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Dienstag, 12. August 2008

Postmoderne vs. Dandyismus

Er verabscheut alles Grelle, Laute, Parfümierte. Er ist gelegentlich ein Snob. Er kultiviert seine Kleidung und sein Auftreten. Die jederzeit passende elegante Kleidung zum Zeitvertreib kombiniert mit den formvollendeten Manieren eines Gentleman wird zum einzigen Lebenszweck erhoben. Die Niederungen anstrengender Erwerbsarbeit passen hingegen nicht zum großstädtischen, verweichlichten echten Dandy.

Der Dandy ist ein Mann, dessen Status, Arbeit und Existenz im Tragen von Kleidung besteht. Er widmet jedes Vermögen seiner Seele, seines Geistes, seiner Geldbörse und seiner Person heldenhaft der Kunst, seine Kleidung gut zu tragen: Während die anderen sich kleiden um zu leben, lebt er, um sich zu kleiden. - Thomas Carlyle in Sartor Resartus, 1834.

Obige Definition ist sehr 0.8, die aktuelle Forschung geht eher der Frage nach, inwiefern sich der Dandy in Zeiten der postmodernen Beliebigkeit und der Massenkultur seine Nische sichern kann. Ein spannender Beitrag in dieser Debatte kommt von Susan Sontag: Sie führt den Begriff "Camp" ein: Camp arrangiert sich mit der Massenkultur, ohne auf den Ästhetizismus der vormodernen Dandys zu verzichten. Wenn schon die Güter im Zeitalter der mass customization nicht mehr einzigartig sind bzw. die Einzigartigkeit durch ihre ubiquitäre Verfügbarkeit und Vermarktung in Form von Massenprodukten ad absurdum geführt wurde, besinnt sich der Camp eben darauf, die Sachen, die er besitzt, wenigstens mit Stil zu besitzen.

Sontag begreift die Demokratisierung des Geschmacks (Baudelaire) als Chance für die Dandys 2.0, womit sie sich als Opfer der positiv gefärbten postmodernen Denkschemata zu erkennen gibt.

Erinnert mich an einen Gesprächsfetzen der letzten Nacht, in dem es darum ging, dass das Publikum in einem bestimmten Club alle Leute toll findet, die es nicht versteht. In den Zeiten der Postmoderne ist es ja auch wirklich schwer aus einem Club rauszufliegen (zumindest aus solchen verranzten Clubs, die ich normalerweise zu besuchen pflege): Bei einem Vorkommnis unter der sogenannten Hitlergruß-Schwelle wird sich noch nicht einmal jemand umdrehen. Wobei: Mir fällt mindestens ein Laden an, in dem die affektierten Besucher ob der einzigartigen Provokation applaudieren würden.

Und da wären wir wieder beim Thema: So lange es schlechten Geschmack gibt, wird es auch immer Dandys geben.

Vgl.:
http://www.bpb.de/publikationen/YEJ0WG,3,0,Der_moderne_Dandy.html

Ethnische Ökonomie

Im Jahr 2002 lebten in Deutschland knapp 2 Millionen türkische Staatsangehörige, was mehr als ein Viertel aller in Deutschland lebenden Ausländer ausmacht. Durch die Änderung des Ausländergesetzes, welches seit den 1990er Jahren allen Ausländern mit Aufenthaltsgenehmigung selbstständige Tätigkeiten erlaubt, setzte eine Welle von Geschäftsgründungen von Unternehmern türkischer Herkunft ein; Die ethnische Ökonomie leitet insofern einen Paradigmenwechsel weg vom Bild des Gastarbeiters ein, da Wachstum und Strukturwandel als Zeichen der Verbleibeabsichten türkischer Migranten gesehen werden kann, weil Selbstständigkeit und Investitionsbereitschaft Entscheidungen langfristiger Natur sind (Ertekin 2001:42; aus: Hartje et al. 2005:46), daraus resultieren: Immobilienverkauf im Heimatland, Immobilienerwerb in Deutschland sowie die Zunahme des Anlagevermögens in Deutschland.

Von besonderer Bedeutung für das Leben in Deutschland sind informelle Netzwerke familiärer und verwandtschaftlicher Unterstützung, welche der Grund dafür sind, dass die wenigsten freien Arbeitsplätze in der ethnischen Ökonomie "formell" (z.B. über den Stellenmarkt des Arbeitsamtes) vermittelt werden, sondern häufig innerhalb der Netzwerke vergeben werden. Dabei dient die gleichberechtigte Verflechtung mit dem sozialen Umfeld auf geschäftlicher Basis als Kennzeichen einer interaktionistischen Integration (Ertekin 2001:43; aus: Hartje et. al. 2005:46)

