Man könnte, um die Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten, sich zu einer Definition á la „Ideologie ist falsches Bewußtsein“ hinreißen lassen. Eine solche Aussage jedoch wäre nur zu dem Zeitpunkt gültig, an dem sie entstand, da sich nur ausmachen lässt, „was Ideologie heiße und was Ideologien sind [...] indem man der Bewegung des Begriffs gerecht wird, die zugleich eine der Sache ist“ (Adorno 1956:163) Da ich mir nicht anmaßen möchte, eine Definition von Ideologie zu liefern, werde ich diese von Adorno angesprochene Bewegung zu verdeutlichen versuchen, indem ich auf die Geschichte des Ideologiebegriffes eingehen und verschiedene Positionen und Bedeutungen darstellen werde.
Viele Wissenschaftler haben sich bemüht, Erklärungen für den Ideologiebegriff zu finden, ohne dabei auf die gesellschaftlichen Hintergründe einzugehen oder ihre Definition dementsprechend einzuschränken: „Ideologie zu untersuchen, [...] heißt die Art und Weise zu untersuchen, wie Bedeutung (oder Signifikation) dazu benutzt wird, Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten.“ (Thompson 1984 zit. nach: Eagleton 2000:12). Andere schreiben der Ideologie eine Modernitätsfeindlichkeit zu, die sich „gegen Liberalismus in der Politik, gegen Individualismus im moralischen Leben und gegen die Marktwirtschaft in der Ökonomie richtet.“ (Minogue zit. nach Eagleton 2000:13)
Diese Beschreibnungen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten: Thompson lässt in seiner Beschreibung eine entscheidende Lücke während nach Minogue Anhänger des Sozialismus im Gegensatz zu Anhängern des Kapitalismus ideologisch wären. Doch gerade durch solche „halbfertigen“ Definitionen verschleiern sie den Ideologiebegriff, stattdessen werden ihre eigenen Aussagen ideologisch.
Der Begriff der Ideologie wurde erstmalig von Antoine Louis Claude Destutt de Tracy erwähnt, der ihn als Bezeichnung für die Wissenschaft von den Ideen entwickelte. Nach Destutt de Tracy beruhen alle Wissenschaften auf Ideen (Vorstellungen), weswegen sie durch Ideologie einen völlig neuen Aufbau erhielten (Eagleton 2000:81). In der Charakterisierung der Ideologen als Schwätzer und Träumer durch Napoleon liegt der Ursprung der negativen Konnotation des Ideologiebegriffs, der bis in die heutige Zeit die Wahrnehmung des Begriffes beeinflußt.
Die Wurzeln des Ideologiebegriffes aber reichen noch weiter in die Vergangenheit. Francis Bacon führte den Begriff der Idole für Trugbilder und Vorurteile von Menschen ein. Seine Theorie baut auf Platons Ideenlehre auf, welche konkrete Dinge lediglich als Abbildung von a priori existierenden Ideen ansieht. Nach Bacons Auffassung wird die menschliche Wahrnehmung durch unterschiedliche Idole behindert, so dass die wahrgenommenen Dinge keine objektive Abbildung der entsprechenden Gegenstände seien. Er unterscheidet diese idola in vier Gruppen:
Trugbilder aus überlieferten Lehrsätzen, die ohne kritisches Hinterfragen akzeptiert werden (idola theatri), Trugbilder, die auf Grund des Sprachgebrauchs entstehen (idola fori), Trugbilder, die aus der Beschaffenheit und Lebensumständen des Individuums entstehen, in Anlehnung an Platons Höhlengleichnis auch Trugbilder der Höhle genannt (idola specus), Trugbilder, die in der Natur des Menschen liegen, wie z.B. die Beeinflussung des menschlichen Denkens durch Willen und Affekte (idola tribus). Demnach sind Tradition, Gesellschaft, Individuum und Gattung die Quellen der Idole.
Da die wahre Erkenntnis als von Idolen getrübt wahrgenommen wurde, galt es zunächst, diese zu erkennen, um sie vermeiden zu können. Mit den idola theatri und den idola fori werden erstmals gesellschaftliche Bedingungen des 'falschen Bewusstseins' aufgedeckt. Bacons Forderung nach vorurteilsfreier, auf Erfahrung gegründeter Wissenschaftformuliert wendet sich also gegen die Herrschaft des Anthropomorphismus der traditionellen Philosophie und den blinden Glauben an Autorität (Ritsert 2002).
Mit dem Zerfall der mittelalterlichen Ständegesellschaft und der Auflösung ihrer festen Wert- und Legitimationsstrukturen sowie dem Aufblühen der von Bacon angestoßenen empirischen Wissenschaft in der Renaissance richtete sich allmählich die Aufmerksamkeit auch auf soziale und politische Funktionen von Meinungen und Vorstellungen.
