Freitag, 12. Juni 2009

"Das Internet wird überbewertet...

...zumindest, wenn es ums produktive Arbeiten geht und/oder man ausnahmsweise nicht Wikipedia als Quelle benutzen darf.", entgegne ich dem Menschen, der mich, bei Chardonnay in einem Straßencafé sitzend in meinem Schreibfluss unterbricht, indem er mich fragt, ob es hier einen Hotspot gäbe. Seine Frage empfinde ich als vollkommen in Ordnung, da er ein sympathischer Mensch ist.
Nicht so, wie die Gruppe von Frauen, die sich zu meiner Linken niedergelassen hat und allein durch ihre Anwesenheit schon stört. Das Alpha-Mädchen ist eine Bussi-Tussi-Lehramtsstudentin, welche schon zu Beginn den gesamten Aussenbereich mit ihren Ausführungen über den Jacobsweg beschallt und dabei stolz ihre Jacobsmuschel zeigt. In einem Anflug von Naivität bekomme ich Hunger bei der Erwähnung des Wortes, welches für mich eher mit gutem Essen zu tun hat. Jenes in dem Lokal zu erwarten, in dem ich mich befand erschien mir noch vermessener, nachdem mir die überforderte Servicekraft zunächst einen Chianti anstelle des von mir bevorzugten Chardonnay brachte. Ich kann mich mit einem mittelmäßigen Salat von meiner Arbeit und von den ätzenden Persönlichkeiten am Nebentisch ablenken.
Meine imaginäre Tagcloud zeigt das Wort "Seele" am größten an: Es sind bisher noch keine fünf Minuten vergangen und schon wünsche ich mir eine Chromaxt herbei, um nachschauen zu können, ob dieses Wesen wirklich eine solche besitzt oder ob sie nicht vielleicht doch in ihrem Kopf eine sämige Masse aus Schlachtabfällen aromatisiert mit einem Chanel-Imitat aus dem letzten Türkeiurlaub trägt.
Aber es ist nicht nur ihre penetrante Stimme, welche die meisten spanischaffinen Mädchen haben, und die bei jedem normalen Menschen spätestens nach 10 Minuten Mordfantasien aufkommen lassen, die mich stört. Dass die grottoiden, in Spanien erworbenen Sprachkenntnisse ausgebreitet werden, um den ohnehin schon stauenenden Freundinnen zu imponieren, ist mehr ein Nebeneffekt, der die Situation zwar logischer, aber nicht einfacher für mich macht.
"Hallo Stefan, ich bin wieder back in town, ich hoffe, dir und deiner Freundin geht es gut und sie hat ihre Therapie erfolgreich abgeschlossen. Würde mich freuen, wenn du noch vorbeikommen würdest.", quakt sie plötzlich in ihr Mobiltelefon, was von den zu beeindruckenden Freundinnen mit "Sie hat Therapie gemacht? Kraass!" kommentiert wird. "Aha, sie sucht sich auch noch intellektuell unterlegene Freundinnen zum Angeben aus.", schießt es mir durch den Kopf, bevor die wahrscheinlich schon im Kindergarten an ADHS erkrankte Wortführerin selbiges wieder an sich reißt.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Paris in den 1960er Jahren

Frisch aus dem Seminar, dementsprechend auch noch mit einzelnen Fehlern behaftet, für deren Korrektur mir die Zeit fehlt.
Die Namen der Verfasser gibt es auf Anfrage.

1 Die 1968er Bewegung in Frankreich, eine soziale Bewegung als Forschungsgegenstand

1.1 1968er- oder Mai-Bewegung als Soziale Bewegung

Die 68er Bewegung kann soziologisch mit dem Begriff soziale Bewegung gefasst werden. Eine soziale Bewegung kann als ein „Prozess des Protestes gegen bestehende soziale Verhältnisse, bewusst getragen von einer an Mitgliedern wachsenden Gruppierung, die nicht formal organisiert zu sein braucht“ definiert werden. „Dieser Protest richtet sich nicht direkt gegen die Ursachen der Missstände; er ist vielmehr auf Ebenen umgelenkt, die in den Gesellschaften als dominant angesehen werden“ (Fuchs-Heinritz 2007: 93)

Nach Ingrid Gilcher-Holtey sind soziale Bewegung „ein fluides historische Phänomen sui generis (...) Soziale Bewegungen werden durch einen 'Prozess des Protestes' charakterisiert und von Individuen oder Gruppen getragen; welche, die bestehende Sozial- und Herrrschaftsstruktur negierend, gesamtgesellschaftliche Veränderungen erstreben und dafür Unterstützung mobilisieren. Um diese herbeizuführen, sind sie gezwungen, zu agieren und sich aus der Aktion zu formieren. Eine soziale Bewegung muss, so die Bedingung ihrer Existenz, in Bewegung bleiben. Stillstand bedeutet das Ende der Bewegung“ (Ingrid Gilcher-Holtey: 16). Sie lässt sich zum einen von spontanen sozialen Massenhandlungen wie Aufruhr, Krawall, Revolte und zum anderen von organisierten politischen Gruppenhandlungen wie in Parteien und Interessenverbänden abgrenzen. Demobilisierungsprozesse stellen einen wesentliches Merkmal da, weil die gesetzten Ziele längerfristig nicht aus der sozialen Bewegung heraus realisiert werden können. Soziale Bewegungen zerfallen dann in Sekten und Subkulturen oder wandeln ihre Organisationsstrukturen in Partei- oder Verbandsstrukturen oder in nachfolgende soziale Bewegungen, die bestimmte Bestandteile der alten aufnehmen, um.
Die 1968er Bewegung in Frankreich, die Mai-Bewegung, lässt sich als soziale Bewegung charakterisieren, die jedoch in der französischen Soziologie facettenreich interpretiert wird. Sie wird als ein neuer sozialer Konflikt und Revolte (Touraine), als ein Generationskonflikt und Quasi-Revolution (Morin), als eine allgemeine Institutionenkrise und Kulturbruch (Crozier), oder als kritischer Moment in der gesellschaftlichen Entwicklung Frankreichs, der zuerst als ein Krise der Reproduktionsweise begann, dann aber einen generellen Charakter annahm (Bourdieu), gedeutet. Die französische Gesellschaft im Jahre 1968 wird als postindustriell oder programmierte (Touraine), als industriell (Morin) oder als blockierte Gesellschaft (Crozier) betitelt. Die Trägergruppen rekrutieren sich nach Touraine aus einer neuen Arbeiterklasse, kommen primär nach Morin aus einer Altersklasse der Jugendlichen, oder werden nach Crozier sogar von "den" Franzosen gebildet. Der Protestcharakter nimmt nach Touraine antitechnokratisch Züge an, wird nach Morin als antipaternalistisch, antihierarisch begriffen, oder als antiautoriär, antihierarisch (Crozier) verstanden.
Die Besonderheit der 1968er Bewegung in Frankreich liegt darin, dass im Unterschied zu den anderen Industriestaaten, wie Deuschland, England und den USA, die Studenten und Arbeiter zusammenwirkten. Obwohl die Mobilisierung später als in den anderen Industriestaaten, die dort bereits 1964 oder 1965 ihren Anfang nahmen, einsetzte, entwickelte sich in ziemlich kurzer Zeit von Nanterre aus eine soziale Bewegung, die den wirkungsmächtigsten Generalstreik der französischen Geschichte herbeiführte. Damit überflügelte der französische Protest in seiner gesellschaftlichen Relevanz in einem hohen Tempo die sozialen Bewegungen der anderen Industrieländer.
Die 68er Bewegung in Frankreich, die sich selbst als neue linke Bewegung wahrnahm, gründete allgemein auf einem alternativen Gesellschaftskonzept sowohl in ökonomischer als auch in kultureller Hinsicht. Ihre Vorgeschichte begann bereits Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre in Form der Nouvelle Gauche (Neue Linke in Frankreich). Die Anhänger der Nouvelle Gauche grenzten sich von der alten Linken ab, die sich politisch in sozialistischen und kommunistischen Parteien organisierten. Die Neue Linke löste sich aus historischen und theoretischen Beweggründen: die Geschehnisse 1948 in Prag, der XX Parteitag der KpdSU, die repressive Reaktion auf den Ungarnaufstand, atomare Aufrüstung, der Kalte Krieg sowie den theoretischen Grundlagen des demokratischen Sozialismus im Sinne eines Wohlfahrstaat als auch dem Kommunismus Stalins. Sie trat für neue Organisationsformen ein: nicht parteiförmig, sondern aktionsförmig wie eine soziale Bewegung. Sie identifizierte neue Trägergruppen: nicht das Proletariat wie bei Marx, sondern eine speziell fachlich ausgebildete, neue Arbeiterklasse, eine junge Intelligenz sowie gesellschaftliche Außenseiter. Die Idee der Emanzipation des Menschen und die Lektüre ein Bandbreite an sozialistischer Theorien, die von Saint-Simon, Fourier, Proudhon, Marx bis Bakunin ging, bildeten aber weithin den Identifikationsrahmen, der später als die relative konzeptionelle Grundlage der 68er Bewegung galt. Zeitschriften wie Socialisme ou Barbarie (1949-1966), Arguments (1956-1962), Internationale Situationniste (1958-1969) beschäftigen sich mit Themen des philosophischen Existenzialismus (Satre) und politischen Linksradikalismen. Die Nouvelle Gauche hebt sich dadurch hervor, dass sie sich im Vergleich zu den anderen Neuen Linken als erstes herausbildete, ihre Ideen am klarsten ausdrückte, und in einem relativ eindeutigen bestimmbaren Zeitraum agierte, der sich wie auch die 1968er Bewegung anhand zahlreicher Zeugen- und Quellenangebote gut rekonstruieren lässt.

