Dienstag, 20. Oktober 2009

Frau L.

Wir trafen uns an einem sonnigen Februartag bei Ihnen zuhause. Ich bekam einen Schreck, weil Sie mich im Bademantel empfingen, Ihre Haut war verbrannt von der Bestrahlung, Sie trugen eine Art Kopftuch, weil Ihnen die Haare wegen der Chemotherapie schon ausgefallen waren. Sie sagten mir, dass Sie diesen Sommer nicht mehr erleben würden. Ich versuchte Ihnen Hoffnung zu machen, sagte, dass ich sicher sei, dass Sie dieses Jahr noch einmal einen richtig schönen Sommertag genießen könnten.
Es war der erste sonnige Tag in diesem Jahr, ich fühlte mich gut, doch das wurde in dieser Situation schlagartig anders. Es war so paradox, wie draußen das Leben erwachte während wir in Ihrem Wohnzimmer über Ihren Tod sprachen.
Ihnen war klar, dass es bald zu Ende gehen würde, doch Sie beklagten sich nicht. Ich war sprach- und fassungslos.
Ihre beiden jungen Katzen tobten in der Wohnung herum, Sie sagten mir, dass sie immer für Sie da wären und sich eine Freundin um die beiden kümmern werde, wenn Sie ins Hospiz gehen. Sie sagten mir, dass Sie nach Ihrem Tod verbrannt werden möchten und dass die Leute mit Ihrer Asche die Blumen düngen sollten. Sie wollten niemandem zur Last fallen und sagten, dass Ihre Bestattung so einfach wie möglich sein sollte.
Ich hätte Sie gerne bei der Verabschiedung in den Arm genommen, tat es aber nicht, weil ich wie gelähmt war. Ich wünschte Ihnen alles Gute und kam mir schäbig dabei vor, weil ich genau wusste, dass wir beide wussten, dass es für Sie in diesem Leben nichts Gutes mehr für Sie geben wird.

Als ich drei Tage später versuchte, bei Ihnen anzurufen, war der Telefonanschluss schon abgemeldet. Eine Woche später kam die Nachricht aus dem Hospiz, dass Sie gestorben sind.

Ich bewundere Sie für Ihren Mut und die Tapferkeit.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Hotelzimmerparty

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Letztens war ich zufälligerweise in einem großartigen Hotel in Berlin, dessen Name mir leider schon wieder entfallen ist. Der erste Blick im Zimmer galt, wie immer, der Speisekarte des Roomservice und der Minibar. 0,2 Liter Milch sollten 8,50 Euro kosten, die Piccolo-Flasche Champagner, die in dreifacher Ausführung in der Minibar vorhanden war, wurde mit 58 Euro aufgerufen. Da ich von den Preisen gelangweilt war, entschied ich mich für eine Flasche Chardonnay to go für 8,50 Euro aus einem nahegelegenen Restaurant, danach rief ich den Badebutler und genoss den Chardonnay und eine feine Zigarre in der Badewanne.

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Am nächsten Morgen ging ich vor meinem Termin als erstes in die Sauna (an den Öffnungszeiten der Sauna lässt sich ein wirklich gutes Hotel erkennen; 6.30 Uhr scheint mir eine geeignete Zeit zu sein) um den Chardonnay wieder auszuschwitzen. Da ich einschlief, kam ich eine Stunde zu spät zu meiner Konferenz, was mir aber relativ egal war.

Dort lud ich mir zwei Menschen zu der für den Abend geplanten Party in meinem Hotelzimmer ein; die Leute waren mir zu 50 % sympathisch, so dass ich mir die Option offenhielt, sie entweder als Gäste oder als Unterhaltungsprogramm aka Zootiere einzuladen. Nachdem einer erzählte, dass er Bushido in einem Club getroffen hätte und danach eine Diskussion über Rückenbehaarung anfangen wollte, wurde mir klar, dass es auf Letzteres hinauslaufen würde.

