Sodom und Gomorrha an der Limmerstr.
Jeder Mann, der sich sein Leben lang mit einer Frau begnügt,
wäre jenseits der Naturgesetze, wie jemand, der sich ausschließlich von Salat ernährt.
Guy de Maupassant
Pöbelnde Privatparty mit einem zwar äußerst gut angezogenen aber trotzdem lauten Mob von 23 Personen auf einem öffentlichen Platz, auf dem sonst nur Unterschichtsangehörige ihre tägliche Alkoholdosis konsumieren. Das Geburtstagskind bekommt sogar einen Geburtstagstisch mit Kerzen auf den Platz gestellt, so dass die Lindenprinzessin bei diesem Anblick prustend und mit nach unten geneigtem Oberkörper auf mich zutorkelt. Obwohl sie mit mir zu den Bestangezogensten des Abends gehörte, klassifizierte ich sie deswegen für ein paar Sekunden fälschlicherweise als Angehörige jenes Milieus, was sonst immer den Platz bevölkert.
Nach einiger Zeit verlagert sich die Party in ein angrenzendes Wohnzimmer, von dort aus ging es dann für einige direkt weiter ins Schlafzimmer. A und B teilten sich zunächst das erste Bett, C und D schliefen ihren Vollrausch auf dem Sofa aus und E okkupierte das andere Schlafzimmer. Da C und D sowieso zu nichts mehr in der Lage waren, übernehmen A und B in dieser Nacht die Vorreiterrolle was das Ausleben sexueller Gelüste anbetrifft. Nach kurzer Zeit steht A (männlich) auf und sagt, dass er sich mal kurz die Zähne putzen will. Doch anstatt sich seiner Mundhygiene zu widmen, geht er auf direktem Wege in das Zimmer von E, wo er das gleiche Programm nochmals abspult.
Damals, als es noch ein enges Korsett aus bürgerlichen Vorschriften in einer moralistischen Gesellschaft gab, mag obiges Zitat von Guy de Maupassant eine Provokation gewesen sein. In den letzten 100 Jahren aber hat sich die Gesellschaft in diesem Aspekt um 180° gedreht, so dass dieses Zitat heute anstelle einer antibürgerlichen Provokation vielmehr den status quo in einer Gesellschaft darstellt, die Promiskuität zur Norm erhoben hat. Desweiteren gibt es heute auch eine große Anzahl von Menschen, die sich sehr wohl nur von Salat ernähren und diese Art der Ernährung als natürlich betrachten.
Trotzdem ist die Definition von Promiskuität sehr vom Betrachter abhängig, oder wie eine US-amerikanische Sexualforscherin, deren Name mir leider entfallen ist, einmal sagte: "Promisk ist jeder, der mehr Sex hat, als Du."
Damit ist natürlich die negativ-wertende Konnotation gemeint, die in unseren Breiten schon seit Jahren nicht mehr auftaucht. Auch das alte Schema, nachdem eine promiskuitive Frau eine Schlampe sei, während ihr männliches Pendant dafür gesellschaftliche Achtung empfinge, empfinde ich als hoffnungslos veraltet, da es inzwischen sowohl männliche Schlampen als auch weibliche Stecher in ausreichender Anzahl gibt.
Kann man bei der postmodernen Promiskuität von einer Inflation der Bedeutung sprechen?
Marcuse unterscheidet zwischen Erotik und Sexualität, letztere erscheint übereinstimmend in hochsublimierter, ,vermittelter‘, reflektierter Form – aber in dieser Form ist sie absolut, kompromißlos, bedingungslos. Der Herrschaftsbereich des Eros ist seit Anbeginn an der des Thanatos. Erfüllung ist Zerstörung, nicht in einem moralischen oder soziologischen, sondern in einem ontologischen Sinne. Sie ist jenseits von gut und böse, jenseits gesellschaftlicher Moral und bleibt so jenseits des herrschenden Realitätsprinzips, das von diesem Eros abgelehnt und gesprengt wird. Herbert Marcuse, der eindimensionale Mensch (1967)
Als Realitätsprinzip sah Marcuse, stark vereinfacht ausgedrückt, das, was wir heutzutage als bürgerliche Gesellschaft definieren würden, ausgedrückt durch Institutionen wie z.B. die Ehe, wobei in spätkapitalistischen Gesellschaften das Leistungsprinzip die Unterdrückung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip unterstützt.
Diese unterdrückenden Prinzipien funktionierten nach dem Schema der repressiven Entsublimierung, welche die Triebe nur oberflächlich befriedigt und dabei ein falsches Bewusstsein aufbaut. Es ist so ähnlich, als würde man in einer Gesellschaft beheimatet sein, in der Erdbeerkuchen zwar einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesellschaft leistet, moralisch aber nicht akzeptiert ist. Da die Menschen aber Gelüste nach Erdbeerkuchen in sich tragen, wird ihnen einfach so viel Schwarzwälder Kirsch serviert, bis sie satt sind und wegen ihrer scheinbaren Sättigung ihre wahren Bedürfnisse vergessen.
Wenn man jetzt das Wort "Erdbeerkuchen" gegen Sexualität austauscht und für "Schwarzwälder Kirsch" Erotik einsetzt, wird es vielleicht klarer, was ich damit sagen möchte:
Gibt es im Zeitalter der Promiskuität 2.0, in dem sich wildfremde Leute über das Internet, nach verschiedenen Sexualpraktiken sortiert, zum Beischlaf verabreden noch eine reine, bedingungslose, unkontrollierte Sexualität oder ist die scheinbare Freizügigkeit zum Standard zum Standard geworden, weil billige, austauschbare "Erotik" überall verfügbar ist? Was ist der Preis für risikolose Befriedigung?
wäre jenseits der Naturgesetze, wie jemand, der sich ausschließlich von Salat ernährt.