1.2 Strukturanalytischer und interaktionistischer Ansatz

Die Phänomene der Nouvelle Gauche und die Mai-Bewegung werden in der soziologischen Bewegungsforschung, die sich in einen interaktionistischen und einen strukturanalytischen Zweig differenzieren lässt, analysiert. Beim ersten Ansatz, dem interaktionistischen, wird die Sozialstruktur der Gesellschaft als ein Analyseaspekt verstanden, beim zweiten Ansatz, dem strukturanalytischen, hingegen als das Hauptuntersuchungsmerkmal. Der erste Ansatz fragt, wie sich die Mobilisierung der sozialen Bewegung entwickelt und konkret verläuft, der zweite Ansatz, welche sozialstrukturellen und institutionellen Verhältnisse die soziale Bewegung und Konfliktausformungen prägen.
Der struturanalytische Ansatz, wie ihn Alain Touraine vertritt, beeinflusste wesentlich den sozialwissenschaftlichen Diskurs. Touraine nimmt an, dass soziales Handeln, und somit die sozialen Bewegungen, nur durch eine Untersuchung auf der Makroebene angemessen erklärbar ist. In der französische Gesellschaft, in den 1960er Jahren, die er als postindustrielle oder programmierte Gesellschaft versteht, werden soziale Konflikt primär in Form sozialer Bewegungen ausgetragen. Hierbei unterscheidet behandelt er drei Analysedimensionen: Gesamtgesellschaftliche Zielorientierung, Trägergruppen und Gegner. Als Gegner der sozialen Bewegungen wird die Technokratie als herrschende Klasse bestimmt. Trägergruppen bestehen nach Touraine aus Personen, die relativ unabhängig von Organisation agieren können. Unter dem Begriff „professionnels“ subsummiert er Studenten, Professoren und Techniker. Vereinfacht ersetzen „professionnels“ die Arbeiterklasse und Technokraten die Kapitalisten. Die Zielorientierungen der 1968 Bewegung lassen sich nach Tourain schwer fassen, außer dass die Mai-Bewegung verneinend auftretend als antitechnokratisch zu charakterisieren ist. Obwohl die Arbeiterbewegung als ein bedeutsamer Akteur und Katalysator der französischen Protestbewegung gilt und die Träger der 1968er Bewegung auf Marx rezitierten, wie beispielsweise Jasques Baynac, ein Vertreter der Aktionskomitees von Arbeitern und Studenten, existieren trotzdem keine soziologische-ökonomische Analysen, kein ausführlichen Bezug auf den Marxscher Klassenbegriff und keine ökonomische Kapialismusanalyse.
Gilcher-Holtey kritisiert, dass die makroanalytische Perspektive eine differenzierende Analyse der Mai-Bewegung unmöglich macht, da sie die Eigenperspektive der Trägergruppen und die Wandelbarkeit der Zielorientierungen nicht berücksichtigt. Die Analyse der drei Ebenen ist zu starr: Touraine thematisiert die Trägergruppen nicht ausreichend genug und behandelt den Wandel der Organisationsstruktur, die Funktion der Intellektuellen in diesem Prozess sowie die Funktion und Wirkung der Ideologie als Initialgeber der 68er Bewegung in Frankreich nicht.
Der interaktionistische Ansatz, der eine sozial- und ideengeschichtliche Perspektive einnimmt, analysiert im Gegensatz zur strukturanalytischen Vorgehensweise die real handelnden Personen und Organisationen im geschichtlichen Zusammenhang, die Interaktionen und Eigenperspektive der Trägergruppen sowie das Wechselverhältnis zwischen dem Innen und dem Außen, das in Form von Staat und intermediären Organisationen (primär Parteien und Gewerkschaften) auftritt, einer sozialen Bewegung. So können nach Gilcher-Holtey erst die innere Struktur und die Dynamik der sozialen Bewegung, ihre verschieden Trägergruppen, die Interaktion zwischen Trägern und Gegnern, der Werdegang von unterschwelligen Unzufriedenheit zum offensichtlichen Konflikt erfasst werden.


