Ein kleiner Beitrag zum Thema Hysterie...
Ich habe diesen Aufsatz vor circa einem Jahr verfasst und finde das Thema immernoch sehr interessant! Viel Spaß beim Lesen...
Soziale und kulturelle Hintergründe der Hysterie
Der vorliegende Text beschäftigt sich mit den sozio- kulturellen Hintergründen der Hysterie.
Es wird auf die Gründe, das Vorkommen und das Verständnis der Hysterie, auf die doppeldeutige Darstellung der Frau und der daraus folgenden Konsequenzen eingegangen. Abschließend wurde ein eigener Gedanke zur modernen Hysterie verfasst.
Die Hysterie war vor allem eine Psychoneurose des gebildeten Bürgertums.
Der Versuch einer Spezifierung eines, besonders für Hysterie, gefährdeten Teils des weiblichen Geschlechts nach Aspekten des sozialen Aufgabenbereiches und der körperlichen Reife ergab, dass besonders nicht arbeitende, sozial- ökonomisch unabhängige Frauen aus den mittleren und obersten Schichten, Haustöchter ohne Beruf, und andere, die an dieser Stelle aber nicht zu nennen sind.
Eine weitere Risikogruppe waren Frauen aus dem provinziellen Kleinbürgertum. Als Dienstmädchen und Köchinnen der bürgerlichen Familie hatte sie sich ebenso zu verhalten wie die Damen des Bürgertums. Anders als die Bürgersfrau lebte sie im Schatten des Hauses und deren Besitzer. Die Gemeinsamkeit zwischen Dienstmädchen und Bürgersfrau bestand allerdings in der mehr oder weniger vom Familienüberhaupt unterdrückten Rolle, die es für beide unmöglich machte, sich intellektuell und beruflich zu entfalten.
Die Zuspitzung der sozialen Unterscheidung zwischen den Geschlechtern trennte die Gesellschaft in einen maskulinen und einen femininen Bereich.
Während der Frau alle Türen der Selbstverwirklichung verschlossen blieben, fand der Mann überall die nötige Anerkennung und hatte außerdem die Möglichkeit aus den Grenzen der Familie aus zu brechen um in die „Anonymität gewisser Geselligkeiten“ (Schaps 1992, S. 118 Z. 2) zu fliehen.
Die Ablösung der Ständegesellschaft durch die Industrialisierung führte nicht nur zu Änderungen in der Ökonomie, sondern auch zu einer der Familienstruktur.
Die vollendete Polarisierung der Geschlechter zeigte sich nun mit der Etablierung der bürgerlichen Kleinfamilie. Des Mannes Eroberung aller Bereiche stand die Selbstaufgabe und Unproduktivität der Frau gegenüber. Während die Frau ihrem Mann vorher zumindest arbeitsmäßig gleich gestellt war, verwandelte sich die Produktivität der Frau in absolute Abhängigkeit.
Doch nicht nur ökonomisch gesehen differenzierten sich die Geschlechter, sondern auch kulturell. Georg Simmel spricht von einer extremen Abweichung der männlichen Kultur von der weiblichen. Der weibliche Kulturbeitrag lag nach Simmel vor allem in der Schauspielkunst. (vgl. Schaps 1992, S. 127 Z. 10 – 16). Die Eroberung dieser Frauen sei der Traum eines Großteils der Männer, die Vorstellung mit ihr verheiratet zu sein kollidierte aber mit dem Wunsch und der gesellschaftlichen Vorgabe der intellektuellen und totalen Überlegenheit des Mannes.
Das Heim war nun der Lebensbereich der bürgerlichen Mutter, der sie vom Rest der männlich strukturierten Welt abschnitt, was eine gewisse Weltfremdheit der Frau begünstigte. Die Frau diente nun als moralischer Fels in der Brandung des zunehmenden Kapitalismus, als Repräsentation der Sicherheit und der vorindustriellen Moral und Ordnung.