Die türkische Ökonomie spielt eine Schlüsselrolle im Feld der ethnischen Ökonomie in Deutschland, da sich die ersten Betriebe bereits in den 1960er Jahren ansiedelten und damit die Vorreiterrolle einnehmen. Die Gründe für den Schritt in die Selbstständigkeit lassen sich in Push- und Pull-Faktoren unterscheiden (Hartje et al. 2005:48): Auf der einen Seite der Wunsch nach eigenständiger Arbeit und der damit verbundenen Sicherheit vor Arbeitslosigkeit, auf der anderen Seite als nachgeordneter Faktor die Schaffung von Arbeitsplätzen für Familienangehörige und Freunde. Eine Befragung aus dem Jahr 2000 unter türkischen Einzelhändlern im Rhein-Main-Gebiet ergab außerdem, dass fast die Hälfte aller Geschäftsgründungen durch Landsleute oder die eigene Familie finanziert wurden. Einen weitere Motivation für die Gründung eines eigenen Unternehmens ist das Fehlen bilateraler Abkommen zwischen Deutschland und der Türkei, welches dazu führt, dass in der Türkei erreichte Bildungsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden.

Während die türkische Ökonomie in den Anfangsjahren nur auf die türkischen Einwanderer ausgerichtet war, setzte in den 1990er Jahren ein Öffnungsprozess ein, der sich an der stärkeren Orientierung auf die deutsche Kundschaft zeigt.

Als Hauptfunktionen der türkischen Ökonomie werden neben der Integration von neu angekommenen Einwanderern u.a. die Unterstützung von türkisch stämmigen Frauen bei der Lösung von tradierten Rollenbildern geschildert, außerdem unterstützt diese Art von Verflechtung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Interessen die politische Willensbildung innerhalb der türkischen Community, was aber nicht zwangsläufig positive Effekte auf die Integration haben muss. Trotzdem hat der steigende Anteil von qualifizierten Dienstleistungsangeboten (Ärzte, Rechtsanwälte) einen positiven Einfluss auf die Modernisierung traditioneller Einstellungen, die ohne den Einfluss gebildeter Migranten so nicht eingetreten wäre.

Am Beispiel der türkischen Ökonomie in Berlin lassen sich die Unterschiede zur deutschen Ökonomie herausarbeiten, da dort seit 1981 alle Gewerbeanzeigen in der amtlichen Statistik nach Nationalitäten aufgeschlüsselt werden. Eine Untersuchung im Jahr 2002 ergab, dass die Gründungsquote türkischer Unternehmen im Jahr 2001 zwar geringer als in den 1990er Jahren ist, aber trotzdem noch doppelt so hoch ist, als die Gründungsquote von Deutschen oder Angehörigen anderer Nationalitäten. Der Schwerpunkt liegt in der Gastronomie und im Lebensmitteleinzelhandel, welche zusammen einen Anteil von 44% der türkischen Ökonomie ausmachen. Nur 4% der türkischen Unternehmer führen einen Produktionsbetrieb. In der Struktur der Unternehmen dominieren Klein- und Familienbetriebe: 14% der Unternehmen sind Einpersonenbetriebe, die durchschnittliche Mitarbeiteranzahl liegt bei 2,4 während mehr als die Hälfte aller Betriebe Familienunternehmen sind. Auffällig ist, dass nur 8% der türkischen Unternehmer zur ersten Einwanderergeneration gehören. Mehr als ein Fünftel der befragten Unternehmer besitzt keinen Schulabschluss. Der Lebensmitteleinzelhandel und die haushaltsorientierten Handwerksbetriebe besitzen einen überwiegend deutschen Kundenstamm während die Kunden von qualifizierten Dienstleistungsbetrieben (Ärzte, Rechtsanwälte) in der Mehrheit türkisch sind.

Literatur:

Behrens, Johann: Neben erotischer Neugier bringt am häufigsten der Markt Fremde zusammen. Aber was, wenn sie zusammen arbeiten müssen? (S. 186-206) ; in: Ursula Apitzsch (Hrsg.): Migration und Traditionsbildung. Westdeutscher Verlag Opladen/ Wiesbaden 1999

Ethnische Ökonomie: Über die Rolle von selbstständigen Migranten. Podcast DW vom 28.10.2006 http://www.podcast.net/play/6047/56, zugegriffen am 22.12.2007

Hartje, Floeting, Reimann: Ethnische Ökonomie, Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab, Schrader-Stiftung, Darmstadt/ Berlin 2005

Schuleri-Hartje, U.-K.: Rolle, Funktion und Bedarfe ethnischer Ökonomie im Stadtteil. - URL: http://www.stadtteilarbeit.de/seiten/theorie/schuleri_hartje/ethnische_oekonomie.htm (2007, 11. März) , zugegriffen am 2.1.2008

Von Tante Emma zu Onkel Ali? Ethnische Ökonomie: Integrationsfaktor und Integrationsmaßstab http://www.difu.de/publikationen/difu-berichte/4_04/artikel02.shtml zugegriffen am 16.12.2007

IMIS-Beiträge, Heft 23/2004, Herausgegeben vom Vorstand des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturellen Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.

410g CO²

Und das für jeden einzelnen Kilometer. Der Benzinverbrauch wurde erst garnicht angegeben. Ich freu mich schon jetzt auf die Probefahrt.

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