach ihrem Abschluss ein vielfaches des Gehalts der größtenteils ihr Studium finanzierenden Nichtakademiker verdienen?
Das Studium sollte während der Studienzeit kostenlos sein, als Bedingung dafür verpflichten sich aber die späteren Absolventen für einen bestimmten Zeitraum in Deutschland zu arbeiten oder zahlen einen Betrag, um sich davon "freizukaufen" (gerade bei den Medizinern ist es weit verbreitet, sich nach dem Studium einen besser bezahlten Job im Ausland zu suchen, was hier zu einem Mangel an Medizinern führt) und innerhalb der ersten Jahre ihrer Berufstätigkeit monatlich einen nach Verdiensthöhe gestaffelten Prozentsatz ihrer Einkünfte als Studiengebühren zurückzahlen.
Dieses Prinzip wird meines Wissens nach von verschiedenen Fluggesellschaften im Rahmen der Pilotenausbildung seit vielen Jahren erfolgreich angewandt.
So, jetzt habe ich meine Meinung kundgetan, ohne irgendetwas zu besetzen oder zu zerstören. Ob sich meine Argumentation dadurch größeres Gehör verschafft? Bleibt abzuwarten. Aber es ist eine Diskussion mit Argumenten und nicht mit leeren Worten und hohlen Protestaktionen.
svennov - 25. Jul, 13:35
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