Am Abend bat ich den Concierge, mir zwölf Whiskygläser, einen zweiten Aschenbecher und einen Zigarrenschneider aufs Zimmer bringen zu lassen. Etwas später stand ein Servierwagen mit meiner Bestellung in meinem Wohnzimmer. Sogar an eine Blume hatte man gedacht, was mich in Anbetracht der Tatsache, wie das Zimmer ein paar Stunden später aussehen sollte, positiv beeindruckte.

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Ab 21.00 Uhr begann mein Telefon zu klingeln: Der Concierge meldete die Gäste an und ließ sie zu mir in den fünften Stock begleiten.

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Die beiden morgens eingeladenen Gäste bestätigten meine Vorurteile und meinten, dass Deutschland mal wieder einen Führer brauche, nachdem ich mit dem Stichwort "Goebbels" die Gretchenfrage stellte.

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Am nächsten Morgen ließen wir uns den Wagen meines Ehrengastes aus Hamburg aus der Tiefgarage vorfahren und ich begab mich aus der Parallelwelt hinter den geschichtsträchtigen Mauern des Hotels in das wirkliche Leben zurück.

Gegen den Zustand des Zimmers war Dresden 1945 der reinste Kindergeburtstag, aber als ich ein paar Stunden später zurückkehrte, sah alles wieder so aus wie vorher. Ich war zutiefst verstört von dem Gedanken, dass das Personal solche Exzesse anscheinend gewohnt und darauf vorbereitet war und fragte den Concierge, wieviele Menschen wohl bei meiner Party waren.

Er schaute mich an, zog eine Augenbraue hoch und fragte "Welche Party, mein Herr?", woraufhin ich ihn anlächelte und ihm ein kleines Trinkgeld zusteckte.
Später sprach ich mit dem Direktor, der mir anbot, für meinen nächsten Aufenthalt zu vermerken, dass mir gleich bei der Ankunft ein Audiokabel, mit dem ich mein Notebook an die Stereoanlage anschließen kann, aufs Zimmer gebracht werden würde.

Sonntag, 27. September 2009

Eine Leserin weniger für das Limmerstraßenblog

Es war ja abzusehen. Aber trotzdem wollte es niemand wahrhaben. Die Ärzte gaben ihr noch 18 Monate. Ich überlegte, eine Sterbegeldversicherung (ohne Gesundheitsprüfung selbstverständlich) über 12.500 Euro für sie abzuschließen, brachte es aber nicht übers Herz, weil ich bis zuletzt hoffte, dass sie wieder gesund würde. Drei Wochen vor ihrem Tod füllte ich den Antrag aus. Und zerriss ihn einen Tag danach wieder. Trotzdem: aus 18 sind fast 24 Monate geworden.

Einige Monate vor ihrem Tod sprach sie mich an und zeigte sich entrüstet über meine Lampenölerfahrungen, die Blut-und-Sperma-Geschichte und einige weitere alltägliche Begebenheiten aus der Limmerstraße. Wobei sie auch einiges missverstanden hat.
Ich weiß bis heute nicht, wie sie von meinem Blog erfuhr, ihr Interesse war mir suspekt, ich fühlte mich irgendwie ausspioniert, so dass ich sofort den Zugriff auf diese Seite in ihrem Browser sperrte. Was mir natürlich sofort einen bissigen Kommentar von ihrer Seite einbrachte. Trotzdem versprach ich ihr, dass ich in Zukunft auf Lampenöl verzichten und versuchen werde, regelmäßig zu essen.

Auch wenn es mir damals noch nicht klar war: Meine Mutter war die wichtigste Leserin dieses Weblogs.

Montag, 7. September 2009

Über ästhetischen Vegetarismus und Catering-Nazis bei TUIfly

In der achten oder neunten Klasse las mein großartiger Kunstlehrer aus einem Buch von Roald Dahl vor.

Es ging um einen Jungen, der vegetarisch erzogen wurde und, nachdem er erwachsen geworden ist, in die große Stadt ging, um ein Schnitzel zu probieren. Da ihm das Schnitzel so gut schmeckte, entschließt er sich, herauszufinden, wie so etwas gemacht wird und besichtigt einen Schlachthof. Die Geschichte endet damit, dass man ihn an einem Haken aufhängt und ihn schlachtet. Weil alle Schnitzel nämlich aus Leuten gemacht werden, die sich ein Schlachthaus mal von innen anschauen wollen.