Die bürgerliche Frau hatte sich also nach den vom Mann festgelegten Kriterien zu richten, „zu denen man neben körperlicher Unversehrtheit, Entsagung persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten, Sparsamkeit und Bescheidenheit auch Mütterlichkeit und Sittenstrenge zählen kann.“ (Schaps 1992, S. 122 Z. 9-6 v.u.)
Während der Mann die Rolle des Helden und Verführers hatte, spiegelte die Frau nur Hilflosigkeit, Passivität und Schwäche wieder. Die Tabuisierung der sexuellen Gefühle und Gedanken der Frau verwies sie in emotionale Schranken. Ihre innerlichen Konflikte zwischen Selbstverwirklichung und den kulturellen Erwartungen und das hin und her gerissen Sein zwischen Hörigkeit und Ablehnung dieser, fanden nun einen Weg der Äußerung, der Weg der in hysterische Verhaltensweisen mündete.
Die gesellschaftliche Vorstellung der kränklichen, schwachen und zerbrechlichen Frau förderte deren eigenen Glauben, für Krankheiten besonders anfällig zu sein.
Der Mann akzeptierte die Krankheit als Vorrecht und Merkmal der Frauen, welche nun scharenweise ärztliche Hilfe aufsuchten. Im Mediziner fanden sie einen Zuhörer, der für die Hysterikerinnen zu einer entscheidenden Bezugsperson wurde, bei dem sie sich selbst darstellen konnten und aus ihrer Misslage heraus einen Weg zum Widerstand fanden. Diese Position des Mediziners als Zuhörer brachte ihn in eine machtvolle Situation. Der Arzt diagnostizierte nämlich nicht mehr objektiv und anhand der genannten Symptome, sondern er produzierte sie mittels der, als Heilmittel gedachten, Hypnose selber.1 Durch die künstliche Hervorrufung hysterischer Symptome schaffte Charcot2 hierarchische Verhältnisse zwischen Hypnotiseur und Patienten, die er z.T. auch öffentlich zur Schau stellte und ihm Ruhm einbrachten.3 Die Hypnose sollte als „Heilungsmittel“ der Hysterie gelten. Fraglich dabei war aber, ob der Hypnotiseur durch seine Machtstellung nicht etwas von sich auf den Patienten transportierte.
„Somit geht die Dummheit und Klugheit, der Haß und die Liebe des Experimentators ebenso wohl in das Resultat ein wie die seelische Zuständigkeit der Versuchsperson.“ (Schaps 1992, S. 134 Z. 9 – 7 v.u.)
Desweiteren gestattete die Hypnose keinen Dauererfolg. Der Grund dafür könnte die Ausschaltung der Subjektivität des Patienten während der Hypnose sein. Dadurch fand kein direktes Mitwirken des Patienten und somit kein innerer Zugang zur Seele statt. Freud schloss daraus, dass ein anhaltender Heilungsprozess bei hysterischen Patienten nur dann möglich ist, wenn ihre eigene Subjektivität innerlich an dem Prozess beteiligt ist. Die Methode „talking cure“4 ermöglichte es den Patientinnen ihr Unbewusstes, welches als ihre Subjektivität galt, zu verbalisieren, und die Sprache sozusagen zu einem Ventil wurde. Auch Breuer5 machte diese Entdeckung, dass die körperlichen Symptome verschwanden, wenn der Auslöser dieser durch Sprache und ebenso der begleitende Affekt hervor gebracht wurden. Der eingeklemmte Affekt fand so einen Weg zur Abreaktion. Nach Freud und Breuer leideten Hysterische an unbewussten, unerledigten und absichtlich aus dem Bewusstsein verdrängten Erinnerungen. Der Affekt diente also zur Entlastung des psychischen Apparates, er war ein unbewusster Kompromiss.