2 Dokumentation der Mai-Bewegung in Frankreich


2.1 Die ökonomisch-kulturell orientierte Mai-Bewegung in Frankreich

Am 1. Mai 1968 wurde in Frankreich gegen die steigende Arbeitslosigkeit protestiert.ln Nanterre wurde am 2. Mai die philosophische Fakultät vom Dekan aufgrund wochenlanger vorheriger Unruhen der Studenten geschlossen. Die Aktivisten waren daher gezwungen, ihre Aktionen, die unter dem Namen „Bewegung vom 22. März“ organisiert war, an die Sorbonne zu verlagern. Am 3. Mai eskalierte die Situation: Ein im Innenhof abgehaltenes Sit-in wurde durch die Polizei aufgelöst und fast 600 Studenten wurden festgenommen. Das Sit-in wurde von Daniel Cohn-Bendit und Jacques Sauvageot organisiert. Als Reaktion auf die Festnahme versammelten sich 2000 Studenten, die sich mit der Polizei Straßenschlachten lieferten. Der Pflasterstein wurde zum Symbol des Kampfes, weil es das Hauptkampfmittel der Studenten gegen die mit Tränengasgranaten rüde vorgehende Polizei war. Aber nur bis zum 11.Mai, denn dann verkamen die Straßenschlachten zu einem sinnlosen, infantilen und destruktiven Gewaltakt von Faschisten und Schlägern, die schon lange auf die Gelegenheit gewartet haben
Die frz. Jugend wollte jedoch eine Kulturrevolution, „une révolution essentielle“, welche die chinesische Kulturrevolution als Anstoß genommen hat. Sowohl in China als auch in Frankreich haben sich die älteren Arbeiter nicht mit den revolutionären Studenten solidarisiert, weil sie „Ökonomismus der Ideologie vorziehen“ (16) Frz. Studenten lehnten eine „Revolution von oben“, wie es in China der Fall war und sich in den kitschigen und geistlosen Plakaten widerspiegelte, ab. Sie wollten eine spontane und unabhängige Revolution. „Ni Mao, ni Moi (de Gaulle)“ (17), neben einem Wahlkampfslogan die Meinung der Mehrheit der Jugendlichen. Sie wollen nicht mehr nur passiv sein und forderten daher mehr Mitbestimmungsrechte, „Participation á nous de parler“.
Die französischen Studenten haben in Erinnerung gerufen, dass Kulturtätigkeit Aufklärung, Erziehung, Bildung und Gestaltung der Zukunft sei, dementsprechend verstanden sie die Kulturrevolution als „Sorge tragen für ein freieres, menschlicheres Dasein“(17). Eine Gefährdung der Demokratie war jedoch nicht vorhanden, denn eine Demokratie setze Diskussion, Bereitschaft zum Umdenken und Willen zur Entwicklung voraus. Den Vorwurf der Verletzung von Recht und Ordnung sollte man mit der Frage beantworten, was überhaupt Recht ist in Rechtsstaaten ohne Kultur, die zeigen, dass das Recht die Verletzung Ihrerselbst forciert. Deswegen forderten die Revolutionäre den Kulturstaat, in den der Rechtsstaat eingeschlossen ist.
Da die Parteien keine geistige Auseinandersetzung mehr wagten, skandierten die Jugendlichen „Weg mit allen Parteien“. Die Verachtung des Staates und der geistig erlahmten Gesellschaft wurde auf de Gaulle als menschliche Zielscheibe projiziert, jede Karikatur von ihm war eine Karikatur der Gesellschaft.
Arbeiter und Angestellte sollten den am 13. Mai begonnenen Generalstreik untersützen, um der Forderung der Studenten Nachdruck zu verleihen. Mit der Forderung nach Volksherrschaft war kein östlicher Sozialismus gemeint: Nicht das „changer le monde“ nach Marx war die Parole sondern vielmehr Rimbauds „changer la vie“. Nach 14 Tagen, nachdem im Quartier Latin der autonome Studentenstaat etabliert wurde, kam eine große Enttäuschung: Man bemerkte, dass es den Arbeitern bloß um materielle Ziele gegangen war, Gruppen von Schlägern, Rabauken und Anarchisten die Oberhand behielten.
Die französischen Unruhen haben zum ersten Mal gezeigt, wie in hoch-industrialisierten Staaten Revolutionen ablaufen und ausgehen werden: Alle haben auf ihre Weise protestiert und in Kommissionen ihren Lebensbereich verbessert. Die Bürger fühlten sich unmündig, waren zu abhängig von den Leistungen anderer und durchschauten die komplizierte Verflechtung nicht mehr.


2.2 Die Sommeruniversität

Eine Aktionsform der Mai-Juni-Revolte 1968 war die kritische Universität, die „Sommeruniversität“. Diese sog. kritischen Universitäten sollten als Kaderschulen zum Umsturz der Gesellschaft und zur Beschäftigung mit der Dritten Welt beitragen. Die Sommeruniversität sollte nach Worten von Studentenführer Sauvageot ein Übergangsstadium zur Volksuniversität sein, welche den Arbeitern nicht nur zur Verfügung steht, sondern sich auch unter ihrer Kontrolle befinden sollte.
Am 1. Juli wurde in der Pariser Naturwissenschaftlichen Fakultät die erste Sommeruniversität eröffnet. Der frz. Erziehungsminister Ortoli wies alle Rektoren an, die Sommeruniversitäten nicht zu tolerieren und alle Universitäten spätestens am 12. Juli zu schließen, was eine Räumung der besetzten Universitäten durch die Polizei zur Folge hatte.
Die politische Opposition erhielt aber keinen Auftrieb durch die Proteste, was an Konzeptionslosigkeit und dem Mangel an geeigneten Persönlichkeiten lag. Sowohl der damalige Ministerpräsident Pompidou als auch später de Gaulle stellten die Staatsautorität überzeugend dar, um dem bürgerlichen Lager Sicherheit zu vermitteln. Kein linker Politiker nutzte das gewaltige Potential der Proteste, um das Anliegen in die Politik zu bringen. Die enttäuschten Studenten wollten keine Systemänderung und Volksherrschaft. Sie erkannten Führung als notwendig an, jedoch nicht in der selbstherrlichen de Gaulle’schen Form. De Gaulles Wahlsieg bedeutet für sie Fortführung des Immobilismus und der „Ruhe“.

2.3 Das Politische Plakat als Kampfmittel der französischen Jugendbewegung

Es gibt keine sozialen Gemeinschaften ohne Propaganda, allerdings gibt es große Unterschiede bezüglich ihrer Formen, Mittel und Methoden, je nach Kulturstufe, technischer Ausstattung und Initiator. Im Zuge der französischen Mai-Revolution gab es „circenses“, kostenlose Theater- und Filmaufführungen, welche allerdings nicht ausreichten, um in Kombination mit Reden, Zeitungen, Flugblättern und Demonstrationen genug Menschen zu mobilisieren. Da man eine europäische Kulturrevolution initiieren wollte, sollte Kunst das Hauptmittel der Propaganda werden, die politische Plakatkunst.
Bereits Luther hatte aufgefordert, den Gegner auch „mit Malen“ anzugreifen. Die erste ernsthafte Umsetzung fand allerdings erst zur Zeit der französischen Revolution statt. „Die Karikaturen sind gebraucht worden, um das Volk in Bewegung zu setzen, und man kann nicht leugnen, dass ihre Wirkung eine direkte und schreckliche war. Die Karikaturen sind das Thermometer, das den Grad der öffentlichen Meinung aufzeigt“ (Boyer de Nimes, 1792; S. 27). Kurz nach 1830 wurde die erste moderne politisch-satirische Zeitschrift „La Caricature“ gegründet, Charles Philipon ließ kurz darauf die Zeitschrift „Charivari“ folgen. Daumier arbeitete an den Zeitschriften mit und veröffentlichte Birnen-Karikaturen gegen den zu dieser Zeit herrschenden Louis Phillipe I, die das System des „enrichissez-vous“ angriffen; die Plakate der Mai-Revolte kritisierten die geistlose Konsumgesellschaft.
Die „action civique“ der ’68 wurde auf Plakaten als Ratte dargestellt, die überall hinkriecht und vor keiner Niedertracht zurückschreckt. Napoleonhut und -Adler wurden auf Plakaten als Symbole im Kampf gegen Louis Napoleon gebraucht, in der Mai-Revolution tauchten sie wieder auf und griffen den Bonapartetismus und die Selbstherrlichkeit de Gaulles an. Auch die erste französische Revolution wurde zitiert: die Begriffe „liberté“ und „égalité“ standen den Establishment-Begriffen „la gloire“ und „la gran nation“ gegenüber, ein Plakat forderte: „Liberté démocratique, Egalité sociale, Fraternité des peuples“.
Bisher wurde im Politischen Plakat die eigene Macht nur durch das Faustmotiv dargestellt, ein Novum war die Darstellung der Masse zur Manifestation der eigenen Macht. Nicht nur das Faustmotiv wurde durch die Pariser Kunststudenten weiterentwickelt, sondern sie wussten auch durch neue volkstümliche Themen die Willensstärke der Streikenden zu verdeutlichen.
Die Streikenden hätten ihre Anliegen notfalls mit Gewalt durchsetzen können, dass sie es nicht taten, beweist die Originalität dieser neuen Art von Revolution. Die Plakate zogen Menschen an, die von den Ideen begeistert waren, schreckten aber gleichzeitig andere ab: Große Mengen an Kapital wurden aus Angst ins Ausland transferiert. Außerdem wurden die bereits Streikenden in ihrem Tun bestärkt, dabei sprach man die einzelnen Berufsgruppen individuell an und appellierte an sie, den Streik fortzusetzen.
Die Plakate mobilisierten ungeahnte Kraftreserven: de Gaulle wurde mit Hitler verglichen und seine Partei, die UDR mit der NSDAP gleichgesetzt, was keinen Betrachter kalt ließ. Diese Plakate erreichten ihren Zweck jedoch nicht vollständig: dies lag an der Angst vor Anarchie und Kommunismus sowie an der Konzeptionslosigkeit der Opposition. Die Vielseitigkeit des politischen Plakats lässt sich durch eine Untersuchung der Darstellungen de Gaulles beweisen: Er wurde sowohl als machtbesessener Diktator als auch als Hampelmann und Marionette. Obwohl diese Aussagen einander widersprechen, nahm niemand daran Anstoß.
Ein weiteres Hauptthema war die „Intoxication“, die Einneblung der Bürger. Es wurde vor der schleichenden Betäubung durch die Presse und das Fernsehen gewarnt, welche von der fortschreitenden Beschneidung der Freiheit durch de Gaulle ablenken sollte.
In den politischen Plakaten wurde nicht nur zu aktuellen Geschehnissen Stellung genommen, es wurden auch aktuelle Stilelemente verwendet, wie z.B. die Benutzung eines mexikanischen Malstils anlässlich einer Maya-Ausstellung in Paris.
Das Politische Plakat als Propagandamittel hat in der bild- und fernsehorientierten Konsumgesellschaft stärker denn je gewirkt.