Zu sagen, dass mich diese Geschichte zum Vegetarier gemacht hätte, wäre vermessen und oberflächlich. Denn eigentlich war ich schon immer ein schwieriges Kind, was das Essen anbetraf. Wenn meine Mutter sonntags einen Braten machte, spürte ich passend zur Ausbreitung des Geruchs den Brechreiz in mir aufsteigen.

Doch danach dachte ich gründlich über meine Essgewohnheiten nach und kam zu dem Schluss, dass 99,9% aller Fleischprodukte mir eigentlich nicht schmecken und daher für mich überflüssig sind. Deswegen bin ich ästhetischer Vegetarier. Trotz der vielbeschworenen Solidarität unter den Vegetariern mag ich keine ideologischen Vegetarier. Weil ich keine Ideologie mag. Und auch keine Vegetarier.

Ausnahmen sind die 0,1% der fleischhaltigen Gerichte, die mir schmecken, wie z.B. Sushi mit Ente (großartige Erfindung; bei Steffen Henssler probiert); Scampi im Speckmantel (noch besser: mit Serranoschinken) oder Gänseleberpastete. Ja, ich weiß, dass die Tiere gelitten haben. Aber dafür genieße ich es bewusst, denn wenn mir etwas schonmal schmeckt, dann darf es ruhig auch gelitten haben. Aber nicht umgekehrt.
Ausserdem bin ich gegen jede Form von Verschwendung von Essen. Denn dann wäre der Tod von Tieren nämlich sinnlos. Und damit habe ich ein Problem.

Wenn ich mit dem Flugzeug unterwegs bin, gebe ich bei der Reservierung (zumindest da wo es Sinn macht) an, dass ich vegetarisches Essen wünsche. Letzte Woche war ich bei Herrn GP auf Mallorca zu Besuch und musste auf eine Fluggesellschaft ausweichen, die frühmorgens betrunkene Saufproleten toleriert, die nach der Landung in PMI "Hä? Das ist ja garnicht Sylt. Verdammt!" grölen.
Auf der Homepage fand sich bloß eine Auswahlmöglichkeit für kostenpflichtige Zusatzmenüs. Da aber meistens die obligatorische Frage "Schinken oder Käse" gestellt wird, machte ich mir keine weiteren Gedanken darüber.
Und wurde auf dem Rückflug enttäuscht, als nämlich nur ein einziges Gericht, Frikadellen mit Reis, angeboten wurde und die Stewardess auf meine Frage nach einer vegetarischen Alternative schulterzuckend antwortete, dass am Rande der Frikadellen ja Reis läge, den ich essen könne.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte hier weder Hummer auf Charterflügen verlangen noch war ich Mitglied bei der Naturgesetzpartei. Und ja, ich weiß auch, dass der Flug weniger als das Monatsbudget eines Hartz-IV-Empfängers gekostet hat.

Aber:
1) Zeugt es nicht von Menschenverachtung, davon auszugehen, dass 189 Menschen an Bord einer Boeing 737-800 den gleichen Geschmack haben (sollen)? Oder soll mit goebbels'scher Gründlichkeit eine Geschmacks-Gleichschaltung betrieben werden? (Bitte verzeihen Sie die Alliteration; sie war nicht beabsichtigt)
2) Könnte man nicht eine signifikant höhere Kundenzufriedenheit erreichen, wenn man zumindest eine Essensalternative anbietet? Es geht ja eigentlich gar nicht ums Essen sondern vielmehr um die Alternative und die scheinbar freie Wahl, die dem Kunden damit suggeriert wird.

Meine Kritikpunkte bezüglich der Verschwendung von Essen kann sich der geneigte Leser sicherlich selbst konstruieren. Wirklich: Essen ist einfach viel zu wichtig, als dass man es so verkommen lassen und riskieren sollte, dass es unprobiert entsorgt wird.

PS: Die Verwendung der Begriffe "Nazi", "Gleichschaltung" etc. ist in diesem Kontext zu verstehen und soll die Radikalität der Verachtung von Menschen und Essenskultur, die mir aufgefallen ist, unterstreichen.