Trotz einiger Identifizierungen einzelner hysterischer Mechanismen und die Beseitigung der durch diese bewirkten Symptome, gelang es Freud nicht, das Rätsel der Hysterie aufzulösen, da sie immer wieder neue Symptome hervor brachte.
Die Literatur des „Fin de siècle“6 beschäftigte sich nicht nur mit dem literarisch älteren Frauentypus „femme fatale“, sondern ebenso mit dem Gegenbild dieser, der „femme fragile“.
Das Bild der femme fragile entstand demnach aufgrund einer künstlerischen Bewegung um die Mitte des 19. Jh. Mit ihr entstand das bild einer Frau mit madonnenartiger Ausstrahlung und kindlichem Körper. Ihre Gesichtszüge strahlten „krankhafte Müdigkeit, Erschöpfung, ja den Schimmer von Jenseitigkeit aus“. (Schaps 1992, S. 139 Z. 19/20) Dies galt nicht nur als vornehm sondern sollte auch geistige Verfeinerung und Läuterung bedeuten.7 Ihre gesamte Gestalt bestand aus Euphemismen, die die Nachteile der Kränklichkeit nicht hervor brachten.
Der passiven Frauengestalt wird in der „Belle Epoque“ die Dämonisierung der Frau gegenüber gestellt, die „femme fatale“. Sie galt als verderbend, unberechenbar, radikal und kindhaft. Anders als ihre Gegenüberstellung stand sie für Trieb und Zauber, für Sinnlichkeit und Faszination. Ihre Seele sei schwarz und ihr Lächeln undurchdringlich, sie selbst sei gottlos, pervers und unmenschlich. (vgl. Schaps 1992, S. 142 Z. 1 – 8)
Zwar galten femme fatale und femme fragile als totale Gegensätze, jedoch hatten sie eines gemeinsam: beide stellten die zwei Extrempole eines spezifischen Mythos von Weiblichkeit dar, der auch schon die Zwiespältigkeit der Hysterie kennzeichnete. Denn auch die Hysterikerinnen beherbergten ein „gut und böse“, ein „außen und innen“, „Anpassung und Widerstand“, sodass sich kulturell eine Zwiespältigkeit der Frau ergeben musste.
Um den heutigen Stellenwert der klassischen Hysterie zu bestimmen, muss man die Veränderungen berücksichtigen, die sich medizinisch und gesellschaftlich ergaben. Die kulturelle und medizinische Bedeutung des Hysteriebegriffs wurde durch Freuds Entdeckung neutralisiert, dass die Sexualität bedeutend für die Entwicklung der menschlichen Psyche ist. Dies wandelte die Hysterie nun in eine geschlechtsunspezifische Erkrankung um. Zwar wurde im 20. Jh. versucht, medizinisch an den Hysteriebegriff anzuknüpfen, übrig blieb aber nur ein Versuch der Klassifizierung von nicht einzuordnenden Phänomenen, sodass die Hysterie einen Stellenwert einer Restkategorie zukam. Dieses Verständnis der Hysterie hat daher kaum mehr eine kulturelle Bedeutung.
Die Symptome der heutigen Hysterie sind eher passiv und zurück haltend. An Stelle der äußerlichen Erscheinung von plötzlichen Anfällen, sind nun die „Intimformen“ (Schaps 1992, S. 152 Z. 16) getreten die sich in Angstanfällen, Organ- oder Depersonalisierungsneurosen zeigen. Sozio– kulturell könnte sich die moderne Hysterie in der Drogensucht oder der Gewalttätigkeit wieder spiegeln.