2.4 Künstler in der Revolte

Am 13. Mai 1968 wurde die Kunstschule besetzt, sie wurde von da an als „Ex-Kunstschule“ bezeichnet. Hier lag das Zentrum der zu schaffenden Kulturrevolution, welche nichts Geringeres als die Veränderung der Welt auf sozialem, moralischem und vor allem geistigen Gebiet als Ziel hatte. Die Künstler verweigerten sich dem gewalttätigem Protest: „Das Handwerkszeug des Künstlers sei nicht der Pflasterstein, sein Platz sei nicht auf der Straße“, stattdessen entwarfen die Künstler Plakate, betreuten Zeitungen, verkauften Bilder zur Unterstützung der Streikenden und organisierten Ausstellungen, welche die Ideen der Revolution verbreiten sollten. Die Künstler fühlten sich von den Linksradikalen missverstanden, welche mit körperlicher Gewalt ihre Ziele durchsetzen wollten, während die Kunststudenten mit ihrer Plakatkunst eine andere Art von Gewalt ausübten, z. B. in „Action painting“, das Zerstören der Leinwände mit dem Messer.
Das war jedoch nicht das, was die Studenten suchten. Vielmehr wollten sie die Barriere zwischen ihnen und den Arbeitern niederreißen, wollten keine Privilegierten mehr sein, stattdessen im Kollektiv und für das Kollektiv arbeiten. Künstler solidarisierten sich mit den Studenten, indem sie in Gruppenarbeit Bilder anfertigten und sie zur Unterstützung der Kunststudenten verkauften.
In der Ecole des Beaux Arts wurden Arbeitsgruppen und Komitees gebildet, welche den Streik organisierten und sich mit Themen wie „Klassenuniversität oder Kritische Universität“ oder „Die objektive Rolle der Kunstschule“ etc. beschäftigten. Nachdem das erste Plakat mit dem Titel „Wer schafft- und für wen?“ erschienen war, interessierten sich viele Menschen für die Kunstschule. Zwar war jeder eingeladen, sich zu beteiligen, doch wurden Interessenten vorher geprüft, ob sie sich wirklich mit der Sache solidarisierten oder bloß „verkappte Touristen“ seien. In den Räumen an der Rue Bonaparte wurden Flugblätter, Broschüren und Schriften verkauft, Künstler stellten Werke dafür zur Verfügung. Das „Atelier populaire“ war das kreative Zentrum der Kunststudenten, es gab Abteilungen für Entwurf, Plakatausgabe sowie für Lithografie und Serigrafie. Die Räumlichkeiten waren Tag und Nacht geöffnet, Hörsäle wurden in Schlafsäle umfunktioniert. Es war verboten, die Produzenten bei der Arbeit zu fotografieren oder mit ihnen zu diskutieren, um die Arbeitsatmosphäre nicht zu stören.
Jedes Plakat wurde in Gruppenarbeit hergestellt, auf einer Tafel wurden Ideen gesammelt, die die Basis für die Plakatentwürfe waren. Jeden Tag wurden die Entwürfe in der Generalversammlung diskutiert, wichtige Auswahlkriterien waren z.B. Lesbarkeit und Wirksamkeit der Plakate. Der Kreateur des Plakates war in der weiteren Bearbeitung an die Entscheidungen der Generalversammlung gebunden. Die Plakate wurden nicht als Holzschnitt, der tradtionellen Methode politischer Plakate, sondern wegen besserer Tauglichkeit zur Massenproduktion als Lithografien und Serigrafien gefertigt. „Nicht nur der Kunstgenuss sollte demokratisiert werden, auch die Herstellung“ (S. 69). In der Plakatausgabe wurden die Plakate mit einem Herstellerstempel versehen, sie wurden nur an Vertreter des Aktionskomitees ausgegeben, um sicherzustellen, dass die „Plakate auf Pariser Mauern landen und nicht in den Koffern der Amerikaner.“ (69). Bis zur ersten Juniwoche wurden auch in anderen Schulen und Fakultäten 350 Plakate in einer Auflage von 120.000 Stück hergestellt. Die durchschnittliche Auflage eines Plakates betrug zwischen 200 und 300 Exemplaren. Das Ansehen der Kunststudenten war innerhalb kurzer Zeit so groß geworden, dass sie Auftragsarbeiten für andere Streikgruppen ausführten.
Das von den Kunststudenten durchgeführte Konzept der Arbeitsteilung mit der Möglichkeit der Mitsprache war neuartig, besonders hervorzuheben ist hierbei, dass es keine festen Aufgaben gab, sondern jeder seiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. Diese neue Form des Lernens wollten sie nicht missen, der „revolutionäre Atelierbetrieb [war] zunächst eine Anti-Struktur zum bisherigen Lehrbetrieb und wird nun als neue Struktur für den zukünftigen gefordert“ ( 71).

2.5 Von der Kunstschule zur Kunstuniversität

Die Kunststudenten wollten nicht nur im Kollektiv arbeiten, sondern auch in ihm leben, ihre Isolation von der arbeitenden Bevölkerung beenden, um „Art bourgeois“ und „Culture bourgeoise“ zu einer „Culture populaire“ zusammenzuführen. Sie forderten die Zusammenlegung der verschiedenen Kunstschulen zu einer einheitlichen Kunstuniversität, in der nicht mehr bloß die Vorstellung von Kunst, sondern die Kunst an sich vermittelt wird, u.a. Forderung nach Abschaffung von Prüfungen.
Andere Künstlergruppen wie Maler, Schauspieler, Museumsleiter, Musiker, die sehr aktiven Studenten der Architektur, die Cineasten und Schriftsteller solidarisierten sich mit den Kunststudenten.
Das Kulturministerium war zu Dialogen bereit, weniger aber das Innenministerium. In der Nacht vom 26. zum 27. Juni wurde die Kunstschule der Beaux-Arts unter dem Vorwand, eine von der Regierung verbotene Neukonstitution der Hochschule zu sein, von der Polizei besetzt, 103 Personen wurden vorläufig festgenommen. Durch die Stürmung war der „Plakatfeldzug jedoch noch nicht gestoppt, denn die revolutionäre Kunst bleibt in der Welt“, „die Beaux-Arts werden weiterhin die Straßen mit ihren Plakaten beleben“ (73).