Montag, 31. August 2009

Sachen, die man mal gemacht haben sollte: Eine Martin-Walser-Lesung stürmen

Zu der Zeit, als ich in meine erste WG in einem stadtbekannten Punkerviertel gezogen bin, war es schrecklich angesagt, gegen irgendetwas zu protestieren. Ich weiß nicht genau, wie genau wir hingekommen sind, doch fand ich mich irgendwann in einem versifften Raum am Schneiderberg wieder, wo gerade Einzelheiten über die Stürmung der bevorstehenden Martin-Walser-Lesung besprochen wurden. Der Plan war, die Plakate in der Nähe des Veranstaltungsortes mit einem anderen Termin überzuplakatieren, um die potentiellen Besucher von der Lesung fernzuhalten. An der U-Bahn-Station sollten weitere Mitglieder der Gruppe postiert werden, die verbreiten sollten, dass die Lesung auf nächsten Januar verschoben worden sei. Die Leute, die sich davon nicht vom Besuch der Lesung abhalten haben lassen sollten, würden direkt vom Protest erfahren, weil sie miterleben würden, wie die Gruppe die Bühne stürmt und von dort aus Flugis (ProtestlerInnen- und Protestlerinnensprache für Flugblätter) verteilen.

Natürlich war es aufregend, die Bühne zu stürmen, wo die Leute dann versucht haben, ihr Flugblatt zu verteilen und eine Erklärung zu verlesen. Das dabei ein Glas zu Boden fiel und zerbrach, verstärkte den revolutionären Charakter noch mehr. Nachteilig war allerdings die enorme Textmenge, die es notwendig machte, das Blatt doppelseitig und in Schriftgröße 9 zu bedrucken. Auch die vielen Binnen-Is verbesserten nicht unbedingt die Lesbarkeit. Aber das Plenum schien es so beschlossen zu haben, und deswegen sollte auch alles vorgelesen werden.
Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wofür, oder wogegen ich protestierte. Und genauso schien es den anderen auch zu ergehen, besonders demjenigen, der versuchte, das Flugblatt zu verlesen. Es schien irgendwas mit Nazis zu tun zu haben, wie ich am Rande mitbekam. Aber der Text war so kopflastig und kompliziert geschrieben, dass kein Interesse im Publikum bestand, ihn bis zum Ende zu hören.

Der einzige Grund, warum ich dort mitgemacht habe, war das Mädchen, dass die Sache mitorganisiert hat.

Montag, 24. August 2009

Schützenfest

"Schnell sein, dabei sein, Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne..."

Eigentlich fing dieser sommerliche Tag wunderbar an: Sonnenschein, schöne Menschen auf der Limmerstr., eine gute Flasche Chardonnay nach Feierabend und die großartige Perspektive mit der Linden-Sekte in den menschlichen Zoo aka Proleten Schützenfest zu gehen.

Kurz nachdem uns das Taxi auf den Festplatz der Landeshauptstadt ausgespuckt hat wußte ich, warum ich mir dieses Programm nur einmal im Jahr antue. Soweit das Auge reicht sah ich nur schlechtaussehende, schlechtgekleidete Menschen, jugendliche Intensivtäter, Komasaufkinder und schnurrbarttragende Losverkäufer mit Kurzarmhemden, welche zu grottoider Musik den Schützenfestbesuchern für einen überteuerten Preis riesige Sponge-Bobs oder andere wahrscheinlich in Kinderarbeit gefertigten "Hauptgewinne" verkauften.
Am schlimmsten allerdings empfand ich das geballte Auftreten von adipösen Menschen, meistens in Begleitung von hochkalorischen Speisen, allerdings in Kombination mit einer Cola light, wahrscheinlich, weil man mal auf RTL2 eine Reportage gesehen hat und seitdem auf seine "schlanke Linie" zu achten versucht.

Obwohl ich sonst kein Freund staatlicher Reglementierungen bin, finde ich, dass man dieses geballte Zentrum optischer und akkustischer Umweltverschmutzung einzäunen und als Zutrittskriterium eine gewisse geistige Reife verlangen sollte.