Wenn man den Hintergrund der klassischen Hysterie auf die heutige Zeit überträgt,
lässt sich eine Parallele ziehen. Wenn Regina Schaps die moderne Hysterie in der Drogensucht und Gewalt sieht, so sind dies nur die Symptome einer Hysterie, die durch die Komplexität der heutigen Gesellschaft ausgelöst werden. Die Probleme der heutigen Gesellschaft liegen nicht mehr auf dem Schwerpunkt der Geschlechterdifferenzierung, sondern auf dem des Strebens der Gesellschaft nach Glück und Selbstverwirklichung, bei dem individuelle Wege eingeschlagen werden um dies zu erreichen. Einige dieser Wege enden schließlich in Unzufriedenheit, Depression, Existenzängsten, Demotivation, Phantasielosigkeit, Engstirnigkeit, Egoismus oder Selbstzweifel, welche wohl die genannte Komplexität zum Grund haben und die heutigen Hysteriker auszeichnen.
Sind wir also nicht alle irgendwie hysterisch?
1 Bei dieser Form der Hypnose konnte Macht auf den Hypnotisierten ausgeübt werden, indem er durch äußerliche Eingriffe wie Wortsuggestionen zum Objekt degradiert wurde und somit die Symptome demonstrieren konnte, bzw. musste.
2 Jean- Martin Charcot, französischer Neurologe, 1825 - 1893
3 Im Nervenkrankenhaus „Hôpital Salpêtrière“ in Paris wurde extra ein Amphitheater errichtet, um die Experimente öffentlich durchzuführen.
4 talking cure: freier verbaler Ausdruck von Assoziationen eines Patienten, die von Analytiker kommentiert werden.
5 Josef Breuer, Wiener Arzt und Philosoph, 1842 – 1925)
6 Fin de siècle bezeichnet die Zeit von 1890 bis 1914. Der Begriff wurde in Frankreich geprägt, wird aber auch für die allgemeine Befindlichkeit der kulturellen Szene vor dem ersten Weltkrieg verwendet. Diese Befindlichkeit war u.a. von Dekadenz geprägt.
7 Die Beschreibung dieses Frauentypus erinnert stark an Frauenfiguren klassischer Dramen wie „Maria Stuart“ (vor ihrer Exekution), ihre Schwester Elisabeth I., und Elisabeth von Valois aus dem Drama „Don Carlos“. (Schiller)
Soziale und kulturelle Hintergründe der Hysterie
Der vorliegende Text beschäftigt sich mit den sozio- kulturellen Hintergründen der Hysterie.
Es wird auf die Gründe, das Vorkommen und das Verständnis der Hysterie, auf die doppeldeutige Darstellung der Frau und der daraus folgenden Konsequenzen eingegangen. Abschließend wurde ein eigener Gedanke zur modernen Hysterie verfasst.
Die Hysterie war vor allem eine Psychoneurose des gebildeten Bürgertums.
Der Versuch einer Spezifierung eines, besonders für Hysterie, gefährdeten Teils des weiblichen Geschlechts nach Aspekten des sozialen Aufgabenbereiches und der körperlichen Reife ergab, dass besonders nicht arbeitende, sozial- ökonomisch unabhängige Frauen aus den mittleren und obersten Schichten, Haustöchter ohne Beruf, und andere, die an dieser Stelle aber nicht zu nennen sind.
Eine weitere Risikogruppe waren Frauen aus dem provinziellen Kleinbürgertum. Als Dienstmädchen und Köchinnen der bürgerlichen Familie hatte sie sich ebenso zu verhalten wie die Damen des Bürgertums. Anders als die Bürgersfrau lebte sie im Schatten des Hauses und deren Besitzer. Die Gemeinsamkeit zwischen Dienstmädchen und Bürgersfrau bestand allerdings in der mehr oder weniger vom Familienüberhaupt unterdrückten Rolle, die es für beide unmöglich machte, sich intellektuell und beruflich zu entfalten.
Die Zuspitzung der sozialen Unterscheidung zwischen den Geschlechtern trennte die Gesellschaft in einen maskulinen und einen femininen Bereich.
