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Sonntag, 4. Januar 2009

Golf oder Zigarren?

Um eine Probefahrt mit einem spannenden Auto zu bekommen, sollte man sich schon frühzeitig Gedanken machen, welchen Käufertyp man darstellen möchte. Eine nach außen geschlossene, runde und authentische Erscheinung ist das A&O in dieser Disziplin.
Ich entscheide mich für eine Mischung aus jungem, schnöseligem early adopter (erste Frage im Beratungsgespräch: "Wie kann ich mein iPhone mit dem Bordcomputer verbinden?") und beschäftigtem Geschäftsmann ("Also ich hätte frühestens in 5 Wochen Zeit für eine Probefahrt, aber warten Sie mal: ich bin nächstes Wochenende auf einem Benefiz-Golfturnier eingeladen, das könnte man doch gut miteinander verbinden..")
Man sollte darauf achten, dass der zu spielende Habitus wie selbstverständlich aussieht, dazu gehört, dass man weder einen arroganten und erst recht keinen devoten Eindruck beim Verkäufer hinterlässt. Auch eine gewisse Freundlichkeit und ein kooperativer Gesprächsstil (Vgl.) erleichtern das Gespräch mit dem Verkäufer ungemein.

Bevor ich ein Autohaus betrete, bitte ich per Mail oder Kontaktformular auf der Herstellerhomepage (bei Mercedes per Fax, da sich die Leute dort die Emails ausdrucken und sie sich dann per Fax intern weiterleiten) um ein Angebot und Infomaterial zu dem mich interessierenden Wagen.
Das hat den einfachen Grund, dass ich weder Lust noch Zeit habe, stundenlang mit dem Verkäufer irgendwelche Konfigurationen durchzusprechen, um dadurch konkretes Interesse zu heucheln, denn das geht mit oben beschriebener Methode viel effizienter.
Im Gegenteil: die Organisation bzw. der Verkäufer darf auf keinen Fall glauben, dass die angebliche Investition irgendeine Priorität besitze.

Die Einladung zur Probefahrt kommt meistens danach direkt im Antwortbrief, falls nicht, müsste man sich die Mühe machen, das Autohaus aufzusuchen um mit den Mitarbeitern zu sprechen. Letzteres ist mir aber bisher noch kein einziges Mal in meiner Probefahrerkarriere passiert.

Die Garderobe ist zumindest bei vorheriger Terminvereinbarung irrelevant für die Zusage zur Probefahrt (Obwohl ich am Anfang meiner Probefahrerzeit H&M-Sakkos trug, bekam ich die Autos), trotzdem sehe ich keine Veranlassung, verlottert zu einer Probefahrt aufzutauchen. Meistens trage ich eine Kombination aus Turnschuhen und einem guten Anzug; Hemden mit Doppelmanschetten und gute Manschettenknöpfe sollten selbstverständlich sein. Die Frage nach Hosenträgern wurde von Herrn GP hier schon ausführlich erläutert, obwohl ich nicht seine Meinung in diesem Punkt nicht teile, halte ich seinen Beitrag für sehr lesenswert. Manchmal mache ich mir auch den Spaß und tauche in einem meiner robusteren und ausgefalleneren Second-Hand-Sakkos aus den 1970ern auf. Wichtig ist, dass es keine Verkleidung sein darf, sondern dass der Träger mit seinem Anzug verschmelzen sollte.

Bei meinem Probefahrt-Hobby geht es mir nicht darum, ein schnelles und unvernünftig teures Phallus-Symbol für einen Tag abzugreifen; es ist vielmehr das Wie, das mich reizt:
Mich mit Verkäufern, die kurzärmelige Hemden mit Krawatten tragen, über Golf zu unterhalten ist z.B. eine Beschäftigung, nach deren Abschluss ich prustend aus dem Autohaus laufe, weil ich es paradox finde, mich zu reinen Distinktionszwecken mit einem Menschen über einen Sport zu unterhalten, von dem beide keine Ahnung haben. Mich würde sehr interessieren, wie eine Mitarbeiterschulung in Bezug auf diese zielgruppenspezifischen Themen aussieht.
Teilweise trifft man aber auch wirklich tolle Menschen, die stilvoll angezogen sind und mit denen man vor der Probefahrt bei einer Romeo y Julieta aus dem begehbaren Humidor die Details regeln kann. Diese Menschen sind die besseren Markenbotschafter, weil sie sich nicht verkleiden müssen, um die Vorzüge des Produktes zu erläutern und weil sie selbst zur Zielgruppe gehören.
Dabei darf man nicht vergessen, dass ich trotz meines anscheinend ausgezeichneten SCHUFA-Scores, ohne den man mir wohl kaum ernsthafte Kaufabsichten unterstellt hätte, einem Hauptwohnsitz in einem gehobenen Viertel (was die Limmerstr. ganz bestimmt nicht ist) immer noch Student bin, für den solche Investitionen in ein Auto astronomisch sind.

Meistens wird dann eine Überlassungsvereinbarung ausgefüllt, in der Versicherung (meistens 250,- Selbstbeteiligung), maximale Kilometerleistung (Verhandlungssache, mein Maximum waren 800 für ein Wochenende), Rückgabezeitpunkt (Wer ein Auto über Nacht haben möchte, sollte im Gespräch mit dem Verkäufer sagen, dass er mit dem Wagen zu einem Geschäftstermin in einer anderen Stadt fahren möchte und das Fahrzeug deswegen gerne schon um 5.30 morgens abholen würde. Die meisten Händler bieten dann von sich aus an, den Wagen schon am Vortag zu übergeben) und Tankfüllung (bei edleren Marken ist es selbstverständlich, dass man das Fahrzeug vor der Rückgabe nicht wieder auftanken zu braucht).

Da ich wie gesagt alle Oberklassemarken bis auf Porsche schon probegefahren bin denke ich, dass es nun für mich an der Zeit ist, dieses Hobby an den Nagel zu hängen und mir eine seriöse Freizeitbeschäftigung zu suchen. Ich wüßte allerdings nicht, was das sein sollte. Versucht habe ich es sehr oft, bürgerlich zu werden, unter anderem mit Tennis und später mit einem Golfkurs über die Uni. Bei allem langweilte ich mich zu Tode. Vielleicht bin ich einfach noch nicht alt genug, um es spannend zu finden, Golf auf einem abgesteckten Kurs zu spielen. Außerdem hat es auf dem blöden Golfplatz schlimmer gestunken als an den Orten, wo ich normalerweise Golf spiele, da direkt hinter Loch 3 ein Schlachthof lag, was im Sommer durchaus zu einem olfaktorischen Höllentrip werden kann.
Vielleicht sollte ich diesen Aspekt beim nächsten Verkaufsgepräch ansprechen.

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der alltägliche Wahnsinn zwischen Ihmezentrum und Kötnerholzweg, Uni, Büro und fremden Küchen, maßgeschneiderten Anzügen und ranzigen Clubs... Schreiben Sie mir unter svennov @ yahoo.de oder folgen Sie mir bei twitter: twitter.com/svennov

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