Irgendwann im Laufe des Abends wurde noch Arnold Gehlens Theorie des Mängelwesens zitiert: Der Mensch sei von Natur aus mangelhaft an seine Umwelt angepasst, doch besitze er durch seine "Weltoffenheit" die Möglichkeit, selbige an seine Bedürfnisse anzupassen.
Was ja nichts anderes als die Geburt der Kultur ist. In Anbetracht des kulturellen Defizits auf dem Schützenfest fielen zu diesem Thema noch die Worte "menschliche Müllhalde", was, so schlimm, wie es sich auch anhört, leider empirisch bewiesen werden konnte.

Nachdem wir mit dem eigentlichen Grund unseres Besuches begonnen haben, dem Trinken von Lüttjen Lagen, vergaß ich schnell die visuelle und akustische Umweltverschmutzung um mich herum.
Pünktlich um 23.00 gingen überall die Lichter aus. War ja schließlich Familientag. Plötzlich sahen wir uns mit einer pöbelnden Bierstandbesitzerin konfrontiert, die sich darüber echauffierte, dass unsere spanischen Gäste mitgebrachtes Bier tranken. Unabhängig davon, dass wir ihre einzigen (zahlenden) Gäste an diesem Abend waren, die sicherlich 60 Euro in Lüttje Lagen investiert haben, hielt sie uns vor, dass das eine Frechheit sei und forderte uns auf, "Eure Flaschen mitzunehmen". Mein höfliches, deeskalierendes Angebot, dass "Sie den Pfandwert behalten dürfen" schien sie nicht mehr wahrgenommen zu haben.

Samstag, 22. August 2009

Was bedeutet Ideologie? (2007)

Man könnte, um die Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten, sich zu einer Definition á la „Ideologie ist falsches Bewußtsein“ hinreißen lassen. Eine solche Aussage jedoch wäre nur zu dem Zeitpunkt gültig, an dem sie entstand, da sich nur ausmachen lässt, „was Ideologie heiße und was Ideologien sind [...] indem man der Bewegung des Begriffs gerecht wird, die zugleich eine der Sache ist“ (Adorno 1956:163) Da ich mir nicht anmaßen möchte, eine Definition von Ideologie zu liefern, werde ich diese von Adorno angesprochene Bewegung zu verdeutlichen versuchen, indem ich auf die Geschichte des Ideologiebegriffes eingehen und verschiedene Positionen und Bedeutungen darstellen werde.

Viele Wissenschaftler haben sich bemüht, Erklärungen für den Ideologiebegriff zu finden, ohne dabei auf die gesellschaftlichen Hintergründe einzugehen oder ihre Definition dementsprechend einzuschränken: „Ideologie zu untersuchen, [...] heißt die Art und Weise zu untersuchen, wie Bedeutung (oder Signifikation) dazu benutzt wird, Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten.“ (Thompson 1984 zit. nach: Eagleton 2000:12). Andere schreiben der Ideologie eine Modernitätsfeindlichkeit zu, die sich „gegen Liberalismus in der Politik, gegen Individualismus im moralischen Leben und gegen die Marktwirtschaft in der Ökonomie richtet.“ (Minogue zit. nach Eagleton 2000:13)

Diese Beschreibnungen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten: Thompson lässt in seiner Beschreibung eine entscheidende Lücke während nach Minogue Anhänger des Sozialismus im Gegensatz zu Anhängern des Kapitalismus ideologisch wären. Doch gerade durch solche „halbfertigen“ Definitionen verschleiern sie den Ideologiebegriff, stattdessen werden ihre eigenen Aussagen ideologisch.

Der Begriff der Ideologie wurde erstmalig von Antoine Louis Claude Destutt de Tracy erwähnt, der ihn als Bezeichnung für die Wissenschaft von den Ideen entwickelte. Nach Destutt de Tracy beruhen alle Wissenschaften auf Ideen (Vorstellungen), weswegen sie durch Ideologie einen völlig neuen Aufbau erhielten (Eagleton 2000:81). In der Charakterisierung der Ideologen als Schwätzer und Träumer durch Napoleon liegt der Ursprung der negativen Konnotation des Ideologiebegriffs, der bis in die heutige Zeit die Wahrnehmung des Begriffes beeinflußt.