Während der Frau alle Türen der Selbstverwirklichung verschlossen blieben, fand der Mann überall die nötige Anerkennung und hatte außerdem die Möglichkeit aus den Grenzen der Familie aus zu brechen um in die „Anonymität gewisser Geselligkeiten“ (Schaps 1992, S. 118 Z. 2) zu fliehen.
Die Ablösung der Ständegesellschaft durch die Industrialisierung führte nicht nur zu Änderungen in der Ökonomie, sondern auch zu einer der Familienstruktur.
Die vollendete Polarisierung der Geschlechter zeigte sich nun mit der Etablierung der bürgerlichen Kleinfamilie. Des Mannes Eroberung aller Bereiche stand die Selbstaufgabe und Unproduktivität der Frau gegenüber. Während die Frau ihrem Mann vorher zumindest arbeitsmäßig gleich gestellt war, verwandelte sich die Produktivität der Frau in absolute Abhängigkeit.
Doch nicht nur ökonomisch gesehen differenzierten sich die Geschlechter, sondern auch kulturell. Georg Simmel spricht von einer extremen Abweichung der männlichen Kultur von der weiblichen. Der weibliche Kulturbeitrag lag nach Simmel vor allem in der Schauspielkunst. (vgl. Schaps 1992, S. 127 Z. 10 – 16). Die Eroberung dieser Frauen sei der Traum eines Großteils der Männer, die Vorstellung mit ihr verheiratet zu sein kollidierte aber mit dem Wunsch und der gesellschaftlichen Vorgabe der intellektuellen und totalen Überlegenheit des Mannes.
Das Heim war nun der Lebensbereich der bürgerlichen Mutter, der sie vom Rest der männlich strukturierten Welt abschnitt, was eine gewisse Weltfremdheit der Frau begünstigte. Die Frau diente nun als moralischer Fels in der Brandung des zunehmenden Kapitalismus, als Repräsentation der Sicherheit und der vorindustriellen Moral und Ordnung.
Die bürgerliche Frau hatte sich also nach den vom Mann festgelegten Kriterien zu richten, „zu denen man neben körperlicher Unversehrtheit, Entsagung persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten, Sparsamkeit und Bescheidenheit auch Mütterlichkeit und Sittenstrenge zählen kann.“ (Schaps 1992, S. 122 Z. 9-6 v.u.)
Während der Mann die Rolle des Helden und Verführers hatte, spiegelte die Frau nur Hilflosigkeit, Passivität und Schwäche wieder. Die Tabuisierung der sexuellen Gefühle und Gedanken der Frau verwies sie in emotionale Schranken. Ihre innerlichen Konflikte zwischen Selbstverwirklichung und den kulturellen Erwartungen und das hin und her gerissen Sein zwischen Hörigkeit und Ablehnung dieser, fanden nun einen Weg der Äußerung, der Weg der in hysterische Verhaltensweisen mündete.
Die gesellschaftliche Vorstellung der kränklichen, schwachen und zerbrechlichen Frau förderte deren eigenen Glauben, für Krankheiten besonders anfällig zu sein.
Der Mann akzeptierte die Krankheit als Vorrecht und Merkmal der Frauen, welche nun scharenweise ärztliche Hilfe aufsuchten. Im Mediziner fanden sie einen Zuhörer, der für die Hysterikerinnen zu einer entscheidenden Bezugsperson wurde, bei dem sie sich selbst darstellen konnten und aus ihrer Misslage heraus einen Weg zum Widerstand fanden. Diese Position des Mediziners als Zuhörer brachte ihn in eine machtvolle Situation. Der Arzt diagnostizierte nämlich nicht mehr objektiv und anhand der genannten Symptome, sondern er produzierte sie mittels der, als Heilmittel gedachten, Hypnose selber.1 Durch die künstliche Hervorrufung hysterischer Symptome schaffte Charcot2 hierarchische Verhältnisse zwischen Hypnotiseur und Patienten, die er z.T. auch öffentlich zur Schau stellte und ihm Ruhm einbrachten.3 Die Hypnose sollte als „Heilungsmittel“ der Hysterie gelten. Fraglich dabei war aber, ob der Hypnotiseur durch seine Machtstellung nicht etwas von sich auf den Patienten transportierte.