3 Öffentliche Wahrnehmung der Mai-Bewegung in Frankreich

Die Bezeichnung Mai 68 beschreibt die Chronologie, die am 3. Mai mit der spontanen und gewalttätigen Pariser Studentendemonstration und der Besetzung der Sorbonne durch die Polizei einsetzte und am 30. Mai mit der Rede General de Gaulles endete und welche die Auflösung der Nationalersammlung verkündete. Am Anfang des Jahres 1968 betrachtete die Presse die Studentenbewegung als eine internationale Erscheinung. Sie wurde als Teil einer weltweiten Jugendrevolte auf globaler Ebene wahrgenommen. Anfang Mai begann die Presse, die Unruhen „klein“ zu reden und die Revolte an der Universität Nanterre auf Daniel Cohn-Bendits Anhänger zu beschränken. „Die Gestalt Cohn-Bendits wurde im Laufe des Monats Mai zum Inbegriff des Erbfeinds...“ (Michele Zancarini-Fournel:135).
Die Besetzungen der Universitäten in Paris und der Provinz dauerten zwar bis Juli 1968, tauchten aber schon ab Ende Mai kaum noch in der Darstellung der Presse auf. Auch die Diskussionen über die Schaffung neuerer Mitbestimmungsstrukturen wurden kaum noch von den Medien beleuchtet. Auch die Benennung der Ereignisse als „Revolution“, „Kommune“, „Karneval“ und „Psychodrama“ spiegelt die Unsicherheit über die Deutung der Ereignisse wider.
20 Jahre später benannte man die Ereignisse als „Rätsel“ oder „Geheimnis“ – diese Deutung weißt auf die Komplexität und Eigenartigkeit der Ereignisse hin. Auch der spontane Ausbruch der Streiks und der Massenkundgebungen zeigt den tiefgründigen Charakter der Maibewegung. In der damaligen Wahrnehmung wurden die Streiks vor dem Mai 68 als kultureller und geistiger Aufbruch und als Generalprobe für den Mai verstanden. Die Meinungsbildung der französischen Öffentlichkeit bezüglich der Geschehnisse im Mai 68 wurde maßgeblich durch die Darstellung der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens geprägt. „Die so erzeugte Meinung wirkte später auf das Ereignis zurück. Sie lenkte das Handeln der Akteure in eine Kombination von Vorstellungen und Praktiken.“( Michele Zancarini-Fournel:137) Die Nacht des 24. und 25. Mai hatten für die Berichterstattung besondere Folgen. Auf politischer Ebene wurde in diesen Stunden der Bürgerkriegsfall besprochen. Dieser Diskurs hatte ein Übertragungsverbot für Direktreportagen im Radio zur Folge. Daraufhin begann ein Streik der Fernsehjournalisten.
„Das Spiel der gegenseitigen Spiegelung von Medien und Protesten verschaffte der Bewegung eine feste Kontur und einen spezifischen Charakter.“ (Michele Zancarini-Fournel: 38). Durch diese feste Kontur verloren die einzelnen Akteure und die Komplexität der individuellen und kollektiven Erfahrungen an Bedeutung. Aus unterschiedlichen lokalen und regionalen Akteuren und Schauplätzen wurde „eine“ Bewegung gemacht. In den Medien wurden hauptsächlich nur drei Perioden der Ereignisse unterschieden: die studentische Krise (bis zum 13. Mai); die soziale Krise (vom 13. bis zum 27. Mai) und die politische Krise (vom 27. bis zum 30. Mai). Allerdings berücksichtigt diese Periodisierung die Verkettung und Überlagerung nicht. „Die Ereignisse vom Juni 68 sind […] weitgehend in Vergessenheit geraten; nicht nur die vier Toten vom Juni, sondern auch die andauernde Besetzung von Fabriken, Schulen und Universitäten“ (Michele Zancarini-Fournel: 140).
Die Gewaltmomente 1968 wurden in der Darstellung häufig vernachlässigt. Gemessen an der tief greifenden Veränderungen des Landes war die Gewalt zwar relativ gering, dennoch wurde in zwei Fällen von den Schusswaffen gebrauch seitens der Ordnungskräfte gemacht. Auch die Todesfälle 1968 geraten zunehmend in Vergessenheit. Nach dem 24. Mai werden 7 Tote in direktem Zusammenhang mit der Bewegung gebracht. Die Brutalität in vielen Situationen war enorm. Es war aber weniger die Gewaltbereitschaft im eigentlichen Sinne, als vielmehr der Adressat der Gewalt: die zukünftige Elite Frankreichs – die Studenten. Dies führte zu einem Umdenken der Öffentlichkeit. Die öffentliche Meinung begann die Studenten zu unterstützen. „Die von den Sicherheitskräften angewendete Gewalt wurde sehr schnell von einem Teil der Presse als illegitime, willkürliche und blind inkriminierte Gewalt angeprangert und mit dem Begriff der „Repression“ belegt. Die Verletzung der Menschenwürde durch die fremdenfeindliche, rassistische oder sexistische Beschimpfung, Demütigung und Schläge von Seiten der Exekutivkräfte hatten u. a. zu diesem Vorwurf geführt.“ (Michele Zancarini-Fournel: 142). Es kam 1968 zu einer systematischen Klassifizierung der Demonstranten. Aus symbolischer Sicht wird die Gewalttätigkeit der Sicherheitskräfte von Norbert Elias als „Grenzfall des Selbstzwangs“ und als Ersatz für eine untersagte Tötung gedeutet.