Die Wurzeln des Ideologiebegriffes aber reichen noch weiter in die Vergangenheit. Francis Bacon führte den Begriff der Idole für Trugbilder und Vorurteile von Menschen ein. Seine Theorie baut auf Platons Ideenlehre auf, welche konkrete Dinge lediglich als Abbildung von a priori existierenden Ideen ansieht. Nach Bacons Auffassung wird die menschliche Wahrnehmung durch unterschiedliche Idole behindert, so dass die wahrgenommenen Dinge keine objektive Abbildung der entsprechenden Gegenstände seien. Er unterscheidet diese idola in vier Gruppen:

Trugbilder aus überlieferten Lehrsätzen, die ohne kritisches Hinterfragen akzeptiert werden (idola theatri), Trugbilder, die auf Grund des Sprachgebrauchs entstehen (idola fori), Trugbilder, die aus der Beschaffenheit und Lebensumständen des Individuums entstehen, in Anlehnung an Platons Höhlengleichnis auch Trugbilder der Höhle genannt (idola specus), Trugbilder, die in der Natur des Menschen liegen, wie z.B. die Beeinflussung des menschlichen Denkens durch Willen und Affekte (idola tribus). Demnach sind Tradition, Gesellschaft, Individuum und Gattung die Quellen der Idole.


Da die wahre Erkenntnis als von Idolen getrübt wahrgenommen wurde, galt es zunächst, diese zu erkennen, um sie vermeiden zu können. Mit den idola theatri und den idola fori werden erstmals gesellschaftliche Bedingungen des 'falschen Bewusstseins' aufgedeckt. Bacons Forderung nach vorurteilsfreier, auf Erfahrung gegründeter Wissenschaftformuliert wendet sich also gegen die Herrschaft des Anthropomorphismus der traditionellen Philosophie und den blinden Glauben an Autorität (Ritsert 2002).
Mit dem Zerfall der mittelalterlichen Ständegesellschaft und der Auflösung ihrer festen Wert- und Legitimationsstrukturen sowie dem Aufblühen der von Bacon angestoßenen empirischen Wissenschaft in der Renaissance richtete sich allmählich die Aufmerksamkeit auch auf soziale und politische Funktionen von Meinungen und Vorstellungen.

Marx und Engels definieren Ideologie als Wechselbeziehung des Denkens einer bestimmten Klasse einer bestimmten Zeit zu den materiellen Verhältnissen: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. [...] Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.“ (Marx/Engels 1969:46). Die Macht der herrschenden Klasse werde demnach gestützt, indem die Individuen über ihre Lebensverhältnisse getäuscht werden und so ihre politische Kraft gelähmt werde (Kreisky 2007). Doch die bloße Erkenntnis reicht Marx nicht aus, er fordert Taten, um den Zuständen ein Ende zu bereiten: „[Die weltliche Grundlage] selbst muß also erstens in ihrem Widerspruch verstanden und sodann durch Beseitigung des Widerspruchs praktisch revolutioniert werden“ (Marx/Engels 1969:533ff).
Durch diese Ideologiekritik erhält der Ideologiebegriff, der bis dahin als wertneutraler Begriff für die Lehre von Destutt de Tracy verwendet wurde, seine kritisch-negative Bedeutung.