„Somit geht die Dummheit und Klugheit, der Haß und die Liebe des Experimentators ebenso wohl in das Resultat ein wie die seelische Zuständigkeit der Versuchsperson.“ (Schaps 1992, S. 134 Z. 9 – 7 v.u.)
Desweiteren gestattete die Hypnose keinen Dauererfolg. Der Grund dafür könnte die Ausschaltung der Subjektivität des Patienten während der Hypnose sein. Dadurch fand kein direktes Mitwirken des Patienten und somit kein innerer Zugang zur Seele statt. Freud schloss daraus, dass ein anhaltender Heilungsprozess bei hysterischen Patienten nur dann möglich ist, wenn ihre eigene Subjektivität innerlich an dem Prozess beteiligt ist. Die Methode „talking cure“4 ermöglichte es den Patientinnen ihr Unbewusstes, welches als ihre Subjektivität galt, zu verbalisieren, und die Sprache sozusagen zu einem Ventil wurde. Auch Breuer5 machte diese Entdeckung, dass die körperlichen Symptome verschwanden, wenn der Auslöser dieser durch Sprache und ebenso der begleitende Affekt hervor gebracht wurden. Der eingeklemmte Affekt fand so einen Weg zur Abreaktion. Nach Freud und Breuer leideten Hysterische an unbewussten, unerledigten und absichtlich aus dem Bewusstsein verdrängten Erinnerungen. Der Affekt diente also zur Entlastung des psychischen Apparates, er war ein unbewusster Kompromiss.
Trotz einiger Identifizierungen einzelner hysterischer Mechanismen und die Beseitigung der durch diese bewirkten Symptome, gelang es Freud nicht, das Rätsel der Hysterie aufzulösen, da sie immer wieder neue Symptome hervor brachte.
Die Literatur des „Fin de siècle“6 beschäftigte sich nicht nur mit dem literarisch älteren Frauentypus „femme fatale“, sondern ebenso mit dem Gegenbild dieser, der „femme fragile“.
Das Bild der femme fragile entstand demnach aufgrund einer künstlerischen Bewegung um die Mitte des 19. Jh. Mit ihr entstand das bild einer Frau mit madonnenartiger Ausstrahlung und kindlichem Körper. Ihre Gesichtszüge strahlten „krankhafte Müdigkeit, Erschöpfung, ja den Schimmer von Jenseitigkeit aus“. (Schaps 1992, S. 139 Z. 19/20) Dies galt nicht nur als vornehm sondern sollte auch geistige Verfeinerung und Läuterung bedeuten.7 Ihre gesamte Gestalt bestand aus Euphemismen, die die Nachteile der Kränklichkeit nicht hervor brachten.
Der passiven Frauengestalt wird in der „Belle Epoque“ die Dämonisierung der Frau gegenüber gestellt, die „femme fatale“. Sie galt als verderbend, unberechenbar, radikal und kindhaft. Anders als ihre Gegenüberstellung stand sie für Trieb und Zauber, für Sinnlichkeit und Faszination. Ihre Seele sei schwarz und ihr Lächeln undurchdringlich, sie selbst sei gottlos, pervers und unmenschlich. (vgl. Schaps 1992, S. 142 Z. 1 – 8)
Zwar galten femme fatale und femme fragile als totale Gegensätze, jedoch hatten sie eines gemeinsam: beide stellten die zwei Extrempole eines spezifischen Mythos von Weiblichkeit dar, der auch schon die Zwiespältigkeit der Hysterie kennzeichnete. Denn auch die Hysterikerinnen beherbergten ein „gut und böse“, ein „außen und innen“, „Anpassung und Widerstand“, sodass sich kulturell eine Zwiespältigkeit der Frau ergeben musste.