4 Thesen zur Mai-Bewegung in Frankreich

Warum nahm die Mai-Bewegung in Frankreich in einer relativen kurzen Zeit solch ein soziales Potenzial an? Gilcher-Holtey antwortet darauf mit sieben Thesen.
These 1: „Die Mobilisierung der Studentenbewegung in Frankreich erfolgt spontan aus einem sich gleichsam selbsterzeugenden Handlungsprozeß heraus” (Ingrid Gilcher-Holtey: 24). Die Mobilisierungsversuche der Studentengewerkschaft UNEF seit der Mitte der 1960er Jahren gegen die Hochschulbedingungen laufen relativ erfolglos. Erst neuartige Aktionen kleiner Studentengruppen wie “Enrage” und “Bewegung des 22. März”, die einen direkten, provokativen und situativen Charakter aufweisen, führen zur großen Mobilisierungswellen, die durch Solidaritätshandlungen der Mehrheit der Studenten, später auch Schülern und Arbeitern als Reaktion auf die staatlichen Repressionen gegen die Aktionen an der Universität Sorbonne und den Kämpfen in den Straßen des Quartiers Latin anwachsen.
These 2: „Der Studentenprotest wird in die Arbeiterschaft vermittelt durch ein 'kritisches Ereignis' (Bourdieu)” (Ingrid Gilcher-Holtey: 26). Die Nacht der Barrikaden (10./11. Mai) kann als ein 'kritisches Ereignis' angesehen werden, welches sich nach einer friedlicher Demonstration ereignet, indem im Quartier Latin Studenten und Schüler ein Gebiet in Erinnerung an zwei bedeutende historische Ereignisse (1. Kommune 1871, 2. die Befreiung von der deutsche Besetzung 1944) besetzen und sich verbarrikadieren, um die staatlichen Instanzen zum Handeln zu zwingen. Durch die massenmediale Dokumentation dieser Ereignisse müssen die staatlichen Instanzen reagieren. Jedoch erfüllen sie die Forderungen nicht, sondern lassen die Besetzung brutal auseinanderschlagen. Öffentlicher Protest zentral in Form eines gewerkschaftlichen Generalstreikaufrufs folgt, und wird durch die positive Reaktion des Premierminister Pompidous auf die studentischen Forderungen abgerundet.
These 3: „Der Mobilisierungsprozeß der Arbeiterbewegung folgt der Aktionsstrategie der Studentenbewegung” (Ingrid Gilcher-Holtey: 28). Eine kleine Gruppe junger Arbeiter einer Flugzeugfabrik in der Provinz bei Nantes besetzen, motiviert durch den studentischen Erfolg, das Werkgelände nach dem erfolgten vierundzwanzigstündigen Generalstreik. Diese Aktion, eine Nachahmung der studentischen Aktion an der Sorbonne, ist der Auslöser einer Streikwelle von 7,5 bis 9 Millionen Arbeiter, die ohne Impulse großer Gewerkschaften ihre Arbeit niederlegen, obwohl keine bedeutende wirtschaftliche Krise als der Motor zu nennen ist. Vielmehr kann der Grund der Massenstreik in einer Kritik an den betrieblichen Organisationsformen, die autoritär strukturiert sind, liegen. “Der Demokratisierung der Universitäten soll eine Demokratisierung der Betriebe folgen” (Ingrid Gilcher-Holtey: 31).
These 4: „Die alte Linke setzt ihre Organisationsmacht ein und bricht die Handlungsstrategie und Zielorientierung der Neuen Linken. Die Austragung des Konfliktes wird in die institutionellen Bahnen des Tarifvertragssystems überführt“ (Ingrid Gilcher-Holtey: 32). Die kommunistisch orientierte Gewerkschaft CGT geht nicht auf „autogestion“ (Veränderung der Lenkungs- und Entscheidungsstrukturen in Betrieben, Abbau von Herrschaft und Hierarchien, Freisetzung der Kreativität der Arbeiter durch Selbstbestimmung und Selbstverwaltung der Betriebe) als Ziel eines gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozesses ein, sie bewertet die Forderungen als „Inhaltlose Formel“. Sie bekämpft die Koalition von Studentenbewegung und Arbeiterbewegung, versucht alles, um die soziale Bewegung in die geregelten Bahnen einer tarifvertraglichen Schlichtung zu überführen. Die Streikbewegung bleibt unter der Führung der Gewerkschaften, wenngleich die Ergebnisse der Tarifverhandlungen abgelehnt worden sind. Neue Verhandlungen werden eingesetzt. Die Streikbewegung wird zum Arbeitskonflikt. Als Folge des Drucks der Streikbewegung ist der einsetzende Dialog zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Die frz. Unternehmer erklären sich erstmals zur Anerkennung der Gewerkschaften in Betrieben bereit. So mündet die spontane Streikbewegung in eine Stärkung der Stellung der Gewerkschaften im Betrieb. Jedoch nur in wenigen Fällen wird eine Selbstverwaltung probiert. Die Mehrheit der Streikenden sucht die Lösung der sozialen Krise in der Politik, fordert einen politischen Machtwechsel.
These 5: Entscheidend für die Zuspitzung der politischen Krise sind die divergenten Handlungsstrategien von Premierminister Pompidou und Staatspräsident de Gaulle. Die Politik hat auf die soziale Bewegung mit zwei konkurrierenden Handlungsstrategien reagiert: Tolerierung und Repression. Pompidou wählte die Strategie der Tolerierung: Anerkennung der Ziele der Bewegung, Dialog- und Handlungsbereitschaft, während de Gaulle die Strategie der Repression einsetzte: Abwehr der sozialen Bewegung und ihrer Anliegen, Unterdrückung der Bewegung durch Verbote oder den Einsatz staatlicher Gewaltmittel. Durch die offenen strategischen Differenzen beider Pole sowie ihre verdeckten persönlichen Rivalitäten wird das auf Kooperation angewiesene politische System Frankreichs nachhaltig gestört.
These 6: „Der Versuch der nichtkommunistischen Neuen Linken, in dieser Situation eine eigene politische Linie zu definieren, schlägt fehl“ (Ingrid Gilcher-Holtey: 35) Die Neue Linke kann das Spannungsverhältnis nicht lösen, keine politische Handlungskonzeption entwickeln: auf der einen Seite ihr Selbstverständnis als Bewegung, die durch Aktionen mobilisiert, auf der anderen Seite dem aus der Situation entstehenden Sachzwang, die Aktionen zu koordinieren und die unterschiedlichen Interessen zu organisieren, auf ein politisches Ziel auszurichten. Die „Chance“, eine mögliche Übergangsregierung zu schaffen, wird von der kommunistischen Partei (PCF) vehement abgelehnt. Somit verhindert die Meinungsverschiedenheit zwischen der Neuen und der alten Linken die Formierung einer einheitlichen linken Opposition gegen die gaullistische Regierung. Ein möglicher Machtwechsel kommt nicht zustande. Die große Parallelaktion von Studenten- und Arbeiterbewegung, die die frz. Gesellschaft erschütterte und das gaullistische Regime ins Wanken brachte, zerfällt.
These 7: Der Verzicht auf das Referendum und die Entscheidung für Neuwahlen des Parlaments trägt zur Auflösung der Krise bei.Im Zuge der Neuwahlen löst sich die politische und soziale Krise rasch auf. Den Wahlkampf dominieren die alten Parteien und die etablierten Interessengruppen, die mobilisierte Jugend kann erst mit 21 Jahren wählen. Der Machtwechsel, der auf dem Höhepunkt der Krise möglich und nah erschien, findet nicht statt.

5 Längerfristige Folgen der Mai-Bewegung in Frankreich

Folgende vier Aspekte können als Folgen der Bewegung bestimmt werden.
1. Wirkungen auf das politische System: der Zerfall des wahltaktischen Konsenses zwischen FGDS und Kommunistischer Partei sowie die Desintegration der FGDS. Pompidou festigt 1969 mit seinem Wahlsieg die politische Macht der Gaullisten auch nach dem Ausscheiden de Gaulles aus der Politik.
2. Wirkungen auf die Neue Linke: Die Mobilisierungsstrategie der Neuen Linken: Autoritätsstrukturen kommen ins Wanken, vorübergehende Lähmung der Wirtschaft, Stürzung des politischen Systems, ist zu Beginn sehr erfolgreich, jedoch nicht dauerhaft. Denn Mobilisierung durch Aktion ist stets ein nur kurzfristig aufrecht zu erhaltender Prozess, permanente Mobilisierung unmöglich ohne Stabilisierung der mobilisierten Ressourcen. Stabilisierung der Bewegung verlangt Organisation. Die Neue Linke setzte auf Spontaneität und Kreativität der Basis, die Ziele, Mittel und Aktionsformen in permanenten Diskussionen selbständig und autonom zu bestimmen. Sie baute keine funktionsfähige, demokratisch legitimierte und kontrollierte Führung auf, entwickelte keine Koalitionsfähigkeit gegenüber potentiellen Bündnispartnern und verlor daher die Handlungsinitiative. Somit konnte Daniel Cohn-Bendits, Anführer der Studentenbewegung, Forderung nicht aufgehen. “Die Stärke unserer Bewegung liegt aber gerade darin, dass sie sich auf eine unkontrollierbare Spontaneität stützt […] Wenn wir versuchen, [eine große Zahl von den Demonstranten über die Situation aufzuklären], wenn wir das wollen, dürfen wir nicht gleich eine Organisation schaffen und ein Programm aufstellen; das würde sich nur lähmend auswirken. Die einzige Chance der Bewegung liegt gerade in der Spontaneität, bei der die Leute sich frei aussprechen können und die zu einer Art Selbstverwaltung führen kann […] Es kommt darauf an, dass möglichst viele Studenten sich die Frage stellen ‚Was tun?’ Dann erst dürfen wir an ein Programm und an eine Organisation denken“ (Jacques Sauvageot: 78-79).
3. Wirkungen auf die Unternehmens- und Betriebsverfassung: Die Neue Linke konnte die Belegschaften durch ihre Handlungspraxis aufgrund eines fehlenden Wirtschaftsorganisationsmodells nicht dauerhaft binden. Langfristig setzten sich die Gewerkschaften gegen das Konzept der Neuen Linken durch.4. Wirkungen auf neue Lebensformen: Die Neue Linke brach Tabus, Normen und überkommene Werte. Sich handelnd über Regeln, etablierte Macht- und Ordnungsstrukturen hinwegzusetzen, empfanden viele Akteure als subjektive Befreiung, individuelle Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Der Aufbruch von 1968 mündete für viele in die Ausprägung alternativer Lebensstile, in Stadt- und Landkommunen.