Adorno nähert sich dem Thema mit einer dialektischen Methodik, er beschreibt nicht den status quo der Gesellschaft, sondern fasst sie als Funktion auf, die es zu erkennen gilt. Er faßt Marx' These wie folgt zusammen: „Nicht der Mensch schuf die Institutionen, sondern bestimmte Menschen in bestimmter Konstellation mit der Natur und miteinander: sie drängte ihnen die Institutionen ebenso auf, wie sie sie bewußtlos errichteten.“ (Adorno 62-64:24) Er weist Bacons Ansatz der Idole als „angeborener Verblendung“ zurück, da durch das Zuschreiben eines falschen Bewußtseins konkrete Bedingungen ignoriert und die Verblendung somit als Naturgesetz gerechtfertigt werde. (Adorno 1956:163). Dies ist der Kern von Adornos Ideologiebegriff: Ideologisches Denken führe zu einer Gleichsetzung von Dingen, die eigentlich inkommensurabel sind (Eagleton 2000:148). Die Spannung der Ideologie besteht zwischen dem positiv bewerteten Selbst und dem Nicht-Selbst, welches trotzdem gleichgesetzt wird. Adorno zeichnet ein pessimistisches Bild der Gesellschaft, die durch die Kulturindustrie tief von dem dadurch entstehenden falschen Bewußtsein durchdrungen ist. Durch die „Ideologie der Massenkultur“ sind die Konsumenten ständig mit dem falschen Bewußtsein in Kontakt, welchem sie in Form der „als überhöhenden Verdopplung und Rechtfertigung des ohnehin bestehenden Zustandes, unter Einziehung aller Transzendenz und Kritik“ (Adorno 1956:178) ausgesetzt sind. Die Ideologie ist keine Bedrohung mehr, sondern das „Antlitz der Welt“, welches die Realität ideologisiere.

Eine wirksame Bekämpfung dieser von Adorno dargestellten Ideologie stelle ich mir schwierig vor, da die Ideologiekritik von dem Indoktrinierten verstanden werden muss, um wirksam zu werden. Die Ideologie jedoch zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein in-sich geschlossenes Wertesystem ist, dass sich durch interne Legitimatimierungen selber bedingt und andererseits seine Anhänger gegen Kritik von außen immunisieren. (Hillmann 1994:354)



Literaturverzeichnis

Hillmann, Karl-Heinz (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, 4. Aufl., Kröner, Stuttgart 1994
Institut für Sozialforschung (Hrsg.).: Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1956
Eagleton, Terry: Ideologie. Eine Einführung, Metzler, Stuttgart 2000
daraus:
Thompson, John B., Studies in the Theory of Ideology, Cambridge 1984, S. 4
Minogue, Kenneth: Alien Powers, London 1985, S. 4
Kunzmann u.a. (Hrsg.) dtv-Atlas Philosophie, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996
Ritsert, Jürgen: Ideologie. Theoreme und Ideologeme der Wissenssoziologie, Westfälisches Dampfboot, Münster, 2002

Internetquellen:

Möller, Peter: www.philolex.de/baconfr.htm in der Fassung vom 12.2.2007
University of Stanford (Hrsg.): http://plato.stanford.edu/entries/plato-metaphysics in der Fassung vom 17.2.2007
Kreisky, Eva: http://evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_ideologie_ideologiekritik.php in der Fassung vom 15.2.2007
http://userpage.fu-berlin.de/~mmei/Ideologie.ppt in der Fassung vom 15.2.2007
Merkens, Andreas: Ideologiekritik, Dekonstruktion und Wahrheit: http://www.glasnost.de/phil/ideologiekritik.html 2006, in der Fassung vom 15.2.2007
Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit, 1962-1964 http://www.kritiknetz.de/Jargon_der_Eigentlichkeit.pdf in der Fassung vom 19.2.2007
Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Werke, Bd. 3, Dietz, Berlin 1969, nach: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_009.htm in der Fassung vom 15.2.2007

Mittwoch, 19. August 2009

Sachen, die man mal gemacht haben sollte: In der eigenen Stadt im Hotel übernachten