Marx und Engels definieren Ideologie als Wechselbeziehung des Denkens einer bestimmten Klasse einer bestimmten Zeit zu den materiellen Verhältnissen: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. [...] Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.“ (Marx/Engels 1969:46). Die Macht der herrschenden Klasse werde demnach gestützt, indem die Individuen über ihre Lebensverhältnisse getäuscht werden und so ihre politische Kraft gelähmt werde (Kreisky 2007). Doch die bloße Erkenntnis reicht Marx nicht aus, er fordert Taten, um den Zuständen ein Ende zu bereiten: „[Die weltliche Grundlage] selbst muß also erstens in ihrem Widerspruch verstanden und sodann durch Beseitigung des Widerspruchs praktisch revolutioniert werden“ (Marx/Engels 1969:533ff).
Durch diese Ideologiekritik erhält der Ideologiebegriff, der bis dahin als wertneutraler Begriff für die Lehre von Destutt de Tracy verwendet wurde, seine kritisch-negative Bedeutung.
Adorno nähert sich dem Thema mit einer dialektischen Methodik, er beschreibt nicht den status quo der Gesellschaft, sondern fasst sie als Funktion auf, die es zu erkennen gilt. Er faßt Marx' These wie folgt zusammen: „Nicht der Mensch schuf die Institutionen, sondern bestimmte Menschen in bestimmter Konstellation mit der Natur und miteinander: sie drängte ihnen die Institutionen ebenso auf, wie sie sie bewußtlos errichteten.“ (Adorno 62-64:24) Er weist Bacons Ansatz der Idole als „angeborener Verblendung“ zurück, da durch das Zuschreiben eines falschen Bewußtseins konkrete Bedingungen ignoriert und die Verblendung somit als Naturgesetz gerechtfertigt werde. (Adorno 1956:163). Dies ist der Kern von Adornos Ideologiebegriff: Ideologisches Denken führe zu einer Gleichsetzung von Dingen, die eigentlich inkommensurabel sind (Eagleton 2000:148). Die Spannung der Ideologie besteht zwischen dem positiv bewerteten Selbst und dem Nicht-Selbst, welches trotzdem gleichgesetzt wird. Adorno zeichnet ein pessimistisches Bild der Gesellschaft, die durch die Kulturindustrie tief von dem dadurch entstehenden falschen Bewußtsein durchdrungen ist. Durch die „Ideologie der Massenkultur“ sind die Konsumenten ständig mit dem falschen Bewußtsein in Kontakt, welchem sie in Form der „als überhöhenden Verdopplung und Rechtfertigung des ohnehin bestehenden Zustandes, unter Einziehung aller Transzendenz und Kritik“ (Adorno 1956:178) ausgesetzt sind. Die Ideologie ist keine Bedrohung mehr, sondern das „Antlitz der Welt“, welches die Realität ideologisiere.
Eine wirksame Bekämpfung dieser von Adorno dargestellten Ideologie stelle ich mir schwierig vor, da die Ideologiekritik von dem Indoktrinierten verstanden werden muss, um wirksam zu werden. Die Ideologie jedoch zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein in-sich geschlossenes Wertesystem ist, dass sich durch interne Legitimatimierungen selber bedingt und andererseits seine Anhänger gegen Kritik von außen immunisieren. (Hillmann 1994:354)
Literaturverzeichnis
Hillmann, Karl-Heinz (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, 4. Aufl., Kröner, Stuttgart 1994
Institut für Sozialforschung (Hrsg.).: Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1956
Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einführung, Metzler, Stuttgart 2000
daraus:
Thompson, John B., Studies in the Theory of Ideology, Cambridge 1984, S. 4
Minogue, Kenneth: Alien Powers, London 1985, S. 4
Kunzmann u.a. (Hrsg.) dtv-Atlas Philosophie, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996
Ritsert, Jürgen: Ideologie. Theoreme und Ideologeme der Wissenssoziologie, Westfälisches Dampfboot, Münster, 2002
Internetquellen:
Möller, Peter: www.philolex.de/baconfr.htm in der Fassung vom 12.2.2007
University of Stanford (Hrsg.):
http://plato.stanford.edu/entries/plato-metaphysics in der Fassung vom 17.2.2007
Kreisky, Eva:
http://evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_ideologie_ideologiekritik.php in der Fassung vom 15.2.2007
http://userpage.fu-berlin.de/~mmei/Ideologie.ppt in der Fassung vom 15.2.2007
Merkens, Andreas: Ideologiekritik, Dekonstruktion und Wahrheit:
http://www.glasnost.de/phil/ideologiekritik.html 2006, in der Fassung vom 15.2.2007
Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit, 1962-1964
http://www.kritiknetz.de/Jargon_der_Eigentlichkeit.pdf in der Fassung vom 19.2.2007
Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Werke, Bd. 3, Dietz, Berlin 1969, nach:
http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_009.htm in der Fassung vom 15.2.2007