Quellen
Ingrid Gilcher-Holtey: Mai 68 in Frankreich. In: Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.): 1968 - Vom Ereignis zum Mythos. Frankfurt/Main. 2008. Suhrkamp. S. 15 - 45
Ingrid Gilcher-Holtey: Die Phantasie an die Macht. Mai 68 in Frankreich. Frankfurt/Main 1995. Suhrkamp. S. 133-151
Michelle Zancarini-Fournel: Vom Mai 68 zu den 68er Jahren. In: Ingrid Gilcher-Holtey (Hg.): 1968 - Vom Ereignis zum Mythos. Frankfurt/Main. 2008. Suhrkamp.S. 133 - 151
Jacques Sauvageot, Alain Geismar, Daniel Cohn-Bendit: Aufstand in Paris oder Ist in Frankreich eine Revolution möglich? Reinbek 1968. S. 73 - 82
Louis F. Peters: Kunst in der Revolte - Das Politische Plakat und der Aufstand der französischen Studenten. Köln 1968: DuMont. S. 15 - 32 und 65 - 78

Donnerstag, 23. April 2009

Herbst?

20032009831

Donnerstag, 16. April 2009

Kommunikation ist alles

Unglaublich, wie wenig Aufwand es braucht, um eine hervorragende Kundenmeinung bezüglich der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens ins Gegenteil umzuwandeln. Der erste, positive Eindruck, der im Beratungsgespräch mühsam aufgebaut wurde, fiel größtenteils mangelnder Kommunikation von Anbieterseite zum Opfer und wird nur schwierig wiederherzustellen sein. Dabei hätte doch ein Telefonanruf oder eine E-Mail ausgereicht.


Am diesjährigen Valentinstag besuchte ich das Hamburger Atelier von Tom Reimer, welcher für hochwertige Maßanfertigungen bekannt ist. Nachdem die Mitarbeiterin mir zuerst die Hemden von der Stange zeigen wollte, kam ich in den Genuss, vom Meister persönlich bedient und vermessen zu werden. Das Beratungsgespräch würde ich als kompetent, charmant und verbindlich beschreiben, ich fühlte mich gut aufgehoben, empfand Tom Reimer als erfrischend natürlich und auf dem Boden der Tatsachen geblieben. Die Mitarbeiterin brachte meiner Begleitung in dieser Zeit einen Espresso, der garnicht mal so schlecht gewesen sein soll.
Aus einer Fülle verschiedener Stoffe, Manschetten, Kragen und Schnitten wählte ich aus, wie mein neues Hemd aussehen sollte. Sechs Wochen nach dem Bestelldatum sollte ich es abholen können, einen genauen Preis konnte man mir zu dem Zeitpunkt noch nicht nennen, die einzige Information, die ich diesbezüglich mit auf den Weg bekam, war, dass der Preis bei ungefähr 250 Euro liegen werde. Man sagte mir eine Auftragsbestätigung mit dem genauen Preis innerhalb der nächsten Woche zu.
Zwei Wochen später hörte ich immer noch nichts von Herrn Reimer; es fiel mir ein, dass ich vergaß, nach einem Einstecktuch aus dem Stoff meines neuen Hemdes zu fragen, welches ich mir sonst passend zu meinen Hemden zu kaufen pflege. Also bestellte ich kurzerhand telefonisch mein Einstecktuch. Ich versuchte es zumindest. Am Telefon war die Mitarbeiterin, die von einer schwierigen Lage bezüglich der Hemden sprach. Sie wisse nicht, ob es möglich sei, ein passendes Einstecktuch zu bestellen, versprach aber, die Sache für mich zu eruieren (sic!) und mich dann zurückzurufen.

Am 1. April fragte ich per Mail nach, ob die ausbleibende Auftragsbestätigung und der nicht erfolgte Rückruf vielleicht damit zu tun haben könne, dass man kein Interesse mehr an meinem Auftrag habe und bat um Nachricht in dieser Sache, damit ich mir einen anderen Schneider für meine Hemden suchen könnte.

Die Antwort per Email kam innerhalb von weniger als zwei Stunden, was selbst für Unternehmen, die ausschließlich im Internet ihr Geld verdienen eine sehr bemerkenswerte Zeitspanne ist, mich aber bei einem Maßschneider wirklich sprachlos machte. Natürlich lege man Wert auf mich als Kunden und bitte um Verständnis wegen der Verzögerung, die mit Problemen beim Lieferanten begründet wurde. Das Hemd sei am 30.4. abholbereit.
Eben wurde mir dieser Termin nochmals per Email bestätigt.

Nun, ich bin gespannt, ob die Geschichte ein Happy-End haben wird (und ich mein Einstecktuch bekomme) und werde berichten, sobald ich mein neues Hemd in Empfang genommen habe.

Mittwoch, 15. April 2009

Sommer?

sommer

Donnerstag, 9. April 2009

Party in der Limmerstr. II

Wie bereits angekündigt, fand Anfang Februar die Limmerstr.-Jubiläumsparty statt. Da der blöde Psycho-Nachbar diesmal bestimmt das SEK gerufen hätte oder mit einem Flammenwerfer in meine Wohnung gestürmt wäre, entschied ich mich dafür, externe Räumlichkeiten für meine Zwecke anzumieten.
Nach einem langen Entscheidungsprozess stand dann außerdem fest, dass ich Besuch von einem Mädchen bekomme, das gern pink trägt und für mich gleichzeitig der Höhepunkt der Party sowie Überbringerin des schönsten Geschenks werden sollte.

Zum Glück hat eine Freundin, die auch etwas zu feiern hatte, mit dem langhaarigen Sozialpädagogen-Hippie gesprochen, der die Vermietung organisierte (man merkt sofort, dass die Leute in diesem Stadtteil anders sind), ich bin mir sicher, dass ich dabei nicht hätte ruhig bleiben können.
Der Nachteil daran war, dass ich mich dann auf meiner eigenen Party in einem blöden Jugendzentrum wiederfand, dessen Wände mit Fotos von dämlich in die Kamera grinsenden Migrantenkindern bei irgendwelchen Kuschelpädagogikveranstaltungen á la 'Igel-Basteln für Intensivtäter' vollgehängt waren.

Egal, es war ja schon dunkel und ausserdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt 3 Platten Sushi in den Händen und wurde von einer Horde bereits auf mich wartender Gäste freudig begrüßt. Der DJ hatte abgesagt, so dass die Musik von mehr oder weniger betrunkenen Gästen aus zwei iPods ausgewählt wurde, bereits am Anfang der Party wurde das Stereo-Erlebnis durch eine auf den rechten Lautsprecher fallende Wodkaflasche zunichte gemacht. Da ich aber damit beschäftigt war, meine Geschenke auszupacken und Gäste zu begrüßen, fiel es mir auch garnicht weiter auf.
Irgendwann begann die Aura der Location zu wirken und ich fühlte mich wie zurückversetzt auf eine Kinderparty: ein Pärchen trennte sich angeblich, ein Gast wurde rausgeschmissen, weil er mit einem Mädchen rummachte (wahrscheinlich war da jemand eifersüchtig) und ich musste mich aufs Niveauloseste anpöbeln lassen. Zu dem Gerücht, ich hätte Sex mit einem Kerl und meinem weiblichen Stargast gehabt, sage ich an dieser Stelle bewusst nichts, weil die Mehrzahl der hier Mitlesenden sicherlich weiß, dass so etwas nicht meinem Stil entsprechen würde.

Am meisten überraschte mich, dass die iPods und die Geschenke in Spiritousenform die Party überlebten (was aber im Endeffekt sinnlos war, da der Mitbewohner einige Tage später fast die gesamten alkoholhaltigen Präsente bis auf den Champagner leerte)

Einen Tag später musste ich ein blödes Referat vorbereiten, auf die Frage der Kommilitonen, wie denn die Party gewesen sei, konnte ich in diesem Rahmen nicht ergiebig antworten; sie hätten es sowieso nicht verstanden.