Nachdem ich trotz mittelschwerer Krankheit jeden Abend privatpartyesken Zügen annehmendem Krach aus dem Nachbarzimmer ausgesetzt war, befand ich mich trotzdem irgendwann wieder auf dem Wege der Besserung. Allerdings hatte ich keine Lust, mein Zimmer, dass genau so aussah, wie man es sich nach einer Krankheit vorstellt, aufzuräumen. Als dann wieder ein Schwall von Krach, vermutlich ausgelöst durch einen schlechten Witz und quittiert mit dem lauten Scheppern herunterfallender Bierflaschen, durch die viel zu dünne Wand zu mir herüberdrang, war mir klar, dass ich Ruhe brauchte. Und keine Lust hatte, mich aufzuregen. Sondern viel lieber eine liebe Person empfangen würde, allerdings nicht in diesem unaufgeräumten, lauten und chaotischen Rahmen.
Spontan kam mir die Idee, ein Hotelzimmer zu buchen. Allerdings hatte ich keine Lust, die Stadt zu verlassen, so dass ich kurzerhand über das Internet ein Zimmer buchte, dass nicht mal drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Trotzdem war es eine komplett andere Welt: Statt des Ausblicks auf die trinkenden und herumpöbelnden Leute auf der Limmerstraße gab es den Ausblick auf trinkende und herumpöbelnde Leute auf dem Maschseefest, was gerade in vollem Gange war.
Aber: es gab schallisolierte Fenster und auch den direkten Blick auf den See, Sushi an einer ruhigen Stelle am Ufer, einen Eiswürfelspender auf der Etage (schon als Kind habe ich Eiswürfelspender bei Hotelaufenthalten geliebt), Flure, die nach dieser unnachahmlichen Mischung aus US-amerikanischen Putzmitteln und kühler Klimaanlagenluft riechen und in ihrem 1990er-Laura-Ashley-Stil wahrscheinlich in jedem Hotel dieser Kette auf der ganzen Welt gleich aussehen, einen Fernseher direkt am überdimensionierten Bett (normalerweise schaue ich kein TV, weil mir meine Zeit im Alltag zu wertvoll dafür ist, aber wenn ich genug Zeit habe, liebe ich es, mit 3-4 Zeitungen und nebenbei laufenden Unterschichtenfernsehen oder Panzerdokus auf N24 im Bett zu liegen) und alle Zeit der Welt, diese Parallelwelt, die sich nur 3 Kilometer von meinem sonstigen Lebensmittelpunkt befindet, auszukosten.
Nach dem Einchecken bin ich zum Gast in meiner eigenen Stadt geworden, denn normalerweise wäre mir das Viertel um den Maschsee viel zu langweilig und das Maschseefest zu sehr verseucht mit unkultivierten und gleichzeitig langweiligen Menschen. Aber an diesem Tag war es genau das richtige, ein Kurzurlaub in einem anderen Stadtteil; ich beobachtete die Menschen wie ein Aussenstehender, sog alles in mich auf und fühlte mich ein bisschen wie auf einer Safari, die ohne Kamera auskommt.

Das Frühstück am nächsten Tag führte mir diese kultivierte Unkultiviertheit des sich im Hotel aufhaltenden Maschseefestpublikums nochmals vor Augen. Es deprimiert mich jedesmal wieder, wenn ich Menschen in betont lässiger Freizeit-"Kleidung" beim Abgrasen des Frühstücksbuffets mitansehen muss. Fast schon wollte ich mich aus Mitleid mit ihnen meines tadellos sitzenden Sakkos schämen. Noch schlimmer als der Anblick: Rentner aus Osterholz-Scharmbeck, die sich darüber unterhalten, dass sie die SPD wählen wollen.
Als die Servicekraft beim Auschecken registrierte, dass ich eine Adresse in der gleichen Stadt angegeben hatte, glaubte ich zu spüren, wie sie mich musterte. Natürlich tat sie das nicht, denn im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche Arbeitenden genoß sie anscheinend eine ganz passable Ausbildung, doch wusste ich, dass sie spätestens nachdem sie mir am vorherigen Abend einen Kühler für den Champagner besorgte, dachte, ich sei einer von den Männern, die mit ihrer Geliebten ins Hotel gehen, welches nur ein paar Blocks von der eigenen Wohnung entfernt ist. (Das finde ich aber respektlos, vor allem der Geliebten gegenüber. So viel Zeit sollte schon sein, ein vernünftiges Hotel in einem anderen Ort auszuwählen). Ich überlegte kurz, ob ich sie deswegen auch respektlos finden sollte, habe sie aber dann in dem Glauben gelassen, und bat sie, als Name des Gastes Mrs. Laura Baker (Name geändert) in die Abrechnung einzutragen.

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