Guy de Maupassant
Pöbelnde Privatparty mit einem zwar äußerst gut angezogenen aber trotzdem lauten Mob von 23 Personen auf einem öffentlichen Platz, auf dem sonst nur Unterschichtsangehörige ihre tägliche Alkoholdosis konsumieren. Das Geburtstagskind bekommt sogar einen Geburtstagstisch mit Kerzen auf den Platz gestellt, so dass die Lindenprinzessin bei diesem Anblick prustend und mit nach unten geneigtem Oberkörper auf mich zutorkelt. Obwohl sie mit mir zu den Bestangezogensten des Abends gehörte, klassifizierte ich sie deswegen für ein paar Sekunden fälschlicherweise als Angehörige jenes Milieus, was sonst immer den Platz bevölkert.
Nach einiger Zeit verlagert sich die Party in ein angrenzendes Wohnzimmer, von dort aus ging es dann für einige direkt weiter ins Schlafzimmer. A und B teilten sich zunächst das erste Bett, C und D schliefen ihren Vollrausch auf dem Sofa aus und E okkupierte das andere Schlafzimmer. Da C und D sowieso zu nichts mehr in der Lage waren, übernehmen A und B in dieser Nacht die Vorreiterrolle was das Ausleben sexueller Gelüste anbetrifft. Nach kurzer Zeit steht A (männlich) auf und sagt, dass er sich mal kurz die Zähne putzen will. Doch anstatt sich seiner Mundhygiene zu widmen, geht er auf direktem Wege in das Zimmer von E, wo er das gleiche Programm nochmals abspult.
Damals, als es noch ein enges Korsett aus bürgerlichen Vorschriften in einer moralistischen Gesellschaft gab, mag obiges Zitat von Guy de Maupassant eine Provokation gewesen sein. In den letzten 100 Jahren aber hat sich die Gesellschaft in diesem Aspekt um 180° gedreht, so dass dieses Zitat heute anstelle einer antibürgerlichen Provokation vielmehr den status quo in einer Gesellschaft darstellt, die Promiskuität zur Norm erhoben hat. Desweiteren gibt es heute auch eine große Anzahl von Menschen, die sich sehr wohl nur von Salat ernähren und diese Art der Ernährung als natürlich betrachten.
Trotzdem ist die Definition von Promiskuität sehr vom Betrachter abhängig, oder wie eine US-amerikanische Sexualforscherin, deren Name mir leider entfallen ist, einmal sagte: "Promisk ist jeder, der mehr Sex hat, als Du."
Damit ist natürlich die negativ-wertende Konnotation gemeint, die in unseren Breiten schon seit Jahren nicht mehr auftaucht. Auch das alte Schema, nachdem eine promiskuitive Frau eine Schlampe sei, während ihr männliches Pendant dafür gesellschaftliche Achtung empfinge, empfinde ich als hoffnungslos veraltet, da es inzwischen sowohl männliche Schlampen als auch weibliche Stecher in ausreichender Anzahl gibt.
Kann man bei der postmodernen Promiskuität von einer Inflation der Bedeutung sprechen?
Marcuse unterscheidet zwischen Erotik und Sexualität, letztere erscheint übereinstimmend in hochsublimierter, ,vermittelter‘, reflektierter Form – aber in dieser Form ist sie absolut, kompromißlos, bedingungslos. Der Herrschaftsbereich des Eros ist seit Anbeginn an der des Thanatos. Erfüllung ist Zerstörung, nicht in einem moralischen oder soziologischen, sondern in einem ontologischen Sinne. Sie ist jenseits von gut und böse, jenseits gesellschaftlicher Moral und bleibt so jenseits des herrschenden Realitätsprinzips, das von diesem Eros abgelehnt und gesprengt wird. Herbert Marcuse, der eindimensionale Mensch (1967)
Als Realitätsprinzip sah Marcuse, stark vereinfacht ausgedrückt, das, was wir heutzutage als bürgerliche Gesellschaft definieren würden, ausgedrückt durch Institutionen wie z.B. die Ehe, wobei in spätkapitalistischen Gesellschaften das Leistungsprinzip die Unterdrückung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip unterstützt.
Diese unterdrückenden Prinzipien funktionierten nach dem Schema der repressiven Entsublimierung, welche die Triebe nur oberflächlich befriedigt und dabei ein falsches Bewusstsein aufbaut. Es ist so ähnlich, als würde man in einer Gesellschaft beheimatet sein, in der Erdbeerkuchen zwar einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesellschaft leistet, moralisch aber nicht akzeptiert ist. Da die Menschen aber Gelüste nach Erdbeerkuchen in sich tragen, wird ihnen einfach so viel Schwarzwälder Kirsch serviert, bis sie satt sind und wegen ihrer scheinbaren Sättigung ihre wahren Bedürfnisse vergessen.
Wenn man jetzt das Wort "Erdbeerkuchen" gegen Sexualität austauscht und für "Schwarzwälder Kirsch" Erotik einsetzt, wird es vielleicht klarer, was ich damit sagen möchte:
Gibt es im Zeitalter der Promiskuität 2.0, in dem sich wildfremde Leute über das Internet, nach verschiedenen Sexualpraktiken sortiert, zum Beischlaf verabreden noch eine reine, bedingungslose, unkontrollierte Sexualität oder ist die scheinbare Freizügigkeit zum Standard zum Standard geworden, weil billige, austauschbare "Erotik" überall verfügbar ist? Was ist der Preis für risikolose Befriedigung?
svennov - 24. Aug, 19:08
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