Dienstag, 7. April 2009

Das Novum der Interdisziplinarität am Bauhaus

Die Reklamewerkstatt und die Vernetzung von Theorie und Praxis

Die Werkstatt für Druck und Reklame des Bauhaus wurde 1925 gegründet. Herbert Bayer, erster Leiter der Abteilung, begann schon vorher mit eigenen Experimenten zur Bauhaustypographie und führte später Reklame als eigenständiges Lehrfach ein. Lehrinhalte waren Werbemittel, Werbebau, Werbeplan, Normung sowie Werbepsychologie. Diese Verknüpfung unterschiedlicher Wissenschaften in einem Fach war die erste in deutschen Ausbildungsstätten.
Zu der Zeit war im Bereich der Werbung an Kunstschulen die Ausbildung zum Werbegrafiker üblich, das Bauhaus bot eine Ausbildung zum Werbefachmann an, in deren Verlauf die Schüler ab dem ersten Semester schon praktisch arbeiten sollten, weitere Inhalte waren z.B. Differenzierung der Werbemittel, aufmerksamkeitserregende Gestaltung, Zeichnen sowie werbegerechter Einsatz von Fotografie und Film. Bayer propagierte die Ökonomisierung der Kommunikation durch Kleinschreibung von Texten und Normung von Papierformaten und Textanordnung getreu dem form-follows-function-Prinzip, dabei versieht er z.B. seine Briefe mit folgender Fußnote: "ich schreibe klein um zeit zu sparen". In der Reklamewerkstatt wurden auch externe Aufträge angenommen und die Drucksachen des Bauhaus durch Studenten hergestellt.

Josef Albers kritisiert nach seiner Auswanderung in die USA die theoretische Lehre als zu praxisfern, er fordert, aus der Schule in das richtige Leben zu gehen, um anstatt einzelner, isolierter Teile die Zusammenhänge zwischen ihnen zu studieren. Kunst solle als Teil des Lebens und nicht als geschichtliche Wissenschaft verstanden werden. Er erweitert den klassischen Kunstbegriff u.a. um Musik, Theater, Tanz, Fotografie, Film und Literatur. Dabei fordert er eine Modernisierung der Lehre, die sich mehr auf die Lösung aktueller Probleme spezialisiere und nicht nur auf "alte" Kunst beschränkt sei, welche seiner Meinung nach nicht zur heutigen Zeit passe und deren Daseinsberechtigung im Verständnis alter Zeiten und in der Schaffung eines Standards zur besseren Vergleichbarkeit aktueller Kunst liege.

Verglichen damit, dass es nicht als Religion zu bezeichnen sei, wenn man Sonntags in die Kirche gehe, zeuge es von keinem Kunstverständnis, Kunst nur in Museen zu sehen oder sie nur zu Zwecken der Unterhaltung und Entspannung zu benutzen.

Da sich die Kunst im Leben abspielt, solle man Studenten nicht zu Kunsthistorikern ausbilden sondern ihnen vielmehr künstlerisches Sehen, künstlerisches Arbeiten und - am Wichtigsten- künstlerisches Leben beibringen. Um dies zu erreichen solle die Kunst von ihrem dekorativem, abseitigem Platz ins Zentrum der Bildung gebracht werden, eine enge Kooperation der verschiedenen künstlerischen Disziplinen werde zeigen, dass ihre Probleme die Gleichen sind. Ausserdem fordert Albers eine Verzahnung von wissenschaftlichen mit künstlerischen Bereichen.
Studenten sollen anhand von aktuellen Beispielen lernen und nicht gezwungen werden, sich nur mit Kunst vergangener Epochen auseinanderzusetzen. Auch Film, Mode, neue Architektur, neue Möbel, moderne Musik, Werbung, Gestaltung von Briefpapier, Jazz und moderne Bilder sollen im Unterricht besprochen werden, um das Gesamtbild abzurunden.

"The pupil and his growing into his world are more important than the teacher and his background" (Albers 1935)

Ziel dieser Anstrengungen und Änderungen ist es, die Studenten so auszubilden, dass sie mit offenen Augen und ohne Vorurteile die Probleme der Zeit erkennen können und sich dabei nicht durch Fachgebiete einschränken lassen, sondern interdisziplinär denken, wissen, dass sich die Interessen und Bedürfnisse mit der Zeit verändern, kritisch gegenüber Traditionen sind aber trotzdem Respekt vor alten Werken haben und -am Wichtigsten-, dass sie wissen, dass die eigene Erfahrung und Entdeckung mehr wert ist, als aus Büchern wiedergegebenes Wissen. Kunst soll weder ein Kosmetiksalon der Natur sein, keine Imitation der Natur, keine Verschönerung und Unterhaltung; vielmehr eine intellektuelle Dokumentation des Lebens.

"Real art is essential life and essential life is art" (Albers 1935)


Quellen: Hans M. Wingler: Das Bauhaus. Bramsche-Köln 1975
Josef Albers: Art As Experience. Progressive Education October 1935

Donnerstag, 2. April 2009

Botellones

Seit einiger Zeit schlagen hier immer wieder Ankündigungen einer sogenannten "Interessengemeinschaft Lebendiges Linden 2.0" auf, in denen zur Teilnahme an Botellones aufgerufen wird. Eine Botellon ist eine Art kollektives Vorglühen, es kommt ursprünglich aus Spanien und findet dort meistens auf Plätzen und in Parks statt. Letztes Jahr gab es Berichte darüber, dass auch in Zürich regelmäßig Botellones auf öffentlichen Plätzen stattfinden. Nach bisherigen Erkenntnissen hat es bisher 3 Veranstaltungen dieser Art in der Stadt, in der die Limmerstr. liegt gegeben.
Die letzte allerdings fand wegen der niedrigen Temperaturen in der Straßenbahn statt, was bei der Polizei in Hinblick auf den im März 2008 stattgefundenen, im Gegensatz zur Botellon politisch motivierten S-Bahn-Rave wahrscheinlich einen Angstreflex auslöste, dessen Auswirkungen ich im Folgenden beschreiben möchte.
Die Veranstalter hatten einen Fahrplan ausgearbeitet, der die Teilnehmer mit Bus, U-Bahn und S-Bahn durch die Stadt, in der die Limmerstr. liegt geführt hätte.
Gerade im Kontext des Polizeieinsatzes wird nochmals von Seiten der Veranstalter betont, dass es sich bei der Botellon um eine reine Spaßveranstaltung ohne politische Hintergedanken handele.

Im folgenden gebe ich die Erfahrungen meines Freundes M. weiter, der bei der Aktion dabei war.

Die Limmerstr., wo zufälligerweise auch die Anfangshaltestelle lag, war überfüllt mit unauffällig auffälligen Zivilbullen, in den Nebenstraßen hatten sie ihre grauen Passat Kombis abgestellt und schlichen in Zweierteams um die wartenden Botellon-Teilnehmer herum. In der Bahn war das Bild ähnlich: die drahtigen, leicht Asi-mäßig aussehenden Jungs mit Kopfhörern im Ohr waren schlecht getarnte Cops, bei denen man teilweise sogar die Hundemarken erkennen konnte. Dazu kamen noch jede Menge uniformierte Polizisten und Security-Leute. An der Kopernikusstr., wo eigentlich nach einem Kiosk-Stopp ein Umstieg in den Bus geplant war, machten die Polizisten die U-Bahn-Station dicht und hielten die 25 Teilnehmer am alternativsten aussehenden Teilnehmer für ungefähr eine Stunde fest; die bürgerlicher gekleideten Teilnehmer durften die Station verlassen. Die Festgehaltenen erhielten einen Platzverweis für alle Stationen der Botellon und für Hannovers Straßenbahn im Allgemeinen. Der ganze Engelbosteler Damm war gut gefüllt mit Sixpacks, und auch an jeder der 8 Umstiegspunkte wartete jeweils ein Sixpack um die ausgesprochenen Platzverweise kontrollieren zu können.

Das ist natürlich auch eine gute Art, auf effiziente Weise Geld zu verbrennen... Ich bin gespannt auf den Frühling und die für dann angekündigten Aktionen.

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