Um den heutigen Stellenwert der klassischen Hysterie zu bestimmen, muss man die Veränderungen berücksichtigen, die sich medizinisch und gesellschaftlich ergaben. Die kulturelle und medizinische Bedeutung des Hysteriebegriffs wurde durch Freuds Entdeckung neutralisiert, dass die Sexualität bedeutend für die Entwicklung der menschlichen Psyche ist. Dies wandelte die Hysterie nun in eine geschlechtsunspezifische Erkrankung um. Zwar wurde im 20. Jh. versucht, medizinisch an den Hysteriebegriff anzuknüpfen, übrig blieb aber nur ein Versuch der Klassifizierung von nicht einzuordnenden Phänomenen, sodass die Hysterie einen Stellenwert einer Restkategorie zukam. Dieses Verständnis der Hysterie hat daher kaum mehr eine kulturelle Bedeutung.
Die Symptome der heutigen Hysterie sind eher passiv und zurück haltend. An Stelle der äußerlichen Erscheinung von plötzlichen Anfällen, sind nun die „Intimformen“ (Schaps 1992, S. 152 Z. 16) getreten die sich in Angstanfällen, Organ- oder Depersonalisierungsneurosen zeigen. Sozio– kulturell könnte sich die moderne Hysterie in der Drogensucht oder der Gewalttätigkeit wieder spiegeln.
Wenn man den Hintergrund der klassischen Hysterie auf die heutige Zeit überträgt,
lässt sich eine Parallele ziehen. Wenn Regina Schaps die moderne Hysterie in der Drogensucht und Gewalt sieht, so sind dies nur die Symptome einer Hysterie, die durch die Komplexität der heutigen Gesellschaft ausgelöst werden. Die Probleme der heutigen Gesellschaft liegen nicht mehr auf dem Schwerpunkt der Geschlechterdifferenzierung, sondern auf dem des Strebens der Gesellschaft nach Glück und Selbstverwirklichung, bei dem individuelle Wege eingeschlagen werden um dies zu erreichen. Einige dieser Wege enden schließlich in Unzufriedenheit, Depression, Existenzängsten, Demotivation, Phantasielosigkeit, Engstirnigkeit, Egoismus oder Selbstzweifel, welche wohl die genannte Komplexität zum Grund haben und die heutigen Hysteriker auszeichnen.
Sind wir also nicht alle irgendwie hysterisch?
1 Bei dieser Form der Hypnose konnte Macht auf den Hypnotisierten ausgeübt werden, indem er durch äußerliche Eingriffe wie Wortsuggestionen zum Objekt degradiert wurde und somit die Symptome demonstrieren konnte, bzw. musste.
2 Jean- Martin Charcot, französischer Neurologe, 1825 - 1893
3 Im Nervenkrankenhaus „Hôpital Salpêtrière“ in Paris wurde extra ein Amphitheater errichtet, um die Experimente öffentlich durchzuführen.
4 talking cure: freier verbaler Ausdruck von Assoziationen eines Patienten, die von Analytiker kommentiert werden.
5 Josef Breuer, Wiener Arzt und Philosoph, 1842 – 1925)
6 Fin de siècle bezeichnet die Zeit von 1890 bis 1914. Der Begriff wurde in Frankreich geprägt, wird aber auch für die allgemeine Befindlichkeit der kulturellen Szene vor dem ersten Weltkrieg verwendet. Diese Befindlichkeit war u.a. von Dekadenz geprägt.
7 Die Beschreibung dieses Frauentypus erinnert stark an Frauenfiguren klassischer Dramen wie „Maria Stuart“ (vor ihrer Exekution), ihre Schwester Elisabeth I., und Elisabeth von Valois aus dem Drama „Don Carlos“. (Schiller)
LindenPrinzessin - 9. Aug, 16:35
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